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Kolumbianische Stadt Medellín : Das Wunder der Comuna 13

Ewiger Frühling: Blick durch die Fenster der „Biblioteca Espana“ auf eine Gondel des „Metrocable“ in Medellin Bild: Jonas Wresch

Bekannt ist Medellín vor allem durch Pablo Escobars früheres Rauschgiftimperium. Aber nichts von dem, was heute in der „Comuna 13“ zu sehen ist, will zu dem passen, was die Welt über die Stadt weiß.

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          Da oben sollen sie liegen“, sagt Camilo. Sein ausgestreckter Arm weist auf einen hellbraun schimmernden Einschnitt auf halber Höhe des gegenüberliegenden Berghanges. Bis heute ist ungewiss, wie viele Leichen dort verscharrt wurden. Diego Fernando Murillo Bejanaro, dessen kriminelle Laufbahn in den achtziger Jahren unter Pablo Escobár, dem Anführer des Medellín-Kartells, begonnen hatte und der unter dem nom de guerre „Don Berna“ zu einem der mächtigsten Anführer der „Autodefensas Unidas de Colombia“ aufstieg, hat den Ort des Massengrabes vor einiger Zeit Staatsanwälten gezeigt. Niemand weiß, wie viele Leute von Don Bernas „Selbstverteidigungskräften“ hingerichtet und in die Bauschuttdeponie geworfen wurden. Vielleicht vierzig, vielleicht achtzig, vielleicht noch viel mehr. „Quién sabe“ („wer weiß„), heißt es mit jenem vielsagenden Schulterzucken, das über Jahrzehnte zur Überlebensstrategie der Kolumbianer geworden ist. „Wird man es jemals wissen?“ „Quién sabe“. Nach wie vor kippen Lastwagen Tag für Tag ihre steinerne Fracht in die zum Grab gewordene Deponie.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Doch an diesem Frühlingstag in der Stadt des ewigen Frühlings, wie Medellín wegen seines milden Klimas genannt wird, klingt nicht nur diese Geschichte wie eine unwirkliche Reminiszenz an längst vergangene Zeiten. Als Kind war Camilo mit seiner Mutter aus den Minenfeldern rund um den Ort San Carlos im Westen der Provinz Antióquia in die Hauptstadt Medellín geflohen. Dann wuchs er in San Javier am Eingang der „Comuna 13“ auf. So gut wie nichts von dem, was heute in und von dieser „Comuna 13“ zu sehen ist, will zu dem passen, was Camilo vor zehn Jahren hier erlebt hat und was die Welt über die jüngere Geschichte Medellíns noch heute weiß: Das auf halber Höhe liegende Gefängnis, dessen hohe Mauern in der fast senkrecht stehenden Sonne nur wenig Schatten werfen: nicht mehr in Betrieb.

          Die beiden Türme mit bunten Sockeln, die auf der gegenüberliegenden Talseite auf zwei weithin sichtbaren Felsvorsprüngen entstanden sind: Polizeistationen, die in permanenter Alarmbereitschaft sind. Die Menschenschlange vor dem Seitengebäude eines lichten, als „Parque Biblioteque“ firmierenden Ensembles: Bürger jeden Alters und jeder Hautfarbe, die Verwaltungsangelegenheiten erledigen wollen.

          Illegale Siedlungen schossen wie Pilze aus dem Boden

          Unauslöschlich haben sich die Szenen in das kollektive Gedächtnis der Stadt, ja des ganzen Landes eingebrannt: Hubschrauber lassen die blechernen Dächer der an steilen Hängen klebenden Hütten von San Javiér erbeben, gepanzerte Fahrzeuge blockieren dröhnend die engen Gassen des Elendsviertels, Tag und Nacht Salven aus Sturmgewehren, und im Verein mit den Soldaten immer wieder vermummte Gestalten, deren Herkunft Rätsel aufgibt. Vor zehn Jahren, im Herbst 2002, machte der kolumbianische Präsident Uribe mit seiner Ankündigung Ernst, mit harter Hand durchzugreifen. In der Comuna 13 von Medellín, dem Eldorado dutzender Guerrilla-Milizen, ließ das neugewählte Staatsoberhaupt ein Exempel statuieren: die „Operation Orion“.

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