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Greta Thunberg in Lissabon : Zweimal um die halbe Welt

Greta Thunberg trifft am Dienstag mit dem Katamaran „La Vagabonde“ in der portugiesischen Hauptstadt ein. Bild: AFP

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg ist nach zwei Reisen über den Atlantik zurück in Europa. Aber wie geht es jetzt weiter?

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          Die Ungeduld auf den letzten Seemeilen war Greta Thunberg aus der Ferne anzumerken. „Wir können das Land schon riechen“, schrieb die schwedische Klimaaktivistin am Montagabend von Bord des Katamarans. Am Dienstag folgte in der Morgendämmerung ein Foto mit den Lichtern der portugiesischen Küste und dem Satz „Land Ahoy“. Die nächste Nachricht „Heading into Lisbon“ war dann allzu zuversichtlich: Der Wind ließ nach, und ihr Segelschiff „La Vagabonde“ passierte erst mit drei Stunden Verspätung den Belém-Turm an der Tejo-Mündung.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Unter wolkenlosem Himmel eskortierten ein Dutzend Boote den Katamaran unter der Brücke des 25. April zum Hafen im Lissabonner Stadtteil Alcantara. Während die Sechzehnjährige darauf wartete, dass die Zollbeamten an Bord kamen, tat sie, was sie während ihrer drei Wochen langen Reise oft getan hatte. Sie hatte Lenny auf dem Arm, den elf Monate alten Sohn der beiden australischen Skipper, die der Sechzehnjährigen kurzfristig eine Mitsegelgelegenheit nach Europa angeboten hatten. Dort kam sie einen Tag zu spät an: Am Montag hatte in Madrid die UN-Klimakonferenz begonnen, die aber noch bis zum 13. Dezember dauert.

          „Ich fühle mich gut. Ich möchte jetzt weitermachen. Ich fühle mich voller Energie“, sagte sie vor mehreren hundert Anhängern, die sie am Hafenkai jubelnd empfingen. Sie hatte ihr Schild „Skolstrejk för klimatet“ (Schulstreik fürs Klima) dabei, das sie vor einem Jahr berühmt gemacht hat. Der Bürgermeister Fernando Medina empfing sie. Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa entschuldigte sich: Er wollte nicht den Eindruck erwecken, er nutze das Ereignis für politische Zwecke aus. Regierungschef António Costa war noch auf der Klimakonferenz in Madrid.

          Klimaaktivisten warten am Dienstag auf die Ankunft von Greta Thunberg in Lissabon.

          Anfang November hatte Thunberg auf Twitter noch geschrieben: „Ich bin um die halbe Welt gereist, aber in die falsche Richtung.“ Eigentlich sollten sie und die mehr als 25.000 Konferenzteilnehmer jetzt in Santiago de Chile sein. Aber die chilenische Regierung musste die Konferenz im November wegen der andauernden Proteste absagen. Greta Thunberg hatte sich schon im August mit einem Segelschiff nach New York auf den Weg gemacht, und wollte dann von dort nach Chile weiterreisen. Flugreisen lehnt sie ab, um nicht das Klima zu schädigen. Nachdem Spanien kurzfristig für Chile eingesprungen war, suchte sie eine Segel-Gelegenheit zurück nach Europa.

          Elayna Carausu und Riley Whitelum kamen ihr zur Hilfe. Das australische Influencer-Paar segelt gerade mit seinem kleinen Sohn auf dem Katamaran „La Vagabonde“ um die Welt. Mehr als eine Million Abonnenten verfolgten über Youtube ihre Reisen – diese Zahl ist wegen der prominenten Passagierin noch einmal gewachsen.

          Vater Svante Thunberg stieg in Virginia zu, und dort stachen sie am 13. November in See. Am Steuer des 15 Meter langen französischen Luxus-Katamarans, der mit Solarpaneelen ausgestattet ist, war die britische Skipperin Nikki Henderson. Um den Stürmen auf dem Atlantik auszuweichen, nahm sie zuerst Kurs auf die Bermudas, um dann Portugal anzusteuern. Das Schiff trotzte Stürmen und sechs Meter hohen Wellen.

