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Kolumbien : Guerrilla in Auflösung

  • -Aktualisiert am

Pedro Antonio Marín, besser bekannt als „Manuel Marulanda” Bild: AFP

Der Farc-Anführer Manuel Marulanda ist tot. Und Kolumbiens Präsident Uribe ist sich seiner Sache nun so sicher, dass er schon eine Freilassung Ingrid Betancourts in Aussicht stellt. Fraglich ist aber, welchen Einfluss Marulanda überhaupt noch hatte.

          Oft schon war er totgesagt worden. Zumindest sei er zuletzt sehr geschwächt gewesen wegen eines schweren Krebsleidens, hieß es immer wieder. Nun ist Manuel Marulanda, der legendäre Gründer und Anführer der Guerrilla-Organisation „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich im Alter von fast 80 Jahren gestorben. Der Generalstabschef der kolumbianischen Streitkräfte nannte sogar einen Todeszeitpunkt: den 26. März um 18.30 Uhr.

          Verteidigungsminister Juan Manuel Santos hatte zuvor schon behauptet, eine sichere Quelle, die „bisher noch nicht versagt hat“, habe ihn über das Ableben von Marulanda informiert. Unklar sei nur, ob er bei Kämpfen mit dem Militär ums Leben kam oder einem Herzinfarkt erlag.

          Farc bestätigen den Tod

          Die Farc haben inzwischen den Tod ihres Anführers bestätigt. In einem Video, das der Fernsehsender TeleSur ausstrahlte, heißt es, Marulanda sei am 26. März einem Herzinfarkt erlegen. Verteidigungsminister Santos forderte daraufhin die verbliebenen Mitglieder der Farc-Führung auf, die Waffen niederzulegen und sich einem Friedensprozess anzuschließen. An der Bedeutung des Guerrilla-Veteranen für den Aufbau und die Kampfkraft der Mitte der sechziger Jahre von ihm gegründeten, damit ältesten aktiven und zuletzt auch größten Guerrilla-Organisation Lateinamerikas gibt es keinen Zweifel. Doch die Frage ist, welchen Einfluss er überhaupt noch hatte.

          Bei den Friedensgesprächen zwischen 1998 und 2002 war der Farc-Kommandant, der mit bürgerlichem Namen Pedro Antonio Marín hieß und den martialischen Spitznamen „Tirofijo“ (Sicherer Schuss) trug, zum letzten Mal öffentlich in Erscheinung getreten. Venezuelas Präsident Hugo Chávez behauptete, während seiner Vermittlungsmission im vergangenen Jahr von Marulanda persönlich unterzeichnete Botschaften erhalten zu haben, die „nicht aus dem Jenseits gekommen“ seien. Chávez hatte immer wieder behauptet, er müsse auf gleicher Augenhöhe mit der einzigen Autorität der Farc verhandeln, und das war für ihn Marulanda, der auch den Zusammenhalt der Guerrilla-Organisation garantierte.

          Unter der Führung des aus bäuerlichen Verhältnissen stammenden Marulanda waren die Farc bis in die achtziger Jahre eine in abgeschiedenen ländlichen Gebieten operierende Linksguerrilla. Kassierten sie zunächst bei den Kokabauern lediglich Schutzgelder, engagierten sie sich später zunehmend selbst im illegalen Drogenhandel, der neben erpresserischen Geiselnahmen zu ihrer Hauptgeldquelle wurde. Von den neunziger Jahren an, nach dem Scheitern von Friedensgesprächen 1991 und 1992, verstärkten die Farc ihren bewaffneten Kampf. Sie begingen zahlreiche Attentate auf militärische und zivile Einrichtungen und versuchten, eine Stadtguerrilla aufzubauen. Außerdem begannen sie auf Geheiß Marulandas massiv Militärs, Polizisten und Politiker zu entführen, unter ihnen die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt als prominentestes Opfer, um sie gegen gefangene Guerrilleros auszutauschen.

          100 Millionen Dollar für abtrünnige Guerrilleros

          Bei allen Kontakten mit der Guerrilla, bei denen es um einen solchen vorgeblich „humanitären“ Austausch ging, war offenbar aber nicht mehr Marulanda, sondern der zweite Mann hinter ihm, Raúl Reyes, als eine Art generalbevollmächtigter Geschäftsführer der Guerrilla Hauptansprechpartner. Reyes ist bei dem Angriff kolumbianischer Militärs auf sein Lager auf ecuadorianischem Territorium am 1. März getötet worden. Innerhalb eines Monats hätten damit die Farc ihre beiden wichtigsten Anführer verloren. Der neue erste Mann, Alfonso Cano, ist ein strammer Marxist und firmierte bisher als Chefideologe der Guerrilla. Doch könnte ihn bald ein ähnliches Schicksal ereilen wie vor wenigen Tagen die einzige Anführerin, die Guerrillera Karina, deren Front von den kolumbianischen Streitkräften aufgerieben wurde. Sie hatte sich schließlich den Behörden ergeben. Alfonso Cano und seine Leute sind angeblich von Militäreinheiten im Südwesten Kolumbiens umzingelt.

          Karina bestätigte, dass es zwar immer noch Kämpfer in den Reihen der Farc gebe, die zu allem entschlossen seien, dass die Guerrilla jedoch letztlich am Ende sei. So klingt die jüngste Mitteilung des kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe plausibel, Farc-Guerrilleros hätten angeboten, die Waffen niederzulegen und die von ihnen festgehaltenen Geiseln, darunter Frau Betancourt, freizulassen. Sie hätten gefragt, welche Gegenleistung sie erwarten dürften.

          Seine Regierung habe einen Fonds von 100 Millionen Dollar geschaffen, erläuterte Uribe. Das Geld sei für Farc-Mitglieder bestimmt, „die sich demobilisieren, die Gruppe verlassen und Entführte freigeben“. Außerdem solle ein „Mechanismus bedingter Freiheit“ gefunden werden, über den frühere Farc-Kämpfer in ein Drittland wie etwa Frankreich ausreisen könnten.

          Wenige Stunden zuvor hatte Uribe in Brasília am Gipfeltreffen teilgenommen, bei dem auf brasilianisches Betreiben die Gründungsurkunde für das einstweilen zwölf Länder umfassende Staatenbündnis „Unasur“ (Union der südamerikanischen Staaten) unterzeichnet wurde. Dabei drohte ausgerechnet der Konflikt in seinem Land den nach mehreren vergeblichen Anläufen in Gang gesetzten neuerlichen Integrationsprozess schon wieder zu torpedieren. Uribe weigerte sich, der Bildung eines die gesamte Region umfassenden „Verteidigungsrates“ zuzustimmen, der einzigen handfesten Initiative des Gipfels. Der Rat sollte dazu dienen, Konflikte zwischen einzelnen Mitgliedstaaten beizulegen. Uribe, der sich nach den jüngsten Erfolgen gegen die Farc gestärkt fühlt, stört sich vor allem daran, dass bislang praktisch keines der übrigen „Unasur“-Mitgliedsländer bereit ist, die Farc als terroristische Vereinigung anzusehen, und dass einzelne Staaten wie etwa Venezuela oder Ecuador den Farc sogar einen Status als politische Vereinigung zubilligen könnten.

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