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Kirgistan : Fruchtbarer Boden für Tod und Gewalt

  • -Aktualisiert am

In Osch heben Angehörige der usbekischen Minderheit Gräber für die Toten der vergangenen Tage aus Bild: dpa

Die Unruhen in Kirgistan drohen nun auch auf die Nachbarländer überzugreifen: Usbekistan will wegen des massiven Flüchtlingsansturms seine Grenzen schließen. Rettung soll aus Russland kommen, das über einen Militäreinsatz berät.

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          Drei Ernten könnten im fruchtbaren Ferganatal jedes Jahr eingefahren werden, weil die Natur es mit dieser zentralasiatischen Region zwischen Tien-Schan-Gebirge im Norden und den Pamir-Alan-Bergen im Süden mit dem Menschen gut meint. Die Böden in diesem Gebiet, in dem auf gut 22.000 Quadratkilometern mehr als 20 Prozent der gesamten Bevölkerung Zentralasiens, hauptsächlich Usbeken, dicht beieinander siedeln, sind fruchtbar und der Fluss Syr Darja spendet reichlich Wasser für die Landwirtschaft. Aber seit Tagen hält in dem Teil dieser Ackerebene, der zu Kirgistan gehört, nur der Tod reiche Ernte. Allein in der Stadt Dschalalabad sollen nach Angaben der usbekischen Gemeinschaft dort seit Samstag etwa 700 Menschen getötet worden sein; in Osch, wo die Ausschreitungen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag begonnen hatten, hatten die Usbeken schon am Samstag mehr als 500 gezählt.

          Was am Anfang noch wie Kämpfe zwischen Volksgruppen aussah, bekam immer mehr den Charakter von Pogromen eines kirgisischen Mobs an der großen usbekischen Minderheit: Häuser werden angezündet, flüchtende Menschen willkürlich erschossen oder erschlagen. Zehntausende Usbeken sind auf der Flucht in den Teil des Ferganatals, der zu Usbekistan gehört. Ein weiterer Teil des Ferganatals gehört zu Tadschikistan, das ein ebenso fragiler Staat wie Kirgistan ist. Nur Usbekistan, das Land, dem Präsident Islam Karimow seit Jahren mit Gewalt politische Friedhofsruhe verordnet, scheint stabil zu sein. Aber unter der Oberfläche brodelt es dort ebenfalls seit langem. Dass die usbekische Regierung angekündigt hat, keine weiteren Flüchtlinge über die Grenze zu lassen, zeigt die Furcht des dortigen Regimes vor einem Überschwappen der Unruhen. Der usbekische Vize-Ministerpräsident Abdullah Aripow gab an, es seien bisher 45.000 Flüchtlinge aus dem Nachbarland registriert worden, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sprach dagegen von 80.000 Flüchtlingen, von denen 15.000 an der Grenze aufgehalten würden.

          Pulverfass Ferganatal

          Wenn Kirgistan in Folge der bewaffneten Unruhen im Süden im Chaos untergehe, so wird befürchtet, dann gebe es kein Halten mehr. Das zentralasiatische Pulverfass Ferganatal würde explodieren und auch die Staaten Usbekistan und Tadschikistan, deren Staatsführer sich spinnefeind sind, mit in den Abgrund reißen. Als einzige Macht, die das verhindern könnte, gilt Russland – dass die kirgisische Interimsregierung von Rosa Otunbajewa, die Anfang April in einem Volksaufstand im Norden gegen Präsident Kurmanbek Bakijew und dessen korrupte Sippe an die Macht kam, dazu nicht in der Lage ist, hat sie indirekt eingestanden, als sie schon am Samstag um die Entsendung russischer Truppen bat. Dieser Notruf entbehrte nicht der Ironie: Ausgerechnet Moskau, das von den Nachfolgestaaten der Sowjetunion immer misstrauisch beäugt und verdächtigt wird, Hegemonie anzustreben, wenn nicht gar das untergegangene Sowjetreich unter russischer Führung wiederherzustellen, nun der einzige mögliche Retter zu sein scheint.

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