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Kommentar : Angriff auf Schweden

Trauer und Schock bei jungen Schweden in der Nähe des Anschlagsortes in Stockholm. Bild: Reuters

Nun hat der Terror nach St. Petersburg, London und Berlin auch Stockholm getroffen. Der Anschlag trifft ein Land, dass sich lange als Hafen für Flüchtlinge verstand und schon seit Jahren an seine Grenzen kam.

          Die belebte Haupteinkaufsstraße an einem Nachmittag, ein Lastwagen, der in eine Menschenmenge rast, Bilder von leblosen Körpern auf dem Asphalt. Rauch, Zerstörung, Chaos. Auch wenn noch wenig bekannt ist darüber, was genau am Freitag in Stockholm passiert ist – vor allem auch über den oder die mutmaßlichen Attentäter: Alles deutet darauf hin, dass das Königreich an diesem Tag vom Terror getroffen wurde. Selbst der Ministerpräsident Löfven sprach davon, alles deute auf einen Akt des Terrors hin. Der trifft damit ein Land, dass ohnehin seit vielen Monaten darüber mit sich ringt, wie offen es noch sein soll – und sein kann.

          Es gehört zu dem durch Jahrzehnte sozialdemokratischer Vorherrschaft geprägten Selbstbild der Schweden, als kleines Land doch auch eine humanitäre Weltmacht zu sein. Ob Hilfe für die Schwachen der Welt oder Friedensmissionen: Stets waren die Schweden dabei, stets versuchten sie, Einfluss geltend zu machen. Zu diesem Selbstbild gehörte es auch, besonders großzügig bei der Aufnahme von Fremden und Flüchtlingen zu sein. Lange gelang es, die Neuankömmlinge zu integrieren. Sie fanden Arbeit und ihren Platz im Königreich. Spätestens aber in den neunziger Jahren wurde es schwieriger. Immer mehr kamen, die Wirtschaft stockte, die Arbeitslosigkeit stieg. In manchen Stadtvierteln lebten bald kaum noch gebürtige Schweden. Die Unzufriedenheit stieg auf allen Seiten – gesprochen wurde darüber aber wenig. Das machte es nur schlimmer. Der Nährboden für den Aufstieg der fremdenfeindlichen Schwedendemokraten war da. 2010 kam der islamistische Terror schon einmal in die schwedische Hauptstadt. Ein Attentäter sprengte sich in die Luft. Er riss niemanden mit in den Tod.

          Die Flüchtlingskrise hat viel verändert. Kein Land in Europa hat pro Einwohner mehr Flüchtlinge aufgenommen als Schweden. Der Staat kam an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit – und sprach plötzlich auch darüber. Innerhalb weniger Wochen vollzog die Regierung eine Kehrtwende bei der Asylpolitik – Schweden kontrolliert nun die Grenzen. Die humanitäre Weltmacht erkannte sich kaum wieder. Die Viertel, in die Polizisten nicht mehr alleine gehen. Die Einwandererkinder, die in den Krieg in Syrien gezogen sind. Der Blick im Königreich auf die eigene Großzügigkeit hat sich verändert. Die Diskussion ist ungewohnt scharf. Der Anschlag wird sie wohl noch weiter zuspitzen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

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