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Nach Beteiligung an Protesten : Kolumbien schiebt Frankfurterin ab

Rebecca Sprößer auf ihrem Instagram-Kanal Ende Mai Bild: Foto Rebecca Linda Marlene/Instagram

Die Frankfurterin Rebecca Sprößer flog nach Kolumbien, um Salsa zu tanzen. Dann kam es zu Protesten gegen die Regierung. Sie machte mit – und war damit nicht mehr Journalistin, sondern Aktivistin. Nun muss sie das Land verlassen.

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          Rebecca Sprößer war im März nach Cali in Kolumbien aufgebrochen. In der „Hauptstadt des Salsa“ suchte sie die kolumbianische Lebensfreude und das Abenteuer, wie sie einmal sagte. Und dann habe sie sich in die Menschen um sich herum verliebt und begonnen, an einer Tanzschule als Freiwillige zu arbeiten, um ihren Aufenthalt zu verlängern.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Doch die Einträge der 34 Jahre alten Frankfurterin in den sozialen Medien änderten schon bald ihre Gestalt, als in Kolumbien die landesweiten und teilweise sehr gewaltsamen Proteste gegen die Regierung ausbrachen und auch die Tanzschule wegen der Ausgangssperren zublieb.

          Sprößer, die vor ihrer Reise nach Kolumbien eine Zeitlang in Mexiko und anderen Ländern lebte und nach eigenen Angaben auch journalistisch tätig war, beschloss, über die Vorgänge in Kolumbien, die Polizeigewalt und die Situation der zumeist jungen Demonstranten zu berichten. In Cali, wo die Proteste am heftigsten tobten und zahlreiche Demonstranten getötet wurden, hängte sie sich an die Fersen der Demonstranten und der lokalen Journalisten, um das Erlebte in den sozialen Netzwerken zu publizieren. Auf einem Profilbild, das sie Ende Mai auf Facebook veröffentlichte, trug sie einen Helm mit der Aufschrift „Deutsche Presse“. Sprößer schrieb deutsche Medien an und bot sich für Interviews an. Auch in Kolumbien selbst war die Frankfurterin zusehends ins mediale Rampenlicht geraten. Bereitwillig berichtete sie den kolumbianischen Medien von ihren Erlebnissen und ihrer Sicht der Dinge.

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          Doch ihre kritische Distanz zu den Demonstranten wurde immer kleiner, ihre Identifikation mit ihnen und die Sympathien wuchsen. Irgendwann kam sie zur Einsicht, dass ihre Arbeit in Kolumbien nicht mehr mit dem Pressekodex vereinbar sei, da sie sich der Widerstandsbewegung angeschlossen habe und von der Journalistin zur Demonstrantin geworden sei. Nach einem Gespräch mit dem Komitee der internationalen Presse gab sie in einer Erklärung in den sozialen Medien bekannt, dass sie „zum Wohle und zur Ehre der deutschen Presse“ autonom handle und ihre Publikationen nicht den institutionellen Kriterien der deutschen Presse entsprächen, sondern ihre persönliche Sicht widerspiegelten.

          Sprößer war landesweit bekannt

          Den Demonstranten in Cali war Sprößer längst bekannt. Ihre Einträge in den sozialen Medien zeigen, wie sie immer tiefer in den Kreis der sogenannten „ersten Linie“, der vordersten Front, eindrang. Sprößer stellte sich auf die Straße und der Polizei entgegen, deren Gewalt gegen die Demonstranten sie denunzierte. Sie exponierte sich in den sozialen Netzwerken und den lokalen Medien. Spätestens nach einem Porträt in der Nationalen Zeitung El Espectador war die „Deutsche aus der ersten Linie in Cali“ landesweit bekannt. Nicht allen schien das zu gefallen. Den Journalisten berichtete Sprößer von Einschüchterungen und anonymen Morddrohungen.

          Es sollte nicht bei Drohungen bleiben. In ihrem vorläufig letzten Eintrag auf Facebook berichtete Sprößer vor wenigen Tagen, dass sie und ein Freund Opfer eines gewaltsamen Angriffs geworden seien. Ein Angreifer habe auf sie geschossen, ihr Freund sei durch mehrere Schüsse schwer verletzt worden, sie selbst sei mit leichten Verletzungen und dem Schrecken davongekommen. Die lokalen Medien berichteten, eine Bestätigung des mutmaßlichen Angriffs von offizieller Seite gab es nicht. Dennoch zeigte sich der deutsche Botschafter in Bogotá, Peter Ptassek, besorgt über die Nachrichten.

          Nachdem Sprößer den Angriff in Cali dem „Komitee für politische Gefangene“ in Cali gemeldet hatte, wurde sie von Beamten der Polizei und der Einwanderungsbehörde festgenommen und am Dienstag des Landes verwiesen. Sie sei als Touristin nach Kolumbien eingereist, doch habe sich an Aktionen beteiligt, die nichts mit ihrem Einreisestatus zu tun hätten und die öffentliche Ordnung störten, hieß es in der Begründung der Einwanderungsbehörde.

          Sprößer darf bis auf Weiteres nicht mehr nach Kolumbien einreisen. Ihr Abenteuer in der Hauptstadt des Salsa hat ein jähes Ende genommen. Doch anders als die Dutzenden jungen Kolumbianer, die bei den Protesten getötet wurden, kam sie noch einmal unversehrt davon.

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