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Kolumbien : Zerfallsprozesse im Dschungel

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Die beiden Vermittler aus Frankreich und der Schweiz hatten bei der spektakulären Befreiungsaktion mit dem Decknamen „Schach“, die Betancourt und den anderen 14 Geiseln die Freiheit brachte, allerdings eine möglicherweise entscheidende Rolle gespielt - freilich ohne es zu wissen. In Kolumbien war bekannt, dass beide einige Tage zuvor mit den Farc über die mögliche Freilassung von Entführten gesprochen hatten. Die in die Farc eingeschleusten Militärs konnten daher den Bewachern der Geiseln glaubhaft machen, die Entführtengruppe müsse zum neuen obersten Anführer Alfonso Cano gebracht werden, um die Modalitäten für einen Austausch gegen gefangene Guerrilleros auszuhandeln. Diese Finte ermöglichte es, die Geiseln zu befreien.

Alain Délétroz, Europa-Vizepräsident der Nichtregierungsorganisation „International Crisis Group“, hält die Angriffe Bogotás auf den Schweizer Verbindungsmann für ein Ablenkungsmanöver. Die Vermittler seien vom kolumbianischen Militär regelrecht missbraucht worden, um die Operation als humanitäres Unternehmen zu kaschieren und die Farc-Kommandanten zu täuschen, sagte der Beobachter einer Schweizer Zeitung. Die Regierung Uribe versuche überdies, die Öffentlichkeit noch von anderen Manövern abzulenken, mit denen die Befreiungsaktion getarnt worden war, wie etwa der missbräuchlichen Benutzung der Embleme des Roten Kreuzes und der Fernsehgesellschaft „Telesur“.

Verrat zweier Anführer

Sogar Kritiker des konservativen Präsidenten Uribe und seiner Regierung sind jedoch geneigt, diese Tricks als illegale Mittel anzusehen, die der hehre Zweck der Geiselbefreiung schließlich geheiligt habe. Die Farc selbst bemühen sich, die Operation als Verrat zweier ihrer Anführer darzustellen, die Betancourt und die anderen Entführten bewacht hatten. Damit versucht die Guerrilla auch zu suggerieren, dass möglicherweise Geld geflossen sei oder dass die Behörden den beiden sonstige Vorteile gewährt hätten.

Die Zustimmung zu der Militäroperation war weltweit ungeteilt. Sogar der venezolanische Präsident Hugo Chávez, einer der schärfsten Kritiker Uribes, zollte Beifall. Die kolumbianische Regierung will den Sieg über die Guerrilla als ihr ureigenes Verdienst feiern. Auch das erklärt ihre Aversion gegen ausländische Mittelsleute, hatte doch Chávez demonstriert, wie der Selbstdarstellungsdrang eines Vermittlers mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen kann.

„Operation Schach“

Während der kolumbianische Verteidigungsminister betonte, die Befreiungsoperation sei zu hundert Prozent kolumbianisch gewesen, meinen viele Beobachter, dass Kolumbien ohne ausländische Hilfe den Coup der Geiselbefreiung nicht hätte zustande bringen können. Das Militär des Landes ist in den vergangenen Jahren vor allem durch die Vereinigten Staaten ausgerüstet und von amerikanischen Spezialisten trainiert worden. Bei der „Operation Schach“ wurde wahrscheinlich amerikanische Abhörtechnik benutzt. Zusätzlich sollen israelische Geheimdienstleute mit elektronischem Gerät die Stimmen von Farc-Kommandanten imitiert und damit die Bewacher der Geiseln getäuscht haben.

Der Schachzug der Befreiungsaktion könnte Präsident Uribe und seine Regierung glauben machen, die Farc-Guerrilla sei endgültig mit militärischen Mitteln zu besiegen. Das befürchten auch solche Beobachter, die den Erfolg des kolumbianischen Militärs bei der Zerschlagung der Organisationsstrukturen der Guerrilla sehr wohl anerkennen. Das „Sekretariat“, die Führungsgruppe der Farc, hat tatsächlich längst nicht mehr alle ihre „Fronten“ unter Kontrolle. Einige Einheiten wurden durch die Streitkräfte inzwischen regelrecht aufgerieben.

Geld aus dem Drogengeschäft

Die Farc-Führung versucht währenddessen, ihre Leute mit Durchhalteparolen bei der Stange zu halten. „Die wirklichen Kämpfer tauschen nicht die Berge des Vaterlandes und auch nicht ihre Überzeugungen gegen eine erniedrigende Verbannung in Übersee“, heißt es in einem Kommuniqué, in dem die Farc-Führung bestreitet, dass die Guerrilla besiegt sei. Sie lehnt den Vorschlag ab, bei einer Freigabe der restlichen 26 Geiseln im Austausch gefangene Guerrilleros ins Ausland ausreisen zu lassen. Frankreich hat sich bereit erklärt, die Rebellen aufzunehmen.

Die Farc haben ihre Kapazität, Nachwuchs zu rekrutieren, trotz aller Rückschläge nicht eingebüßt. Aber der Aderlass an erfahrenen Kämpfern, die reihenweise desertieren, hinterlässt immer deutlichere Spuren. Der Zerfall der Farc in eine Reihe marodierender Gruppierungen scheint sich kaum aufhalten zu lassen. Ein Teil der Guerrilla will sich offenbar dadurch retten, dass er sich als führende Kraft einer politischen Linksbewegung aufspielt; andere Fraktionen werden versuchen, wie bisher mit Geld aus dem Drogengeschäft zu überleben, und wieder andere werden als rein kriminelle Vereinigungen fortbestehen.

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