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Türkische Gotteshäuser : Der Kampf um die Hagia Sophia

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Bau mit Symbolwert: Die Hagia Sophia, von der Blauen Moschee aus gesehen Bild: AFP

Der Kirchenbau in Istanbul ist für türkische Islamisten und Nationalisten das wichtigste Symbol der osmanischen Eroberung Konstantinopels. Immer wieder gibt es Anläufe, ihn abermals in eine Moschee umzuwandeln.

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          Für viele konservative Muslime in der Türkei war es ein lange gehegter Traum: Die Hagia Sophia verwandelte sich während des islamischen Fastenmonats Ramadan täglich für ein paar Stunden zurück in eine Moschee. Nacht für Nacht, nachdem die Touristen und Reiseführer die geschichtsträchtige Stätte verlassen hatten, trafen sich hier einflussreiche muslimische Geistliche, rezitierten aus dem Koran und riefen zum Gebet vor dem Morgengrauen. Die Zeremonien wurden aufwendig gefilmt und live übertragen auf Diyanet TV, dem Fernsehkanal des Türkischen Amtes für Religiöse Angelegenheiten. Den ersten Auftritt hatte Diyanet-Präsident Mehmet Görmez höchstpersönlich.

          Der grandiose, der „heiligen Weisheit“ gewidmete Kuppelbau wurde um das Jahr 530 als byzantinische Reichskirche errichtet und war 900 Jahre lang die größte und bedeutendste Kirche der Welt, bis sie nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 zur Moschee umfunktioniert wurde. 1934 ließ Staatsgründer Atatürk sie in ein Museum umwandeln. Seitdem ist sie eines der wichtigsten Symbole für die wechselhafte Geschichte der Stadt und der verschiedenen Religionen, die diese prägten.

          Keine Freunde mehr im Westen

          Gebete und religiöse Rituale sind in der Hagia Sophia eigentlich nicht mehr erlaubt, weder für Christen noch für Muslime. Selbst Papst Benedikt XVI. musste sich daran halten, als er Istanbul vor einigen Jahren besuchte. Wer nun wann und wie entschieden hat, dieses Verbot zu lockern, ist unklar – die staatliche Religionsbehörde präsentierte die Ramadan-Show jedenfalls, als sei sie das Selbstverständlichste der Welt.

          Während regierungsnahe Medien sich vor Begeisterung überschlugen und von „historischen Momenten in der Hagia Sophia“ schrieben, hagelte es aus dem Ausland Kritik. Das griechische Außenministerium bezeichnete die Entscheidung als „rückschrittlich“, was in der Türkei wiederum mit Empörung quittiert wurde. Griechenland mische sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei ein, meldeten türkische Medien erbost und verbreiteten das Gerücht, der griechische Konsul habe sich auf eine morgendliche Inspektion in die Hagia Sophia begeben.

          Unterdessen ermahnte auch das amerikanische Außenministerium die Türkei zu einem „respektvollen Umgang“ mit der Geschichte des Ortes. Der Istanbuler AKP-Abgeordnete Samil Tayyar goss Öl ins Feuer, indem er auf Twitter schrieb, muslimische Gottesdienste in der Hagia Sophia seien eine Vergeltung für die „Armenier-Lüge“ des deutschen Bundestages. Die Türkei habe im Westen keine Freunde mehr, also müsse man keine Rücksicht mehr nehmen, so Tayyar.

          Als Kirche gebaut und genutzt

          Die türkisch-armenische Abgeordnete Selina Özuzun Dogan, die als eine von wenigen christlichen Politikerinnen für die kemalistische Oppositionspartei CHP im türkischen Parlament sitzt, empfindet die ganze Aktion als „respektlos“. Die Hagia Sophia sei eines der wichtigsten Symbole der kulturellen Vergangenheit des Landes und die religionsunabhängige Nutzung daher genau richtig.

          „Wenn man das Gebäude unbedingt in irgendeinen Originalzustand zurückversetzen wollte, dann müsste man es logischerweise wieder als Kirche nutzen“, sagt Dogan, schließlich sei die Hagia Sophia ursprünglich als Kirche gebaut und jahrhundertelang als solche genutzt worden. Außerdem gebe es einen weitaus größeren Mangel an christlichen als an muslimischen Gotteshäusern im Land. Ähnlich hatte sich vor zwei Jahren der griechisch-orthodoxe Patriarch von Istanbul, Bartholomäus I., geäußert. In diesen Tagen ist er für ein Gespräch zu dem Thema nicht zu erreichen, genauso wenig wie andere Kirchenvertreter in der Stadt.

          Es gehe bei dem Thema ohnehin weniger um Religion als vielmehr um Identitätspolitik, sagt Koray Caliskan, Politikwissenschaftler an der Istanbuler Bosporus-Universität. Für türkische Islamisten und Nationalisten sei die Hagia Sophia – auf Türkisch heißt sie Ayasofya – das wichtigste Symbol für die Eroberung Konstantinopels. Dass die historische Stätte heute allen Kulturen gleichermaßen gehöre, passe nicht in das Weltbild dieser konservativen Gruppen – die Hagia Sophia werde als „Sehnsuchtsort“ empfunden, den es zurückzuerobern gelte.

