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Kirgistan : Das Land der vielen Verse

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Als der jetzt gestürzte Präsident Akajew vor Jahren an die Macht kam, hatte er einen Traum: Kirgistan sollte die „Schweiz Zentralasiens“ werden. Statt Neutralität und Demokratie gab es dann aber doch nur hemmungslose Vetternwirtschaft.

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          Als vor genau zwanzig Jahren Michail Gorbatschow in den Kreml einzog und für die Perestrojka zu werben begann, fanden seine reformerischen Appelle, soweit sie überhaupt bis nach Zentralasien drangen, in Kirgistan das stärkste Echo.

          Der einzige sowjetasiatische Republikführer, der dann sechs Jahre später den Putschversuch gegen das letzte Staatsoberhaupt des östlichen Imperiums ohne Wenn und Aber verdammte, war ebenfalls kein anderer als der nun gestürzte kirgisische Präsident Asgar Akajew. Verwundern konnte sein damaliges Verhalten nicht. Der Naturwissenschaftler Akajew entstammte nicht der kommunistischen Nomenklatura und ging seine Aufgaben zunächst auch ganz anders an.

          Die Bibel der Nation

          Zwei Monate vor dem Untergang der Sowjetunion mit großer Mehrheit zum Präsidenten seiner Heimatrepublik gewählt, zog sich der gebildete und bescheiden wirkende Akajew sogleich westliches Vertrauen und Wohlwollen mit seinem durch Meinungsfreiheit und andere demokratische Gehversuche untermauerten Versprechen zu, aus Kirgistan eine „Schweiz Zentralasiens“ zu machen. Die großen Versprechungen wurden der wirtschaftlich ärmsten unter den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken gleichsam auf Vorschuß honoriert: Kirgistan fand Aufnahme in die Welthandelsorganisation - was Rußland bis heute nicht geschafft hat.

          Diese Ausnahmestellung bestärkte die Kirgisen seinerzeit zusätzlich darin, sich von den Nachbarn abzusetzen und die Eigenständigkeit ihrer Geschichte zu betonen. Dabei griffen sie, von dem anfänglich geradezu verehrten Akajew angespornt, auf ein tausend Jahre altes Heldenepos zurück, das so etwas wie eine Enzyklopädie des frühen kirgisischen Lebens darstellt und nach der 1991 gewonnenen staatlichen Unabhängigkeit zur Bibel der Nation gedieh.

          Grundlage der Traditionen

          Der Name des Helden ist Manas. Es handelt sich um einen Recken, der sein Vaterland befreite. Das Epos gilt den Kirgisen nicht nur als Quelle ihrer Sprache und Literatur, sondern als Grundlage ihrer kulturellen, moralischen, sozialen und religiösen Traditionen. Allein von seinem Umfang her ist es, wie der 1970 gestorbene kirgisische Erzähler Karalajew befand, „in der Weltliteratur einmalig“.

          Er selbst hatte eine der mehr als siebzig Varianten dieser mündlich überlieferten Heldentaten niedergeschrieben und es dabei auf beachtliche 500.553 Verszeilen gebracht. Damit wurden, wie ein Wissenschaftler in der Hauptstadt Bischkek ausrechnete, „Ilias“ und „Odyssee“ zusammengenommen verszeilenmäßig „um das Achtzehnfache übertroffen“.

          Staatshochzeit

          Nationalstolz hin, Eigenständigkeit her: Akajew hob sich bis zuletzt zwar immer noch vorteilhaft von Diktatoren wie dem usbekischen Präsidenten Islam Karimow oder dem turkmenischen Tyrannen Saparmurad Nijasow ab. In Sachen Nepotismus und Korruption jedoch hatte Kirgistan mit den Nachbarn längst gleichgezogen.

          Einen Ausdruck ganz besonderer, aber eben auch bezeichnender Art fand diese Entwicklung in einer Vereinigung an den Ufern des Issuk-Kul, eines bezaubernden Bergsees in Kirgistan. In dem Kurstädtchen Tscholpon-Ata, dem weiland schon Leonid Breschnew auf der Suche nach Wohlbefinden die Ehre gab, führten zwei Staatsoberhäupter Braut und Bräutigam zum Altar: der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew seine Tochter Alija, die Kulturgeschichte an der Georgetown-Universität in Washington studiert hatte, und der kirgisische seinen Sohn Aidar, der an der Universität von Maryland in die Nationalökonomie eingeführt worden war.

          Hemmungslose Vetternwirtschaft

          Moderne Liebesheirat? Genau das trachteten Nasarbajew und Akajew ihre Untertanen glauben zu machen. Letztere aber sahen es etwas anders. Für viele von ihnen war es das Wiederbeleben jener dynastischen Tradition, die in diesen Breiten auch unter zaristischer und sowjetischer Fremdherrschaft immer noch das Denken und Handeln so mancher Clans bestimmte.

          Daran hielt nicht zuletzt Mayram Akajew, die Frau des bisherigen Präsidenten, mit einer obendrein hemmungslos praktizierten Vetternwirtschaft fest. Sie schaffte es, nicht weniger als ein Viertel aller in der kirgisischen Hauptstadt tätigen Staatsdiener aus ihrem Heimatbezirk Talas zu rekrutieren. Das mußte nicht wenige Kirgisen um so mehr gegen Akajew und den Selbstverrat seiner ursprünglichen Reformbemühungen aufbringen, als das Pro-Kopf-Einkommen in diesem zum Großteil aus kargem Hochgebirge bestehenden Land bei jährlich höchstens 300 Euro liegt und allein die Arbeitslosigkeit ständig gestiegen ist. Von wegen kirgisische Schweiz.

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