          Protest in Rot: Umweltaktivisten mit dem Symbol der Gruppe „Extinction Rebellion“ begleiten den Katamaran „La Vagabonde“ auf dem Tejo bis zur Brücke des 25. April.

          In Lissabon will sich Greta Thunberg erst einmal in einem Hotel ausruhen. Sie hat sich noch nicht festgelegt, wann und wie es nach Spanien weitergehen soll. Zunächst hatte es geheißen, sie werde noch am Abend in den Nachtzug von Lissabon nach Madrid steigen. Mit dem „Trenhotel“ wäre sie am Mittwochmorgen in der spanischen Hauptstadt angekommen.

          Dort hofft man, dass sie spätestens am Freitag eintrifft – rechtzeitig zu der großen „Fridays for Future“-Demonstration auf dem Castellana-Boulevard, die den Druck auf die Delegierten der UN-Konferenz erhöhen soll, endlich mehr für den Klimaschutz zu tun. Zudem möchte die Aktivistin angeblich eine Rede auf der UN-Konferenz halten.

          Die schnelle Weiterreise gestaltet sich aber schwieriger als erwartet. Verkehrspolitisch liegt zwischen den Städten Lissabon und Madrid, die nur gut 600 Kilometer voneinander entfernt liegen, ein Entwicklungsland. Wer es eilig hat, fliegt. Wegen der Wirtschaftskrise ist aus einer geplanten Schnellbahnlinie, die schon vor sechs Jahren fertig sein sollte, nichts geworden. Die Bahnverbindungen sind bis heute nicht komplett elektrifiziert. Das stellt die junge Aktivistin vor ein Problem: Von der spanischen Grenze an zieht den Nachtzug gut 100 Kilometer lang eine alte Diesellok.

          Auch die zweite Strecke über die spanische Extremadura-Region bietet keine klimafreundliche Alternative. Dreimal muss man umsteigen, wenn man tagsüber von Lissabon nach Madrid will. Die gesamte Fahrt dauert 13 Stunden. Die Regionalregierung von Extremadura bot Greta Thunberg ein Elektrofahrzeug an. Mit einem Auto fährt man nur sechs Stunden.


          Wer hilft dem Klima?

          1) Kein Land erreicht „sehr gut“. Quellen: CCPI; EU- Kommission; Global Energy; Climate Change Performance / F.A.Z.-Grafik Brocker

            Deutschland sieht sich als Vorbild, was die Klima-Politik angeht. Doch andere Länder sind schon viel weiter.
            Von ANNA STEINER

            Vereinigte Staaten




            Die Vereinigten Staaten haben sich unter Donald Trump aus dem Pariser Klimaabkommen zurückgezogen. Der Präsident behauptet, einen menschengemachten Klimawandel gebe es nicht. Zuletzt nahm er den sogenannten „Clean Power Plan“ zurück, der unter seinem Vorgänger Barack Obama verabschiedet worden war. Das Gesetz sollte die Treibhausgas-Emissionen im Verkehrssektor und in der Öl- und Gasindustrie drastisch senken. Das Ziel: den menschengemachten Klimawandel zu bekämpfen, dessen Existenz Trump leugnet. An seine Stelle trat im Mai ein Gesetz, das eine weitaus geringere Emissionsreduktion vorsieht und darauf abzielt, ärmere Haushalte zu entlasten. Experten rechnen damit, dass die CO2- Emissionen in den Vereinigten Staaten bis 2030 stark steigen werden. Allerdings entwickeln sich die Preise bei den erneuerbaren Energien günstig: Innerhalb nur eines Jahres mussten acht Kohle-Unternehmen Insolvenz anmelden. Die Konkurrenz durch billiges Fracking-Erdgas, Wind und Solar ist zu groß. Und nach der Verfassung obliegt die Umsetzung der Klimapolitik nicht der obersten Staatsebene um Trump, Umwelt- und Klimaschutz wird vor allem in den einzelnen Bundesstaaten geleistet. Kalifornien etwa will ab 2045 nur noch Ökostrom produzieren. Auch auf Ebene der Städte gibt es einige ambitionierte Klimaschutz-Programme, die von Trumps Politik weitgehend unberührt bleiben.

