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Kommentar : Amerikas schlechtes Gewissen

Donald Trump führt einen Wahlkampf der unverhohlenen rassistischen Ressentiments. Auch aus den Todesschüssen von Dallas versucht der Geschäftsmann Profit zu schlagen.

          3 Min.

          Donald Trump hat versprochen, Recht und Ordnung in Amerika wiederherzustellen. Den Massenmord an Polizisten in Dallas bewertete er als Kriegshandlung: „ein Angriff auf unser Land“. Der Präsidentschaftsbewerber verkündete, dass die Zeit für starke Führungskraft gekommen sei. Mit seiner bei Facebook publizierten Stellungnahme löste Trump erwartungsgemäß Bestürzung und Empörung aus. Wider Erwarten bei den eigenen Anhängern. Republikanische Stammwähler stellen alarmierte Fragen. Steht Trump etwa nicht an der Seite der Polizei?

          Trump hatte Vorsorge treffen wollen, um dieses Missverständnis zu vermeiden. Aber das Foto, das ihn an der Seite blau uniformierter starker Führungskräfte der Polizei seiner Heimatstadt hätte zeigen sollen, konnte nicht geknipst werden. William Bratton, der Polizeichef von New York, untersagte es. Er teilte mit, seine Behörde habe ein Interesse daran, sich aus der Tagespolitik herauszuhalten. Diese Neutralität hatte ihn vor einigen Wochen nicht daran gehindert, Trumps Plan eines Einreiseverbots für Muslime als Gefährdung der nationalen Sicherheit zu kritisieren.

          Bratton, der Garant einer Polizeitaktik des symbolischen Durchgreifens, dem der ultraliberale New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio den Traumjob zurückgab, verspottete Trump bei dieser Gelegenheit zudem als Maulhelden und stellte ihm Präsident Obama gegenüber, der mit Drohnen wortlos „die Bastards“ töte, „bevor sie uns töten können“. Der Vergleich war unfair, denn Trump will sich in das Amt erst wählen lassen, dessen Kompetenzen Obama stillschweigend um die Lizenz zum Töten erweitert hat. Aber da Trump seine Fernsehprominenz als Ausweis der Tatkraft vermarktet, musste er sich Brattons Sonntagsschulweisheit gefallen lassen: „Taten sprechen lauter als Worte.“

          Die „New York Times“ erörterte soeben die Eventualität, dass der Sieger Trump am 8. November die Wahl ausschlagen könnte. Denkt er am Ende gar nicht daran, seinen Worten Taten folgen zu lassen? Für viele seiner Fans gilt jedenfalls, dass nichts so laut spricht wie Worte. Ihr Idol soll lauter werden und immer noch lauter. Das ist dann vielleicht schon die Revolution und lenkt von unerfreulichen Handlungszwängen ab. Viel mehr als der juristisch geschulte Rhetoriker Obama ist Trump ein Mann des Wortes. Obama wirkte mindestens ebenso sehr durch sein Aussehen. Es klingelt den Trumpisten in den Ohren, wenn ihr Mann den Mund aufmacht, und ebendeshalb hat Trump mit seinem Kommentar über die Morde in Dallas Panik ausgelöst.

          In seine Gebete für die ermordeten Polizisten schloss der Kandidat die beiden Schwarzen in Louisiana und Minnesota ein, deren auf Video dokumentiertes Sterben durch Polizeikugeln der Auslöser für den Protestmarsch von Dallas gewesen war. Trump sprach von zwei „sinnlosen, tragischen Toden“. Das Wort des Anstoßes ist „sinnlos“ („senseless“). Man könnte es fast überhören: So laut klingt es in europäischen Ohren nicht, es wirkt für Trumps Verhältnisse richtiggehend dezent.

          Wahlkampf mit rassistischen Ressentiments

          Ein sinnloser Tod: scheinbar nur ein Klischee der Pietät. Aber Trump musste sich vorhalten lassen, er greife den amtlichen Untersuchungen vor. Tatsächlich ist denkbar, dass die Staatsanwälte dem Schützen in Minnesota im Ergebnis zugutehalten werden, er habe in der irrtümlichen Annahme geschossen, sein Gegenüber werde sogleich eine Waffe ziehen, und könne deshalb nicht bestraft werden. So kam der Polizist davon, der in Ferguson Michael Brown erschoss, der mitten auf der Straße spaziert war - ein Grund für sofortigen Zugriff in Brattons Welt der Nulltoleranz.

          Selbst wenn der Schütze entschuldigt werden müsste: Wäre der Tod eines Autofahrers, der wegen eines defekten Rücklichts angehalten wurde und vielleicht wirklich nur seine Brieftasche zücken wollte, nachdem er seine Waffe vorsorglich erwähnt hatte, nicht trotzdem sinnlos? So sieht es wohl Trump. Die fanatischen Lobbyisten der Polizei sehen es nicht so: Wenn es für die Schüsse einen Grund gab, hatte der Tod einen Sinn. Der Vorsitzende eines Polizistenverbands mit 241 000 uniformierten Mitgliedern hat Obama jetzt des Appeasements gegenüber den Feinden der Polizei bezichtigt: Der Präsident sei der Chamberlain des „War on Cops“. Warum spielt Trump nicht den Churchill? Wieso nannte er die Tode sinnlos?

          Trump ist ein Geschäftsmann. Jenseits der rechtlichen Einordnung des Einzelfalls muss ihm ins Auge fallen, welche Verschwendung ein System produziert, in dem solche Fälle regelmäßig vorkommen. Trump führt einen Wahlkampf der unverhohlenen rassistischen Ressentiments. Aus ihm spricht, wie man allenthalben liest, das Unterdrückte und das Verdrängte, alles, was man in anständiger Gesellschaft nicht ausspricht. Das mag so sein. Als er über die Toten der vergangenen Woche sprach, meldete sich in seinen Worten das schlechte Gewissen Amerikas.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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