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Kofi Annan : Ein humanitärer Interventionist

Ein schwarzes Band ziert das Porträt von Kofi Annan, dem ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, im UN-Hauptquartier. Bild: dpa

Kriege, Konflikte und Katastrophen vermochten sein optimistisches Menschenbild nicht zu trüben. Ein Nachruf zum Tode des Friedensnobelpreisträgers und früheren UN-Generalsekretärs.

          Die Jahre Kofi Annans in den vorderen Reihen der Weltpolitik, zunächst als Chef der UN-Friedensmissionen, dann als Generalsekretär der Vereinten Nationen, waren mit einem Ende der Illusion verbunden, für die internationale Politik und für ihn selbst. Dass auch in der Zeit nach dem Kalten Krieg, dessen Logik die Weltorganisation von Beginn an bestimmt hatte, am New Yorker East River fortan nicht einfach eine Weltregierung entstehen würde, ein System, das mehr wäre als die Summe seiner Teile, das Frieden sicherte und diesen da, wo er verloren ginge, militärisch wiederherstellte – diese Erkenntnis setzte sich in den späten neunziger Jahren langsam durch. Annan ließ sich aber weder davon abbringen, dass es eine „responsibility to protect“ gibt, eine Schutzverantwortung der Staatengemeinschaft auch gegen einzelne Staaten. Noch vermochten die Konflikte, Kriege und Katastrophen sein optimistisches Menschenbild zu trüben.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Vor zweieinhalb Jahren, nach Putins Krim-Annexion, aber noch vor der Wahl Trumps, hielt der „Elder Statesman“ in Berlin eine Rede zum 60. Geburtstag Frank-Walter Steinmeiers: Man müsse wachsam sein, dürfe den Ernst der Lage aber auch nicht überschätzen, lautete seine Botschaft. Im Vergleich zu vergangenen Epochen lebe man immer noch in relativ friedlichen Zeiten. „Die größte Gefahr ist die Angst selbst“, sagte er in Anlehnung an Franklin D. Roosevelt. Angst zu haben in der Diplomatie, auch im Umgang mit den vielen Diktatoren, mit denen er es zu tun hatte, das war ihm fremd.

          Kofi Annan war der erste Schwarzafrikaner an der Spitze der Vereinten Nationen, und er war der erste, der aus der Organisation selbst hervorging. Dabei war sein Aufstieg zum Generalsekretär eher dem Zufall geschuldet. Boutros Boutros-Ghali, der den 1938 an der Goldküste, dem späteren Ghana, geborenen Aristokratensohn Annan zunächst zum stellvertretenden Leiter der Friedensmissionen, dann zu deren Chef berufen hatte, war in Washington in Ungnade gefallen. Eine zweite Amtszeit für den Ägypter war unmöglich geworden. Auf der Suche nach einem mehrheitsfähigen Nachfolger wurde man 1997 fündig: Der Afrikaner schien wegen seines Studiums in Boston und der vielen Jahre in New York für die Amerikaner fast einer von ihnen zu sein.

          Annan, der das New Yorker Gesellschaftsleben durchaus genoss, hat das freilich immer zurückgewiesen und seine afrikanischen Wurzeln hervorgehoben. Der Name Ghana, der ersten britischen Kolonie Afrikas, die ihre Unabhängigkeit erlangte, bedeutet Kriegskönig. Es brachte einen Mann hervor, in dem manche eine Art Friedensfürst sahen. Schließlich erhielt Annan (zusammen mit den UN) 2001 den Friedensnobelpreis; die Auszeichnung war nicht unumstritten. Denn viele machten auch ihn dafür verantwortlich, dass die UN die Völkermorde in Ruanda und Bosnien nicht verhindert hatten.

          Ein Trauma als Ansporn

          Dass die Staatengemeinschaft weder den Tod von 800.000 Ruandern 1994 und noch das Massaker an 8000 Bosniaken in Srebrenica 1995 verhinderte, ist ohne die gescheiterte Somalia-Mission der Vereinigten Staaten 1993 nicht zu verstehen. Dennoch: Auch den UN und ihren Friedenstruppen – und damit Annan persönlich – wurde mangelnde Entschlossenheit vorgeworfen. Er selbst, so schrieb die spätere amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power, habe sich als Sündenbock jener Staaten gesehen, die seinerzeit weggesehen hätten. In einem Bericht 1999 zeigte er sich dennoch selbstkritisch: „Im Namen der Vereinten Nationen erkenne ich das Versagen an und drücke meine tiefe Reue aus.“

          Für Annan wurde das Trauma Ansporn, die Idee der humanitären Intervention und der internationalen Schutzverantwortung zu fördern. Im Millenniumsbericht der UN fragte Annan 2000: Wenn humanitäre Interventionen ein inakzeptabler Angriff auf die staatliche Souveränität seien, wie solle man dann auf Ruanda, Srebrenica und systematische Menschenrechtsverletzungen reagieren, die jeden Grundsatz der Menschlichkeit beleidigten?

          Es war nicht ohne traurige Ironie, dass Annan, der einstige Liebling Amerikas, sich in seiner zweiten Amtszeit als UN-Generalsekretär mit Washington über die Irak-Intervention überwarf. Obschon im neokonservativen Teil der Regierung Bush die Gründe für den Krieg gegen Saddam Hussein durchaus mit missionarischem Eifer moralisch unterfüttert wurden, unterschied Annan klar zwischen einer humanitären Intervention und einem „präemptiven“ Militärschlag. Das Vorgehen Washingtons und Londons 2003 nannte er „illegal“. Auch um nach der zunächst erfolgreichen militärischen Operation wieder handlungsfähig zu werden, entsandte er eine UN-Mission nach Bagdad. Dass der Leiter der Mission, sein Vertrauter Sergio Viera de Mello, und 21 weitere UN-Mitarbeiter bei einem Anschlag auf das Hauptquartier getötet wurden, hatte Annan lange nicht verwunden.

          Nach dem Ende seiner Amtszeiten 2006 gründete Annan, in zweiter Ehe mit einer Schwedin verheirateter Vater zweier Kinder, eine Stiftung, die sich dem Ziel verschrieb, die internationale Kooperation zu fördern. Immer wieder wurde er auch als Vermittler eingesetzt. Am Samstag ist Kofi Annan im Alter von 80 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in Bern gestorben.

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