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Kolumbien : Jung, entführt, erschossen

  • -Aktualisiert am

Was weiß Kolumbiens Armee über Hunderte „Verschwundene”? Bild:

Dutzende Jugendliche aus den Armenvierteln von Bogotá gelten als vermisst. Sie seien der Linksguerrilla oder rechten Paramilitärs gefolgt und im Kampf gefallen, sagt das Militär. Doch der Verdacht richtet sich längst auf die Streitkräfte selbst.

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          Ihnen war Arbeit und Geld versprochen worden. Dutzende Jugendliche aus Armenvierteln der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá und ihrer Umgebung haben den Versprechungen geglaubt. Sie sind den fremden Männern gefolgt und gelten seitdem als vermisst. Von einigen dieser jungen Leute im Alter zwischen 17 und 32 Jahren sind inzwischen die Leichen aufgetaucht. Das Militär behauptete, die Betreffenden seien zwischen Januar und August bei Kämpfen mit illegalen bewaffneten Gruppierungen getötet worden.

          Linksguerrilla, rechtsgerichtete Paramilitärs und nach deren weitgehender Auflösung neu entstehende Schwadronen wie etwa die „Schwarzen Adler“ pflegen tatsächlich ihren Personalbedarf in Elendsvierteln und bei Randgruppen der Gesellschaft zu decken. Arbeitslose und drogenabhängige Jugendliche und immer wieder auch Kinder sind nach Angaben des kolumbianischen Ombudsmanns in mindestens neun der 32 Departements Kolumbiens Opfer solcher Rekrutierungsaktionen geworden. Insofern schien die Erklärung der Streitkräfte plausibel.

          Tote Jugendliche als Trophäe

          Verwunderlich war indes, dass die inzwischen 23 in Massengräbern aufgetauchten Leichname der Jugendlichen weit entfernt von ihrem Wohnort im Norden des Landes gefunden wurden. Die angeblich als Kämpfer der bewaffneten illegalen Gruppierungen angeworbenen jungen Leute waren, wie sich herausstellte, meist schon kurz nach dem Verlassen ihres Wohnortes Anfang des Jahres zu Tode gekommen, die meisten durch Rückenschüsse. Insgesamt sollen bislang 40 Jugendliche auf diese Weise „verschwunden“ sein, wie die kolumbianische Senatorin Piedad Córdoba mitteilte, die früher zwischen der Regierung und der Guerrillagruppe „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) vermittelte. Inzwischen hat Verteidigungsminister Juan Manuel Santos die Justizbehörden aufgefordert, die mysteriösen Todesfälle mit größter Dringlichkeit aufzuklären.

          Der Verdacht richtet sich längst auf die Streitkräfte selbst. Die Jugendlichen könnten von Militärs unter falschen Versprechungen von ihren Wohnorten weggelockt und in unwegsamen Urwaldgebieten, in denen die Streitkräfte angeblich die Guerrilla oder paramilitärische Gruppierungen bekämpften, umgebracht worden sein, um sie als Trophäe im Kampf gegen den Terrorismus zu präsentieren, lautet die gängigste Vermutung.

          Belohnung für getötete Terroristen

          In bislang unbekanntem Ausmaß hatten Angehörige des kolumbianischen Militärs zuvor schon unbedarfte Personen aus den Randgruppen der Gesellschaft getötet und als vorgeblich im Kampf getötete Aufständische deklariert, weil dies Karrierevorteile oder andere Vergünstigungen bringt. Ermittlungen laufen derzeit in 750 derartigen Fällen, ein halbes Hundert Militärs ist bereits verurteilt worden. Neu wäre im Fall der verschwundenen Jugendlichen die Systematik, mit der mögliche Opfer beschafft wurden.

          Regierungsvertreter geben zu, dass es sich dabei nicht mehr um Rekrutierungsaktionen, sondern um gewaltsame Entführungen mit dem Ziel der Ermordung der betreffenden Personen gehandelt habe. Immerhin werden in Kolumbien Soldaten regelmäßig belohnt, wenn sie Aufständische getötet haben. Verteidigungsminister Santos will nicht ausschließen, dass die Streitkräfte ihrerseits Zielscheibe eines „makabren Komplotts“ geworden sein könnten, bei dem sie in etwas hineingezogen würden, womit sie nichts zu tun hätten. Die Vorfälle sollten auf jeden Fall „bis zu den letzten Konsequenzen“ untersucht werden, gleich wer in die Verbrechen verwickelt sei, forderte der Minister. Die Regierung sei „sehr besorgt“ über die aufgedeckten Todesfälle.

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