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Kleine Stilkritik : Kims neue Silvestershow

Kann vor Selbstbewusstsein kaum laufen, sitzt dafür umso bequemer im Ledersessel: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. Bild: Reuters

An Worten hat Nordkoreas Diktator Kim Jong-un nicht gespart in seiner traditionellen Neujahrsansprache. Wichtiger als das „Was“ war in diesem Jahr allerdings das „Wie“ – er brach mit fast allen Regeln, die das Format sonst charakterisieren.

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          Dafür, dass Kim Jong-un vor lauter Selbstbewusstsein nicht mehr laufen kann, läuft er schnell und entschlossen voran. Es ist 0 Uhr, Jahreswechsel, und das nordkoreanische Staatsfernsehen überträgt den langgezogenen Gong, der die wichtigste Rede des Jahres ankündigt. Für das gewollte Pathos ist gesorgt, als die Kamera die Zuschauer mit ins Innerste des Machtapparates nimmt, in einen mit rotem Teppich ausgelegten Flur, an dessen linker Seite zwei Fahnen der Staatspartei PdAK stehen – und auf der rechten Seite Kims Büroleiter Kim Chang-son.

          Der ist nicht irgendwer, sondern ein hoher Militär, schon seit Jahrzehnten im engeren Machtzirkel – und er war schon mit wichtigen Aufgaben befasst, als Kim Jong-un noch nicht einmal von seinen Eltern angedacht war. Das aber spielt in der faktischen Erbmonarchie des sozialistischen Regimes keine Rolle: Öffentlichkeitswirksam verbeugt sich der Polit-Veteran vor dem immer noch jungen Diktator, der mit viel Elan aus einem Seitengang einbiegt, seinen Adlatus kaum eines Blick würdigt, und dann zielstrebig und dennoch lässig weitergeht.

          Was für ein Auftritt für Kim Jong-un, der sein Land mittlerweile seit acht Jahren führt – und mit dieser Rede einmal mehr zeigt, welche erstaunliche Entwicklung er durchgemacht hat.

          Es lohnt sich, diesen Auftritt genauer anzuschauen. Bei seiner traditionellen Neujahrsansprache, die als Seismograph für die politische Stimmung in Pjöngjang gilt, bricht der nordkoreanische Diktator mit fast allen Regeln, die dieses Format bislang hervorgebracht hat. Das fängt schon damit an, dass ihm unmittelbar seine Schwester Kim Yo-jong folgt, die zwar häufig in seiner Entourage auftaucht, aber nie so locker und gut gelaunt wie dieses Mal. In der stets symbolträchtigen Inszenierung des Regimes ist das kein Zufall, die Schwester ist seine Vertrauensperson und würde wohl als Nachfolgerin bereitstehen – Kims Kinder sind dafür noch zu klein.

          Mal lachend, mal in Arbeitspose

          Aber soweit ist es noch nicht, denn der Diktator hat es sich auf dem Chefsessel nach Jahren der Machtkonsolidierung gemütlich gemacht, man kann sagen: Er füllt ihn buchstäblich aus wie noch nie. Der Raum, fast eher ein Saal, in dem die Kameras für die Aufzeichnung stehen, wirkt wie das Arbeits- und Kaminzimmer eines westlichen Präsidenten. Vorbei mit der sozialistischen Tristesse, den kühlen Tribünen und nackten Wänden. Der Raum könnte locker als luxuriöser Rauchersalon durchgehen, allerdings eher mit dicken Zigarren denn dünnen nordkoreanischen Zigaretten.

          Kim setzt sich in einen Ledersessel, hinter ihm die Porträts seiner beiden Vorgänger. Sowohl Staatsgründer Kim Il-sung als auch dessen Sohn Kim Jong-il sind am Schreibtisch in Arbeitspose abgebildet, kleinere Porträts auf dem Sims zeigen sie aber auch lachend. Es sind die beiden Seiten, die das Regime in der Propaganda stets zu kombinieren versucht: die Disziplin und den redlichen Arbeitseifer, andererseits das freundliche Gesicht, das ihnen Sympathien bringen soll.

          In dieser Einstellung sitzt Kim Jong-un vor seinem Lieblingsvorgänger, dem Staatsgründer Kim Il-sung.

          Natürlich gibt es mehrere Kameraeinstellungen, besonders häufig wird der Machthaber vor dem Porträt Kim Il-sungs gezeigt. Auch das ist kein Zufall: Der Staatsgründer war wesentlich beliebter als Kims Vater, Kim Jong-il, jovialer, volksnäher und charismatischer, lockerer – und mindestens genauso machthungrig, autoritär und skrupellos. Kim Jong-un eifert eher dem Großvater nach, der zugleich die Quelle für alle Legitimität im Lande ist. Deswegen muss Kim die Nähe zum Großvater herstellen. Ohne ihn ist er nur der vergleichsweise weit entfernt verwandte Emporkömmling, der sich im Machtkampf durchgesetzt hat. Mit ihm ist er der natürliche Nachfolger auf dem Thron, faktisch unangreifbar.

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