            Marokko




            Marokko ist das einzige Land, dem es gelingen kann, das 1,5-Grad-Ziel vorzeitig zu erreichen. Die Regierung hat eine Energie-Strategie verabschiedet, die den Ausbau von erneuerbaren Energien bis 2030 auf 52 Prozent vorsieht. Möglich machen das riesige Solarparks. Um wirklich als Vorbild zu dienen, müsste Marokko allerdings auch aus der Kohle aussteigen. Ein Kohlekraftwerk befindet sich jedoch gerade noch in Bau, und der Anteil der Kohle im Energiemix soll bis 2030 sogar ausgebaut werden.

            Deutschland




            Deutschland wäre gern ein Vorbild in Sachen Klimaschutz. Im internationalen Vergleich ist es aber nur Mittelmaß. Zu diesem Ergebnis kommt der Klimaschutz-Index der Organisation Germanwatch, der die Bundesrepublik auf Platz 27 von 60 untersuchten Ländern verortet. Immerhin: Gerade hat die Bundesregierung ein Klimaschutzpaket verabschiedet. In den nächsten drei Jahren soll es 54 Milliarden Euro kosten. Zum Vergleich: In den Jahren 2010 bis 2016 gab der deutsche Staat jährlich nur zwischen 8,5 und 10,8 Milliarden Euro aus. Bis 2050 will Deutschland weitgehend klimaneutral wirtschaften. Das Gesetzpaket sieht vor, die Mehrwertsteuer für Bahntickets von 19 auf 7 Prozent zu senken und damit das Auto im Verhältnis teurer zu machen. Die Abgabe auf Flugtickets soll steigen. Der Staat unterstützt außerdem denjenigen, der eine neue, umweltfreundlichere Heizung einbaut, sein Haus energetisch saniert oder sich ein Auto kauft, das weniger Kohlenstoffdioxid ausstößt. Außerdem sollen die Stromverbraucher über eine geringere EEG-Umlage entlastet werden. Der Kohleausstieg bis 2038 ist beschlossene Sache – heute allerdings gehört Deutschland noch zu den Ländern, die am stärksten auf die schmutzige Braunkohle setzen. Mit dem Klimaschutzpaket wurde auch eine CO2-Steuer beschlossen, die Einnahmen für den Klimafonds bringen soll. Aus diesem wiederum sollen die anderen Maßnahmen finanziert werden. „Wir haben allen Anlass zu handeln“, sagte Finanzminister Olaf Scholz bei der Verabschiedung des Gesetzes. Das stimmt wohl. Mit den bisherigen Maßnahmen wird Deutschland es nicht schaffen, die Pariser Klimaziele auch nur annähernd zu erreichen.

            Russland




            Russland, der viertgrößte Treibhaus-Emittent, steht beim Klimaschutz schlecht da. Immerhin: Das Land ist dem Klimaabkommen von Paris im September beigetreten und wird voraussichtlich auch seine Grenzwerte einhalten. Allerdings nur, weil diese so wenig ehrgeizig sind. So darf Russland bis 2030 noch mehr Treibhausgase ausstoßen als bislang. Die Regierung sieht sich auf diese Weise nicht gezwungen, eine klimafreundlichere Politik zu machen. Die Überprüfung einer solchen fiele ohnehin schwer, weil kaum Klimadaten erhoben werden. Präsident Wladimir Putin leugnet den Klimawandel nicht. Er hält aber an Kohle- und Atomenergie fest. Es wäre ja auch nicht „angenehm für die Menschen, auf einem Planeten zu leben mit einer Palisade aus Windrädern und mehreren Schichten Solarpaneelen auf dem Boden“, sagt er.

