https://www.faz.net/-gpf-y5xk

Köhler in Afghanistan : Ein Besuch gegen das „freundliche Desinteresse“

Bundespräsident Köhler am Ehrenhain für die gefallenen Soldaten in Mazar-i-Sharif Bild: dpa

„Sprechen Sie mit mir als hätten Sie einen Kameraden vor sich“, forderte Horst Köhler die deutschen Soldaten auf. Seinen Rückflug aus China nutzte der Bundespräsident zur Zwischenlandung in Afghanistan, um das Bundeswehr-Feldlager im nordafghanischen Mazar-i-Scharif zu besuchen.

          Umlagert von einer dichten Traube von Soldaten steht Horst Köhler im Innenhof des Betreuungsgebäudes von Camp Marmal, dem größten Bundeswehrstützpunkt in Afghanistan. „Ich ermutige jeden von Ihnen, mit mir zu sprechen, als hätten Sie einen Kameraden vor sich,“ hat der Bundespräsident zuvor in einer kurzen Ansprache gesagt. „Ich bin kein Kamerad, aber ich will von Ihnen hören, was Sie bewegt. Ich will mit Ihnen reden.“

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Auch um Eva-Luise Köhler ist von Uniformierten umstanden; fast scheint es, als seien es eher weibliche Soldaten, die mit ihr das Gespräch suchen. Der Bundespräsident und seine Frau haben einen unangemeldeten, für fast alle Teilnehmer völlig überraschenden Zwischenhalt auf seiner Rückreise aus China eingelegt, um zum ersten Mal als Staatsoberhaupt die Truppe in Afghanistan zu besuchen.

          Das erste Mal, dass Köhler sich einen eigenen Eindruck von dem Land verschafft, in dem die Bundeswehr in ihrem umfangreichsten und sicherlich bei weitem intensivsten Einsatz steht, der in manchen Gebieten bis hin zu bürgerkriegsartigen Kampfhandlungen reicht. Naturgemäß kann es nur ein sehr flüchtiger, ausschnittsweiser Eindruck sein, der bei einer nur solchen Zwischenlandung entsteht. Wichtig ist aber auch das Zeichen, das Köhler damit setzt.

          Horst Köhler mit seiner Frau Eva-Luise Köhler und Brigadegeneral Frank Leidenberger

          Es ist ein Zeichen in die Truppe hinein, aber an die Deutschen, deren „freundliches Desinteresse“ er einst beklagt hat. Jetzt möchte er sich, wie er sagt, bei den Soldaten bedanken. „Ihr Einsatz ist gefährlich. Ich bin zu ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen, welch tiefen Respekt ich vor Ihnen habe.“

          Sie hätten den Eid geleistet, der Bundesrepublik treu dienen, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen: „Genau das tun Sie hier in Afghanistan.“

          Ohne auf konkrete Diskussionen wie die nach dem Luftschlag vom 4. September 2009 einzugehen, der in den Folgen zweifellos schwerwiegendsten Entscheidung von deutschen Soldaten, sagt Köhler: „Ihr Einsatz stellt sich vor schwierige und schwierigste Entscheidungen. Ich habe volles Vertrauen in Ihre Professionalität und Gewissenhaftigkeit.“

          Zugleich freue er sich aber auch, das über den Einsatz in Deutschland intensiv diskutiert werde, auch wenn wahrscheinlich nicht alles dabei den Soldaten gefalle. Das sei zu lange eine Sache für die Experten gewesen. Er versichert: „Auch Ihre Landsleute stehen Ihrem Einsatz alles andere als gleichgültig gegenüber. Das weiß ich aus vielen Gesprächen.“

          „Nichts verschweigen oder schönreden“

          Damit nimmt Köhler Bezug auf seine Rede, in der er Präsident vor fast fünf Jahren das inzwischen vielzitierte Wort vom „freundlichen Desinteresse“ geprägt hat. Sie ist zunächst vor allem in den Streitkräften selbst wahrgenommen worden.

          Köhler, damals gerade gut eineinhalb Jahre im Amt hat sich seither immer wieder in der Bundeswehr und über sie geäußert. Damit erweckt er, der in den frühen sechziger Jahren selbst in der Bundeswehr gedient hat, den Eindruck einer größeren persönlichen Nähe zu den Soldaten als der eine oder andere seiner Vorgänger. So sprach er im vergangenen Jahr bei der Einweihung des Ehrenmals für die im Dienst ums Leben gekommenen Soldaten: Das Mal appelliere geradezu dazu, „nichts zu verschweigen oder schönzureden, was mit dem Dienst und mit dem Opfer der Frauen und Männer zu tun hat, an die hier erinnert wird“.

          Er pflegt in seinen Weihnachtsansprachen, die Soldaten und ihren Einsatz mit ihrem Leib und Leben prominent zu würdigen. Jedoch wo es um aktuelle, umstrittene Fragen ging, hat er sich zumeist zurückgehalten. Jetzt steht er in Mazar-i-Scharif am dortigen Ehrenhain für die Soldaten der internationalen Afghanistantruppe Isaf, die im Bereich des Regionalkommandos Nord gefallen sind. 58 Plaketten sind dort angebracht.

          Der Bundespräsident, in heller Hose, offenem Hemd und dunklem Blazer steht zwischen dem deutschen Offizier, der das Isaf-Regionalkommando im Norden führt, Brigadegeneral Frank Leidenberger, und seiner Frau Eva-Luise Köhler, verneigt sich und legt einen Kranz vor einem Gedenkstein ab. Im Oktober 2005 hat er vor den Bundeswehrgeneralen gesagt: „Wenn die Deutschen so wenig vom Ernst des Lebens wissen, auf den die neue Bundeswehr eine Antwort ist, dann werden sie nur schwer einschätzen können, welchen Schutz die neue Sicherheitspolitik verspricht, welche Gefahren sie möglicherweise mit sich bringt, ob der Nutzen die Kosten wert ist und welche politischen Alternativen Deutschland und die Deutschen bei alledem eigentlich haben.“ Auf diese Frage kann er auch heute, in Mazar-i-Scharif, keine schnelle Antwort anbieten. Aber er kann auf den Ernst des Lebens verweisen, dem sich diese neue Bundeswehr stellen muss.

          Weitere Themen

          Maduro will vorgezogene Neuwahlen Video-Seite öffnen

          Machtkampf in Venezuela : Maduro will vorgezogene Neuwahlen

          Venezuelas Präsident Nicolas Maduro hat sich für vorgezogene Parlamentswahlen ausgesprochen. Sie könnten eine Entscheidung herbei führen im Machtkampf zwischen dem Präsidenten und Herausforderer Juan Guaidó.

          Topmeldungen

          Theresa May am Dienstag

          May für neues Referendum : Zwei Köder für die Labour Party

          Mit neuen Vorschlägen versucht die britische Premierministerin May, die Abgeordneten der Labour Party, die das EU-Austrittsabkommen bislang abgelehnt haben, umzustimmen. Kann das gelingen?

          Meeresanstieg um 2 Meter : Polarforscher verschärfen Warnung vor Eisschmelze

          Diese Warnung stellt alle Klimaberichte in den Schatten: Das Meer steigt um zwei Meter, 187 Millionen Menschen könnten in den nächsten drei Generationen ihr Zuhause verlieren. Ein beunruhigendes Klimawandel-Update von 22 Polarexperten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.