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Klimagipfel in Glasgow : Kreatives Schönrechnen soll ein Ende haben

Junge Klimaaktivisten am Rande der Klimakonferenz in Glasgow Bild: dpa

Im Kampf gegen den Klimawandel fordert der britische Premierminister Johnson mehr Ehrgeiz. UN-Generalsekretär Guterres kündigt eine Expertengruppe an. Sie soll nationale Klimaziele vergleichbarer machen.

          3 Min.

          Mit einiger Verspätung, einem gewaltigen Polizeiaufmarsch in der Stadt und langen Warteschlangen vor dem Konferenzzentrum hat am Montagmittag der wegen Corona um ein Jahr verschobene Klimagipfel in Glasgow begonnen. Mehr als hundertzwanzig Staats- und Regierungschefs waren in die schottische Hauptstadt gereist. Noch bevor die erste Rede gehalten wurde, gab es angesichts des organisatorischen Chaos zum Auftakt Kritik am britischen Premierminister Boris Johnson. Bei vielen Teilnehmern der UN-Vertragsstaatenkonferenz weckte das Erinnerungen an die als diplomatisch gescheitert angesehene Klimakonferenz von Kopenhagen vor elf Jahren.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Offenbar rechnete man auf Seiten der Veranstalter mit heftigen Protesten zum Start der zweiwöchigen Verhandlungen. Glasgow war in weiten Teilen der Innenstadt abgeriegelt. Überhaupt nicht eingeplant hatte man hingegen den Aufmarsch der akkreditierten Konferenzteilnehmer, die zusammen mit den angereisten Nichtregierungsorganisationen ein Gipfelvolk von schätzungsweise fünfundzwanzigtausend bilden. Tausende Delegierte mussten die ersten Stunden bei windigem und alles andere als angenehmem Herbstwetter vor den Toren anstehen – nicht etwa wegen der strikten Corona-Regeln, sondern wegen der Ausweiskontrollen an den augenscheinlich viel zu wenigen Einlasstoren. Jeder Teilnehmer musste sich bereits an den Absperrungen vor der eigentlichen Personenkontrolle am Übertritt in die „Blaue Zone“ mit dem frischen Negativ-Test ausweisen.

          „Je länger wir warten, desto teurer wird dieser Umbau“

          Im Konferenzzentrum wurde schnell deutlich, dass der britische Premierminister mit seinen vor wenigen Tagen geäußerten Bedenken über einen möglichen Misserfolg der Klimaverhandlungen nicht übertrieben hatte. Schon nach dem G-20-Gipfel von Rom vom vergangenen Wochenende waren die Erwartungen bei Gipfelteilnehmern und -beobachtern verringert worden. In den Eröffnungsreden wurde dann deutlich, was die Stunde für die internationale Politik geschlagen hat. „Kein bla-bla-bla mehr“, forderte Boris Johnson, „hier in Glasgow ist der Moment zu handeln.“

          Johnson forderte mehr Ehrgeiz speziell, wenn es um den Ausstieg aus der Kohleverbrennung geht. Bis 2030 könnten alle reichen Länder auf die Nutzung von Kohle als Energiequelle verzichten, bis 2040 sollte das weltweit möglich sein. Auch bei dem Verbot von Verbrennungsmotoren machte Johnson Druck. In Großbritannien würden von 2030 an keine Autos mehr verkauft werden, die auf fossile Brennstoffe angewiesen sind. „Je länger wir warten, desto teurer wird dieser Umbau“, sagte Johnson. Immer wieder verwies er auf die Verantwortung der Gipfelteilnehmer gegenüber der jungen Generation. Die Hälfte der Weltbevölkerung sei heute unter dreißig Jahre alt. „Wenn wir scheitern, werden sie uns völlig zurecht nicht vergeben“.

          Das im Pariser Klimaabkommen vereinbarte Temperaturziel wurde in den Eröffnungsreden der Staatschefs konkretisiert: Von dem Ziel, die weltweite Erwärmung der Atmosphäre „unter zwei Grad und möglichst auf 1,5 Grad“ zu begrenzen, war kaum noch die Rede. Inzwischen scheint klar: Die Zielmarke soll 1,5 Grad maximaler Erwärmung sein. Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi hat zum ersten Mal sogar eine Begrenzung „unter 1,5 Grad“ ins Spiel gebracht. In Glasgow wird es die nächsten zwei Wochen darum gehen, wie UN-Generalsekretär António Guterres sagte, „das 1,5-Grad-Ziel unbedingt am Leben zu erhalten“. Er hob hervor, wie wichtig schnelles Handeln ist, und nicht nur die langfristigen Ziele sind.

          Zahlungsbereitschaft zu gering

          Die Abwesenheit mehrerer Regierungschefs aus emissionsstarken Ländern wie China, Russland und Türkei und die Ankündigung des chinesischen Staatschefs Xi Jinping wird als Signal gewertet, auf rasche, neue Klimaschutzmaßnahmen zu verzichten. Guterres kündigte an, eine Expertengruppe zu installieren, welche die nationalen Klimaziele der fast zweihundert Vertragsstaaten vergleichbar machen und darauf abklopfen soll, ob sie die im Paris-Vertrag gemachten Zusagen tatsächlich erfüllen. Die Staaten sollten künftig nicht alle fünf Jahre, sondern jedes Jahr ihre Ziele anpassen, forderte Guterres. Die geringe Vergleichbarkeit – das „kreative Schönrechnen“ – der Klimazusagen waren immer wieder kritisiert worden.

          Weniger die Temperaturziele als die Finanzen dürften im Zentrum der Verhandlungen von Glasgow stehen. Guterres lobte in der Hinsicht Deutschland und Kanada. Deren Zusagen, die Mittel für Klimaanpassungsprojekte in armen Ländern aufzustocken, müssten andere folgen. Allerdings reicht es bisher immer noch nicht, jedes Jahr die 100 Milliarden Dollar zusammen zu bekommen, die den weniger wohlhabenden Staaten in Paris als Finanzhilfe für ihre Klimaschutzmaßnahmen versprochen worden waren. Bei dem aktuellen Tempo der Zahlungsbereitschaft der Geberländer wird damit frühestens 2023 gerechnet. Die Premierministerin von Barbados, Mia Anor Mottley, machte in einer emotionalen Rede klar, was die „gebrochenen Versprechen der G-20-Länder“ bedeuten: eine abermalige Konfrontation der Länder des Südens mit den reichen Ländern im Norden, die aktuell für achtzig Prozent der weltweiten Emissionen verantwortliche seien und auch die historische Klimaschuld zu verantworten hätten.

          Der amerikanische Präsident Joe Biden meldete sein Land, das als zweitgrößte Emittent von klimaschädlichen Gasen gilt, in der Klimadiplomatie zurück – ohne aber mit einer ambitionierten Rede zu glänzen. Die hohen Energiepreise derzeit seien ein Grund mehr, auf saubere und diversifizierte Energiequellen zu setzen. „Glasgow muss der Auftakt einer Dekade sein, in der die Bemühungen erhöht werden und gehandelt werden muss.“ Ländern etwa, die von Regenwaldabholzung betroffen seien, müsse mehr als geholfen werden.

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