https://www.faz.net/-gpf-8wp80

Kommentar : Angriff auf Schweden

Trauer und Schock bei jungen Schweden in der Nähe des Anschlagsortes in Stockholm. Bild: Reuters

Nun hat der Terror nach St. Petersburg, London und Berlin auch Stockholm getroffen. Der Anschlag trifft ein Land, dass sich lange als Hafen für Flüchtlinge verstand und schon seit Jahren an seine Grenzen kam.

          1 Min.

          Die belebte Haupteinkaufsstraße an einem Nachmittag, ein Lastwagen, der in eine Menschenmenge rast, Bilder von leblosen Körpern auf dem Asphalt. Rauch, Zerstörung, Chaos. Auch wenn noch wenig bekannt ist darüber, was genau am Freitag in Stockholm passiert ist – vor allem auch über den oder die mutmaßlichen Attentäter: Alles deutet darauf hin, dass das Königreich an diesem Tag vom Terror getroffen wurde. Selbst der Ministerpräsident Löfven sprach davon, alles deute auf einen Akt des Terrors hin. Der trifft damit ein Land, dass ohnehin seit vielen Monaten darüber mit sich ringt, wie offen es noch sein soll – und sein kann.

          Es gehört zu dem durch Jahrzehnte sozialdemokratischer Vorherrschaft geprägten Selbstbild der Schweden, als kleines Land doch auch eine humanitäre Weltmacht zu sein. Ob Hilfe für die Schwachen der Welt oder Friedensmissionen: Stets waren die Schweden dabei, stets versuchten sie, Einfluss geltend zu machen. Zu diesem Selbstbild gehörte es auch, besonders großzügig bei der Aufnahme von Fremden und Flüchtlingen zu sein. Lange gelang es, die Neuankömmlinge zu integrieren. Sie fanden Arbeit und ihren Platz im Königreich. Spätestens aber in den neunziger Jahren wurde es schwieriger. Immer mehr kamen, die Wirtschaft stockte, die Arbeitslosigkeit stieg. In manchen Stadtvierteln lebten bald kaum noch gebürtige Schweden. Die Unzufriedenheit stieg auf allen Seiten – gesprochen wurde darüber aber wenig. Das machte es nur schlimmer. Der Nährboden für den Aufstieg der fremdenfeindlichen Schwedendemokraten war da. 2010 kam der islamistische Terror schon einmal in die schwedische Hauptstadt. Ein Attentäter sprengte sich in die Luft. Er riss niemanden mit in den Tod.

          Die Flüchtlingskrise hat viel verändert. Kein Land in Europa hat pro Einwohner mehr Flüchtlinge aufgenommen als Schweden. Der Staat kam an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit – und sprach plötzlich auch darüber. Innerhalb weniger Wochen vollzog die Regierung eine Kehrtwende bei der Asylpolitik – Schweden kontrolliert nun die Grenzen. Die humanitäre Weltmacht erkannte sich kaum wieder. Die Viertel, in die Polizisten nicht mehr alleine gehen. Die Einwandererkinder, die in den Krieg in Syrien gezogen sind. Der Blick im Königreich auf die eigene Großzügigkeit hat sich verändert. Die Diskussion ist ungewohnt scharf. Der Anschlag wird sie wohl noch weiter zuspitzen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Ausgangssperre nach schweren Unruhen Video-Seite öffnen

          Gespräche in Ecuador geplant : Ausgangssperre nach schweren Unruhen

          Die seit Tagen anhaltenden Ausschreitungen in Ecuador nehmen kein Ende - nun soll es erste Gespräche zwischen den Demonstranten und der Regierung geben. Nach schweren Unruhen in der Hauptstadt Quito verhängte Präsident Lenín Moreno eine Ausgangssperre.

          Drüben wird mitgehört

          AKK im Baltikum : Drüben wird mitgehört

          Im Baltikum beobachtet man Amerikas sprunghaften Präsidenten mit wachsender Sorge. Man hofft auf Europa – und wünscht sich mehr Engagement Deutschlands. Der Besuch der Verteidigungsministerin hat aber auch taktische Hintergründe.

          Topmeldungen

          Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

          Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

          Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
          Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

          Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

          Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.