https://www.faz.net/-gpf-16ucb

Kirgistan : Fruchtbarer Boden für Tod und Gewalt

  • -Aktualisiert am

In Osch heben Angehörige der usbekischen Minderheit Gräber für die Toten der vergangenen Tage aus Bild: dpa

Die Unruhen in Kirgistan drohen nun auch auf die Nachbarländer überzugreifen: Usbekistan will wegen des massiven Flüchtlingsansturms seine Grenzen schließen. Rettung soll aus Russland kommen, das über einen Militäreinsatz berät.

          Drei Ernten könnten im fruchtbaren Ferganatal jedes Jahr eingefahren werden, weil die Natur es mit dieser zentralasiatischen Region zwischen Tien-Schan-Gebirge im Norden und den Pamir-Alan-Bergen im Süden mit dem Menschen gut meint. Die Böden in diesem Gebiet, in dem auf gut 22.000 Quadratkilometern mehr als 20 Prozent der gesamten Bevölkerung Zentralasiens, hauptsächlich Usbeken, dicht beieinander siedeln, sind fruchtbar und der Fluss Syr Darja spendet reichlich Wasser für die Landwirtschaft. Aber seit Tagen hält in dem Teil dieser Ackerebene, der zu Kirgistan gehört, nur der Tod reiche Ernte. Allein in der Stadt Dschalalabad sollen nach Angaben der usbekischen Gemeinschaft dort seit Samstag etwa 700 Menschen getötet worden sein; in Osch, wo die Ausschreitungen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag begonnen hatten, hatten die Usbeken schon am Samstag mehr als 500 gezählt.

          Was am Anfang noch wie Kämpfe zwischen Volksgruppen aussah, bekam immer mehr den Charakter von Pogromen eines kirgisischen Mobs an der großen usbekischen Minderheit: Häuser werden angezündet, flüchtende Menschen willkürlich erschossen oder erschlagen. Zehntausende Usbeken sind auf der Flucht in den Teil des Ferganatals, der zu Usbekistan gehört. Ein weiterer Teil des Ferganatals gehört zu Tadschikistan, das ein ebenso fragiler Staat wie Kirgistan ist. Nur Usbekistan, das Land, dem Präsident Islam Karimow seit Jahren mit Gewalt politische Friedhofsruhe verordnet, scheint stabil zu sein. Aber unter der Oberfläche brodelt es dort ebenfalls seit langem. Dass die usbekische Regierung angekündigt hat, keine weiteren Flüchtlinge über die Grenze zu lassen, zeigt die Furcht des dortigen Regimes vor einem Überschwappen der Unruhen. Der usbekische Vize-Ministerpräsident Abdullah Aripow gab an, es seien bisher 45.000 Flüchtlinge aus dem Nachbarland registriert worden, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sprach dagegen von 80.000 Flüchtlingen, von denen 15.000 an der Grenze aufgehalten würden.

          Pulverfass Ferganatal

          Wenn Kirgistan in Folge der bewaffneten Unruhen im Süden im Chaos untergehe, so wird befürchtet, dann gebe es kein Halten mehr. Das zentralasiatische Pulverfass Ferganatal würde explodieren und auch die Staaten Usbekistan und Tadschikistan, deren Staatsführer sich spinnefeind sind, mit in den Abgrund reißen. Als einzige Macht, die das verhindern könnte, gilt Russland – dass die kirgisische Interimsregierung von Rosa Otunbajewa, die Anfang April in einem Volksaufstand im Norden gegen Präsident Kurmanbek Bakijew und dessen korrupte Sippe an die Macht kam, dazu nicht in der Lage ist, hat sie indirekt eingestanden, als sie schon am Samstag um die Entsendung russischer Truppen bat. Dieser Notruf entbehrte nicht der Ironie: Ausgerechnet Moskau, das von den Nachfolgestaaten der Sowjetunion immer misstrauisch beäugt und verdächtigt wird, Hegemonie anzustreben, wenn nicht gar das untergegangene Sowjetreich unter russischer Führung wiederherzustellen, nun der einzige mögliche Retter zu sein scheint.

          Weitere Themen

          Zusammenprall der Temperamente

          Vor der Wahl in Israel : Zusammenprall der Temperamente

          Bei der Parlamentswahl an diesem Dienstag in Israel tritt der frühere Generalstabschef Gantz gegen Amtsinhaber Netanjahu an. Doch selbst wenn er gegen den Ministerpräsidenten gewinnen sollte – einen fundamentalen Politikwechsel gäbe es nicht.

          Topmeldungen

          Das Faxgerät ist eine schnelle Alternative, wenn die E-Mail aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genutzt werden kann

          In puncto Datensicherheit : Fax schlägt E-Mail

          Anwälte, Ärzte, Krankenversicherer weigern sich immer häufiger, E-Mails zu verschicken – aus Gründen des Datenschutzes. Das gute alte Faxgerät erlebt ein Comeback.

          Klage vor Supreme Court : John Majors Verachtung für Boris Johnson

          Der frühere Premierminister John Major ging zu seiner Amtszeit nicht mit Samthandschuhen vor. Doch Boris Johnsons Mittel gehen ihm zu weit. Deswegen hat er sich der Klage gegen die Beurlaubung des Parlaments angeschlossen.

          Algenplage im Mittelmeer : Der asiatische Eindringling

          Laut spanischen Fischern spielt sich unter der Meeresoberfläche an der Straße von Gibraltar eine Umweltkatastrophe unabsehbaren Ausmaßes ab. Fische gehen nicht mehr viele ins Netz – stattdessen tonnenweise braune Algen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.