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Klimawandel in Amerika : Ungezieferalarm im Rostgürtel

  • -Aktualisiert am

Setzt inzwischen vor allem Rost an: das ehemalige Stahlwerk in Allentown Bild: Lorenz Hemicker

Noch scheint der Klimawandel in der amerikanischen Politik eher eine Glaubensfrage zu sein. Doch im Osten Pennsylvanias rückt die Sorge vor einer Plage die Klimapolitik auf die Agenda.

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          Die Silhouette der einstmals größten Stahlfabrik der Welt ragt rostend in den Himmel von Bethlehem. Hier im Lehigh Valley, zwischen den Höhenzügen der Appalachen, schlug knapp 140 Jahre lang das eiserne Herz Amerikas, bis es in den sechziger Jahren aus dem Takt geriet und 1995 für immer verstummte – kurz, nachdem Billy Joel es mit seinem Song „Allentown“ unsterblich gemacht hatte. Inzwischen wuchern Bäume und Pflanzen zwischen der Hunderte Meter langen Hochofenstraße. Seit Beginn des Jahrtausends geht es wirtschaftlich wieder bergauf. Knapp 2000 neue Industriearbeitsplätze verzeichnete die Region in den vergangenen Jahren. Den wirtschaftlichen Aufschwung hat Präsident Trump bereits mitbekommen. Er beanspruchte ihn im April auf Twitter für sich; fälschlicherweise.

          Der Wandel in der Region ist janusköpfig. Während in Bethlehem der Aufschwung mit Händen zu greifen ist, kämpft die wenige Kilometer westlich gelegene Schwesterstadt Allentown seit diesem Jahr mit einer Serie von Schießereien. Allein im Juni verzeichneten die Behörden 25 Opfer. Das Thema ist längst ins Zentrum der Bürgermeisterwahl von Allentown im November zwischen dem demokratischen Amtsinhaber und seinem republikanischen Herausforderer gerückt, wobei Letzterer inzwischen sogar Ausgangssperren für Kinder fordert.

          Arbeitsplätze und Sicherheit sind die klassischen Wahlkampfthemen hier im Übergangsgebiet zwischen den demokratischen Metropolen der Ostküste und dem dünn besiedelten „Trumpland“. Der Klimawandel gehörte bis dato eher nicht dazu. Doch das ändert sich gerade. Auslöser sind die vielen äußerst warmen und zum Teil recht regenreichen Monaten in diesem Jahr. Selbst im September lag die Temperatur in Allentown bislang mit knapp 20,9 Grad Celsius im Durchschnitt laut Angaben des staatlichen Wetterdienstes NOAA noch knapp 2,4 Grad über dem langjährigen Mittel.

          Schädlinge und Krankheiten breiten sich aus

          Die Infrastruktur ächzt unter dem Wetter, vor allem die Straßen leiden. Das Wetter bietet Schädlingen und Ungeziefer jeglicher Art hervorragende Bedingungen, um sich zu vermehren und auszubreiten. Das Gesundheits- und das Landwirtschaftsministerium des Bundesstaates Pennsylvania haben vergangenen Samstag Alarm geschlagen Zuvor waren in mehreren benachbarten Landkreisen Fälle der östlichen Pferdeenzephalomyelitis gemeldet worden. Diese Viruserkrankung erleiden vor allem Pferde, sie verläuft fast immer tödlich. Doch auch für Menschen ist sie gefährlich. Von denjenigen, auf die sie übertragen wird, stirbt jeder Dritte. Ein Gegenmittel gibt es nicht. Die Ministerien fordern darum die Bürger bereits auf, sich vor Mückenstichen zu schützen.

          Über das warme Wetter freut sich die gefleckte Laternenfliege.

          Auch das West-Nil-Virus ist auf dem Vormarsch. Rund um Allentown und Bethlehem fanden Fachleute bereits 15 Mücken, die es in sich trugen. Das Sterberisiko für Menschen ist mit unter einem Prozent zwar deutlich geringer als bei der östlichen Pferdeenzephalomyelitis. Aber zahlreiche Vögel drohen an ihr zu verenden. Als Dritter im Bunde droht die gefleckte Laternenfliege, eine 2014 aus Südostasien eingeschleppte Art, die ohnehin schon der Wein-, Obst- und Holzindustrie des Bundestaates zusetzt, sich rasant weiter zu vermehren. Für die Tiere, die inzwischen an jedem Straßenimbiss zu sehen sind, verlängert sich die Paarungszeit.

          „Trump sieht nur, was er sehen will“

          Jakob Glessner kennt die Warnung der Ministerien in Pennsylvania. Der 28 Jahre alte Vorsitzende der Jungen Demokraten im Lehigh Valley ist am Donnerstagmorgen in eine Starbucks-Filiale im Zentrum Allentowns gekommen, um über die Folgen des Klimawandels vor Ort zu sprechen. „Bislang war das kein Problem im großen Maßstab. Aber das könnte es jetzt schnell werden“, sagt Glessner. Die Leute seien zu sorglos. Durch die vielen kleinen Pfützen von offenen Flaschen, die mit Resten achtlos weggeworfen werden, bis zu privaten Pools könne sich das Ganze zusammen mit den hohen Temperaturen zu einer perfekten Katastrophe auswachsen. Es sei längst überfällig, die Entwicklung genau zu studieren. Leider schauten die meisten Amerikaner aber nur auf sich. Das gelte auch für die Regierung in Washington. „Trump sieht nur, was er sehen will“, so Glessner, und so sei auch die Haltung der Republikaner. Das sei bedauerlich. Man müsse dringend stärker an die nächste Generation denken.

          Jack Donald spricht offen über die Folgen des Klimawandels in Allentown.

          Nicht alle sprechen so offen. Die Jungen Republikaner vor Ort geben sich deutlich zugeknöpfter. Auf Fragen nach Handlungsbedarf im Lehigh Valley und ihrer Position zur Klimapolitik von Präsident Trump antworteten sie über Messenger, sie seien nicht qualifiziert, hierzu Stellung zu beziehen. Den Klimawandel nehme man aber „sehr ernst“.

          Das Erkrankungsrisiko könnte in den kommenden Wochen weiter zunehmen. Für das Wochenende sind wieder Temperaturen bis zu dreißig Grad vorhergesagt. Meteorologen gehen davon aus, dass die Plage möglicherweise erst Anfang Dezember endet. Solange könnte es dauern, bis der erste Frost einkehrt und dem Treiben des Ungeziefers vorerst ein Ende setzt. 

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