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Kolumbien : Zerfallsprozesse im Dschungel

  • -Aktualisiert am

Einige Mitglieder der Farc ergeben sich Bild: AP

Die kolumbianische Guerrilla-Organisation Farc existiert seit 40 Jahren. Nach der Befreiung Ingrid Betancourts scheint sie geschwächt wie nie zuvor. Kolumbien hofft, sie endlich besiegen zu können.

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          Die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) haben in diesem Jahr so schwere Schläge einstecken müssen wie nie zuvor in ihrer vierzigjährigen Existenz. Deshalb ist die kolumbianische Regierung offenbar mehr denn je überzeugt, die Guerrilla-Organisation endlich besiegen zu können.

          Außenpolitisch hat Bogotá daher eine neue Strategie eingeschlagen: Europäische Vermittlung ist nicht mehr erwünscht. Nach der vom kolumbianischen Militär raffiniert eingefädelten Befreiung Betancourts, dreier amerikanischer Staatsbürger und elf weiterer Geiseln Anfang Juli muss die kolumbianische Regierung keine Rücksicht mehr auf Frankreich nehmen. Die französische Regierung hatte stets verlangt, nichts zu unternehmen, was das Leben Betancourts gefährden könnte.

          Harsche Absage an die Vermittlertätigkeit

          So hat sich der neue kolumbianische Außenminister Jaime Bermúdez bei seinem Besuch in Paris in diesen Tagen zwar für französische Hilfsangebote höflich bedankt, aber zugleich betont, dass Frankreich nicht länger benötigt werde, um mit der Guerrilla zu verhandeln.

          Wiedersehen: Ingrid Betancourt mit ihrer Schwester

          Das war einerseits eine Reaktion auf manche Ungeschicklichkeit der französischen Regierung bei früheren gescheiterten Versuchen, Ingrid Betancourt und die anderen Geiseln aus der Gewalt der Farc zu befreien; andererseits aber auch eine harsche Absage an die Vermittlertätigkeit dreier Personen aus Frankreich, Spanien und der Schweiz, die Kontakte zur Guerrilla unterhalten und versucht hatten, eine Freilassung der Geiseln zu erwirken.

          Ein Netz von Informanten

          Bogotá wirft dem französischen Mittelsmann Noël Sáez und dem Schweizer Jean-Pierre Gontard vor, unter dem Einfluss der Farc gestanden zu haben. Gontard soll nach Äußerungen des kolumbianischen Verteidigungsministers Juan Manuel Santos gar als Geldbote für die Terrororganisation bei der Zahlung von Lösegeld in einem Entführungsfall im Jahr 2000 tätig gewesen sein. Bewiesen ist all das bislang nicht, die Hinweise auf derlei mögliche Aktivitäten Gontards, eines Genfer Professors, stammen aus den Computern des Guerrilla-Anführers Raúl Reyes, die bei dem Angriff auf ein Farc-Lager Anfang März in Ecuador sichergestellt worden waren.

          Die kolumbianische Regierung gibt Informationen aus den Datenträgern des Guerrilla-Chefs nur tröpfchenweise und wie es ihr opportun erscheint preis. Die jüngsten Enthüllungen sollen offensichtlich demonstrieren, in welchem Maß es Reyes gelungen war, in Europa ein Netz von Informanten und Sympathisanten zu unterhalten, meist unter dem Deckmantel gemeinnütziger ziviler Organisationen. So will die kolumbianische Regierung die Verbindungen der Guerrilla mit ihren europäischen Stützpunkten kappen.

          Argwohn auf die Schweiz

          Die Erkenntnisse aus den Rechnern von Reyes haben kürzlich zu der Verhaftung einer Farc-Repräsentantin in Spanien geführt und ein allem Anschein nach recht inniges Verhältnis der Guerrilla zur spanischen Terrororganisation Eta offenbart. Die Enttarnung eines Verbindungsmanns in der Schweiz hat darüber hinaus gezeigt, dass sich dort eine regelrechte Drehscheibe der Farc befand, über die die Guerrilla ihre europäischen Sympathisantengruppen finanzierte und sich möglicherweise auch Waffen beschaffte. Ein 39 Jahre alter vorgeblicher kolumbianischer Philosophieprofessor mit dem Decknamen Lucas Gualdrón wird von den kolumbianischen Behörden beschuldigt, auch bei den Kontakten zwischen Farc und Eta Mittelsmann gewesen zu sein.

          In der Schweiz vermuten die kolumbianischen Geheimdienste noch mindestens fünf weitere Farc-Verbindungsleute. Das Land ist ein wichtiger Brückenkopf für die kolumbianische Guerrilla-Organisation geworden, weil es nicht zur EU gehört und deshalb auch nicht dem Verdikt unterliegt, die Guerrilla-Organisation als terroristische Vereinigung betrachten zu müssen. Schon deshalb richtet sich der Argwohn Bogotás auf die Schweiz. Die Anschuldigungen gegen den Vermittler Gontard werden von einigen Beobachtern als eine Art Repressalie gegenüber den Eidgenossen angesehen. Gontard wird von Kolumbien inzwischen auch verdächtigt, als Kurier zwischen den Farc und dem Gewährsmann Gualdrón tätig gewesen zu sein.

          Angriffe als Ablenkungsmanöver

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