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Kirgistan : Gerüchte, Flammen und Schüsse

  • -Aktualisiert am

Das Regierungsgebäude in Bischkek Bild: dpa

Polizisten trauen sich in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek nicht mehr auf die Straßen. Plünderer und Brandstifter sagen, den Armen bleibe nur die Gewalt. Das soll auch eine Warnung an die neue Führung sein.

          Die Toten vom Mittwoch sieht man nicht. Aber die Wut über den Verlust von mindestens 68 Menschenleben und über die Hunderten von Verletzten steht den Menschen von Bischkek in die Gesichter geschrieben. Als sich am Donnerstagnachmittag die Nachricht verbreitet, dass der Mann, der den Schießbefehl gab, nun auch noch verlange, mit seiner Familie in Kirgistan bleiben zu dürfen, und zwar unbehelligt von Strafverfolgung, brandet aus vielen Kehlen ein Aufschrei über den Platz vor dem Regierungssitz.

          Alle Empörten sind sich sicher, dass es Bakijew vor allem um eines geht: das vom Familienclan zusammengeraffte Vermögen. Dabei hatten Führer der Oppositionsbewegung gerade versucht, die Menge wieder in den Griff zu bekommen, die am Mittwoch außer Kontrolle geraten war. Aber was hat der gestürzte Präsident wirklich verlangt? Die Meldungen, die auf den Platz dringen, sind widersprüchlich. Sicher scheint nur, dass Kurmanbek Bakijew das Weite gesucht, also Bischkek verlassen hat und sich irgendwo im Süden des Landes aufhält, wo er, selbst ein „Südländer“, sich noch immer von Anhängern umgeben glaubt.

          Aus der wütenden Menge wird das Feuer erwidert

          Auch die Männer, die in die Menge geschossen hatten, sind längst nicht mehr zu sehen. Die Scharfschützen auf dem Dach der Regierungsgebäude sind über alle Berge. Wären sie es nicht, die Menge hätte sie totgeschlagen. So begnügen sich die Bischkeker am Tag danach mit der Behauptung, das seien gewiss keine Kirgisen gewesen, sondern Ausländer. Kirgisen schössen nicht aufeinander.

          Verwüstetes Parlamentsgebäude

          Bakijew weiß, wie es seinem Vorgänger Askar Akajew ergangen ist, als das Volk vor fünf Jahren aufbegehrte. Auch er war getürmt, allerdings gleich ins Ausland. Das Vermögen des Zwingherrn ging dessen Clan verloren. Die Miliz und die Spezialkräfte hatten ebenfalls das Weite gesucht. Die waren bestimmt Kirgisen – und auch sie hatten geschossen.

          Auch aus der wütenden Menge heraus wurde das Feuer am Mittwoch freilich in einigen Fällen erwidert. Zuvor waren Waffenläden und Milizstationen angegriffen und Waffen erbeutet worden. Ob in den nächsten Tagen noch mehr Kirgisen auf Kirgisen schießen werden, hängt wohl nicht zuletzt davon ab, ob Bakijew nachgibt – und ob er doch noch Anhänger in den „Gewaltstrukturen“ besitzt, die nicht aufgeben wollen. Allerdings wird berichtet, dass wichtige Elemente der Sicherheitsstrukturen, etwa die Staatssicherheit, längst ins Lager der Opposition übergelaufen seien. So wie vor fünf Jahren bei der „Tulpenrevolution“.

          Die neuen Führer des Landes von der provisorischen Regierung um Rosa Otunbajewa haben das Land nicht im Griff, nicht einmal die Hauptstadt. Nach Abflauen der Kämpfe am Mittwochabend, die Anführer der Opposition waren schon aus den Untersuchungsgefängnissen und Hausarresten befreit, kam eine zweite Welle der Gewalt, die schon mindestens so sehr vom Alkohol wie vom Zorn auf den autoritären Herscher befeuert war. Diese Männer richteten ihre Gewalt nicht mehr gegen die bewaffneten Diener des Staates. Vielmehr nutzten sie deren Abwesenheit aus. Marodierende Gruppen griffen Supermärkte an, nahmen sich, was sie tragen konnten, zertrümmerten Ladeneinrichtungen und steckten ganze Geschäfte in Brand – auch das Privathaus des Präsidenten. Dessen Dach stürzte durch das Feuer ein. Am Donnerstag wird aus Bakijews Haus dennoch weiter Beute herausgezerrt, selbst die Rohre und Leitungen sind nicht sicher vor den Plünderern.

          Mahnungen zur Besonnenheit

          Die Fassaden des Gebäudes der Generalstaatsanwaltschaft sind schwarz vom Feuer; hier und da qualmt es noch. Drinnen aber herrscht Chaos. Aus den zerschlagenen Fenstern werden auch am Tag nach der Eroberung noch Akten geworfen. Menschen zertrampeln sie. Immer wieder lassen sich „Sieger“ vor der Ruine fotografieren. „Verfassung der Republik Kirgistan“ steht auf einer Plakette, die an der Fassade nur noch baumelt. Auch jene Bischkeker, die sich nicht zu den Plünderern gesellen, spucken voller Verachtung auf den mit Asche bedeckten Bürgersteig vor der Generalstaatsanwaltschaft. Zwei junge Frauen fragen nur leise, wer denn den Wiederaufbau der zerstörten Gebäude in dem bettelarmen Land bezahlen solle. Ein junger Mann, Programmierer von Beruf, aber seit Jahren ohne Arbeit, sagt lässig, irgendwann würden die Häuser von allein aufhören zu brennen. Die Generalstaatsanwaltschaft sei ein Symbol der Unrechtsherrschaft gewesen.

          Einige Dutzend Meter weiter ist eine Kundgebung mit Oppositionspolitikern noch in Gang. Ein Kontrastprogramm in kirgisischer Sprache. Es wird zur Besonnenheit gemahnt. Immer wieder sind russische Satzfetzen zu hören: „nicht provozieren lassen“; „keine Feuer mehr legen“; „keine Leichen“. Tausende, vielleicht Zehntausend hören zu. Derweil wird im Zentrum eine Bank überfallen. Die „Ordnungshüter“ von gestern trauen sich nicht mehr aus ihren Wohnungen.

          Dann tauchen Gerüchte auf, marodierende Gruppen wollten sich im Diplomatenviertel „bedienen“. Ein chinesisches Einkaufs- und Vergnügungszentrum im Zentrum hat es nach 2005 jetzt zum zweiten Mal getroffen. Von den drei Stockwerken sind diesmal nur Ruinen übrig geblieben. Das Spielkasino ist zerstört. Ein Baum vor dem Haus brennt. Immer wieder rechtfertigen sich die Brandstifter und Plünderer: Die Gewalt sei nicht nur das einzige Mittel armer Leute, sich etwas zu holen. Sie enthalte auch eine Warnung an jeden neuen Machthaber in Kirgistan, seine Versprechen zu halten – anders als Bakijew.

          Mit Einbruch der Abenddämmerung beginnt eigentlich die Ausgangssperre, die noch Bakijew verfügte. Im Machtvakuum von Bischkek halten sich die aufgebrachten Menschen nicht daran. Kaum ist es richtig dunkel, fallen wieder Schüsse. Die Sirenen der letzten verbliebenen Krankenwagen heulen durch die Nacht.

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