            Brasilien




            Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro gehört zu den Klimawandel-Leugnern. Unter seiner Ägide wurde das Budget für den Klimaschutz um 95 Prozent gekürzt. Der Amazonas-Regenwald wird für Acker- und Weideland fleißig brandgerodet, was die größte CO2-Senke der Welt zerstört. Ein Umweltministerium gibt es de facto nicht mehr. Durch die Nähe zum Äquator kann Brasilien allerdings schon heute einen großen Teil seiner Energie aus der Photovoltaik gewinnen. Der Strom kommt sogar zu 83 Prozent aus Wind und Solar. Allerdings befinden sich auch noch vier Kohlekraftwerke in Planung.

            Indien




            Indien baut erneuerbare Energien ehrgeizig aus. 2030 sollen Wind und Solar 40 Prozent des Energiemix ausmachen – und das, obwohl sich der Strombedarf bis dahin wohl verdreifachen wird. Wenn Indien vom Bau der geplanten Kohlekraftwerke absähe, könnte das Land sogar alle Bedingungen erfüllen, um seinen Teil zum 1,5-Grad-Ziel beizutragen. Die Regierung unter Narendra Modi will, dass bis 2020 Solarparks mit einer Leistung von insgesamt 100000 Megawatt installiert sind. Hauptgrund für den Ausbau ist, dass Solarstrom billiger ist als Kohlestrom.

            China




            China ist der größte Klimasünder der Welt. Für fast ein Drittel aller Treibhausgasemissionen ist die Volksrepublik verantwortlich. Sie hat sich dem Pariser Klimaabkommen verpflichtet und ist auf gutem Weg, die dort vereinbarten Meilensteine zu erreichen. Diese allerdings genügen nicht einmal für das 2-Grad-Ziel. Angesichts der aktuellen nationalen Klimapolitik und des nach wie vor starken Wirtschaftswachstums rechnen Experten damit, dass China bis 2030 immer mehr Treibhausgase ausstoßen wird. Die Regierung tut einiges, um diese Entwicklung zu begrenzen. So wird etwa die Produktion von Elektroautos stark subventioniert. Im vergangenen Jahr kauften chinesische Verbraucher 1,1 Millionen E-Autos – und damit mehr als der Rest der Welt zusammen. Auch bei der Gebäudesanierung vermeldet das Land Fortschritte. China ist außerdem der größte Produzent von Solartechnologie, allerdings auch der größte Kohleverbraucher: 126Kohlekraftwerke befinden sich im Bau, 76 sind in Planung.


          Doch es kam schon zu einem Streit über die Lithium-Batterien. Denn die regionalen Behörden hatten vor kurzem den Lithium-Abbau in einem Naturschutzgebiet genehmigt. Umweltschützer hatten deshalb an Greta Thunberg appelliert, auf ein batteriebetriebenes Auto zu verzichten. Sie solle besser den Zug nehmen, um aller Welt zu zeigen, wie dringend nötig der Bau einer modernen Eisenbahnlinie ist.

          Als sie in Lissabon ihr Segelschiff verließ, sagte Greta Thunberg, dass sie mit ihrer Art zu reisen nicht den einfachen Menschen sagen wolle, wie sie leben sollen. Sie möchte vor allem den Politikern „eine klare Botschaft übermitteln: Es ist unmöglich, heute nachhaltig zu leben, und das muss sich ändern“. Sie selbst hat nach der UN-Konferenz in Madrid erst einmal genug von ihrem Abenteuer und freut sich darauf, für das Weihnachtsfest wieder nach Hause zu reisen – auf dem Landweg.

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