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König Philippe von Belgien : „Tiefes Bedauern“ über Kolonialverbrechen

König Philippe von Belgien, hier bei einem früheren Besuch des belgischen Instituts für tropische Medizin in Antwerpen Bild: dpa

Die „Black Lives Matter“-Bewegung zeigt Wirkung: Erstmals hat sich ein belgisches Staatsoberhaupt zu „Gewalt und Grausamkeit“ während der Herrschaft über Kongo bekannt – am sechzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit des Landes.

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          Wochenlang hatte König Philippe geschwiegen. Immer lauter war die Kritik an der kolonialen Vergangenheit Belgiens in Kongo geworden, angefacht von der „Black Lives Matter“-Bewegung. Doch am Dienstag meldete sich der belgische König zu Wort – und überraschte seine Landsleute.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Als das afrikanische Land noch seinem Vorfahren Leopold II. gehörte, Ende des 19. Jahrhunderts, seien dort „Akte der Gewalt und Grausamkeit“ begangen worden, „die immer noch schwer auf unserer kollektiven Erinnerung lasten“, schrieb Philippe dem kongolesischen Präsidenten Félix Tshisekedi in einem Brief zum sechzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit von Belgien.

          Auch während der folgenden belgischen Kolonialzeit habe es „Leiden und Erniedrigungen“ gegeben. „Ich möchte mein tiefes Bedauern über diese Wunden der Vergangenheit bekunden, deren Schmerz heute wieder zu spüren ist wegen Diskriminierungen, die es in unserer Gesellschaft noch allzu oft gibt.“ Noch nie hat sich ein belgischer König so zur Kolonialzeit geäußert.

          Ungewöhnlich war die Intervention auch deshalb, weil die belgische Verfassung dem König enge Grenzen für politische Stellungnahmen setzt. Sie müssen im Einklang mit der Regierung stehen. Doch gab die Regierungschefin dem König sogleich Rückendeckung. Er habe sich in „vollständiger Übereinstimmung mit der Regierung“ geäußert, sagte Sophie Wilmès, als sie am Vormittag eine Plakette zum Gedenken an die Unabhängigkeit Kongos am Rathaus von Ixelles anbrachte.

          In dieser Brüsseler Gemeinde leben Tausende Kongolesen. „Matonge“ haben sie ihr Viertel genannt, in Anlehnung an ein Viertel in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. Für Belgien sei die Stunde gekommen, „den Weg der Wahrheit einzuschlagen“, sekundierte die Premierministerin. Die koloniale Vergangenheit sei von Ungleichheit und Gewalt geprägt gewesen.

          Belgiens Premierministerin Sophie Wilmès bei der Enthüllung einer Plakette zum Gedenken an die Unabhängigkeit Kongos im Brüsseler Viertel „Matonge“

          Wilmès machte zugleich deutlich, dass es nun am Parlament liege, diese Zeit aufzuarbeiten. Die Abgeordneten haben sich vor zwei Wochen mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, dafür eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ einzusetzen. Deren Mandat muss zwar im Einzelnen noch geklärt werden. Aber es zeichnet sich schon ab, dass die Kommission den Stand der Forschung aufarbeiten und dann Schlussfolgerungen ziehen wird. Dazu könnten eine offizielle Entschuldigung für Greueltaten und die Ausbeutung Kongos gehören sowie Entschädigungszahlungen.

          Der vorige Regierungschef Charles Michel, jetzt EU-Ratspräsident, hatte sich voriges Jahr im Namen seines Landes für einen besonderen Teil der Vergangenheit entschuldigt. In den 1940er und 1950er Jahren waren Tausende Kinder ihren afrikanischen Müttern in Kongo und in den Protektoraten Ruanda und Burundi entzogen und zwangsweise nach Belgien gebracht worden, wo sie in Heimen der katholischen Kirche aufwuchsen. „Kinder der Sünde“ nannte man sie, weil ihr belgischer Vater sie einst mit einer schwarzen Mutter gezeugt hatte, meistens eine Hausangestellte. Fünf Frauen haben den belgischen Staat deshalb vorige Woche auf Schadenersatz verklagt. Sie verlangen mindestens 50.000 Euro pro Person.

          Das war freilich nur eine Facette der belgischen Kolonialherrschaft. Die düsterste Zeit fiel zweifellos in die Regentschaft Leopolds II., der sich das Land von 1885 bis 1908 als seinen Privatbesitz aneignete. Der König ließ ein System der wirtschaftlichen Ausbeutung zu, dem nach Schätzungen heutiger Historiker ein bis fünf Millionen Einheimische zum Opfer fielen. Besonders dort, wo der in Europa heiß begehrte Kautschuk gewonnen wurde, begingen die Kolonialherren unvorstellbare Greueltaten.

          Zuletzt ist diese Epoche wieder ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, weil sich der Zorn der „Black Lives Matter“-Bewegung seit dem Tod George Floyds in Belgien gegen die vielen Denkmäler für den damaligen König richtete. Einige Universitäten und Gemeinden haben dessen Statuen schon weggeräumt.

          Kalvin Soiresse, grüner Abgeordneter im Brüsseler Regionalparlament, selbst aus Togo stammend, nannte Philippes Brief am Dienstag einen „Wendepunkt“. Das Staatsoberhaupt habe „zugehört“ und deutlich gemacht, dass die koloniale Vergangenheit mit der heutigen Gesellschaft verbunden sei, nämlich „durch die Diskriminierungen und den Rassismus, die viele Menschen immer noch erleiden“.

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