          „Keiner braucht eine neue Moschee“

          Wer die Hagia Sophia in diesen Tagen besucht, wird von dem Streit um dieses imposante Kulturdenkmal allerdings nicht viel mitbekommen. Am letzten Freitag vor dem Ende des Fastenmonats Ramadan etwa ist es friedlich hier und ruhiger als sonst. Wo sich zu belebteren Zeiten eine Reisegruppe nach der anderen durch die prächtigen Räume schiebt, schlendern an diesem Nachmittag, wenige Tage nach dem Terroranschlag am Istanbuler Atatürk-Flughafen, nur vereinzelte Besucher hindurch.

          Cüneyt Sezen aus Istanbul und sein Freund Cagdas Ünal, der gerade aus der westtürkischen Stadt Canakkale zu Besuch ist, stehen auf der Galerie und schießen Erinnerungsfotos. Die jungen Männer sind Lehrer, Sezen unterrichtet Geschichte, Ünal Sozialkunde. Die Debatte über die Hagia Sophia empfinden beide als „überflüssig“. Dass die Spuren der verschiedenen Religionen sich hier vermischten, sei doch gerade das Besondere, sagt Sezen: „Wozu braucht man hier einen Gottesdienst? Es ist doch gut so, wie es ist. Keiner braucht eine neue Moschee, das ist nur Stimmungsmache.“

          Die Journalistin Hilal Bayar sieht das ganz anders. Sie kann sich nichts Schöneres vorstellen, als die Hagia Sophia einmal als Moschee zu erleben. Die junge Frau mit dem geflochtenen Zopf und dem lässigen schwarzen Kleid ist oft hier. Sie hat sich intensiv mit der Geschichte der Hagia Sophia beschäftigt und ist überzeugt, dass es nur den osmanischen Eroberern zu verdanken sei, dass der Bau heute in so gutem Zustand ist. Bayar verweist auf Einkerbungen in den Wänden: „Da waren früher goldene Kreuze. Die Kreuzritter haben sie mitgenommen, als sie die Stadt geplündert haben.“ Erst die Umwandlung in eine Moschee habe das Gebäude geschützt und für spätere Generationen bewahrt, daher sei es schade, dass sie nicht mehr als Moschee genutzt werden könne.

          Unterstützung aus Regierungskreisen

          Die Debatte über die Nutzung der Hagia Sophia ist in den letzten Jahren immer wieder aufgeflammt. Die mitgliederstarke Anatolische Jugendvereinigung organisierte vor zwei Jahren ein Protestgebet vor der Hagia Sophia, an dem mehrere tausend Menschen teilnahmen, und startete eine Unterschriftenkampagne für die Umwandlung des Museums in eine Moschee. Ähnliche Initiativen strengte die türkische Studentenunion an.

          Aus Regierungskreisen gab es Unterstützung: Der damalige stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc verkündete schon Ende 2013 bei einem Besuch der Hagia Sophia, er „bete zu Allah, dass diese bald wieder lächeln wird“. Abgeordnete der Regierungspartei AKP und der nationalistischen Oppositionspartei MHP haben mehrere Gesetzesentwürfe ins Parlament eingebracht, in denen sie fordern, dass die Hagia Sophia wieder als Moschee genutzt wird.

          Rationale Gründe gebe es für diesen Wunsch nicht, betont Koray Caliskan. Istanbul mangele es nicht an imposanten Moscheen, nirgendwo in der Stadt gebe es mehr davon als auf der historischen Halbinsel. Selbst die direkt gegenüber der Hagia Sophia gelegene und ähnlich imposante Blaue Moschee sei zu den Gebetszeiten meist nur halbvoll.

          Ein kleines emotionales Zugeständnis

          „Erdogan selbst hat vor ein paar Jahren mal gesagt, lasst uns erst die Blaue Moschee vollkriegen, bevor wir uns um die Hagia Sophia kümmern“, sagt Caliskan. Dass der Staatspräsident sich momentan nicht öffentlich dazu äußere, habe strategische Gründe, vermutet der Politikwissenschaftler: „Ideologisch nutzt ihm die Debatte, weil sie seine Basis stärkt. Wirtschaftlich aber kann er sich gerade keinen weiteren Streit mit dem Westen erlauben, der dem Tourismus im Land noch weiter schaden könnte.“ Unter welchem Druck der Staatspräsident stehe, zeige sich ja daran, dass er entgegen seinen Prinzipien gerade vor Russland und Israel eingeknickt sei.

          Ohnehin sei es kein Zufall, sagt Caliskan, dass die Ein-Monats-Moschee in der Hagia Sophia ausgerechnet in einer Zeit stattgefunden habe, in der es dem Land so schlecht gehe wie seit langem nicht mehr. Die türkische Regierung wende sich dem politischen Islam zu, je mehr es politisch und wirtschaftlich bergab gehe. Koranklänge aus der Hagia Sophia seien ein kleines emotionales Zugeständnis, das kurzfristig die Laune der konservativen Wähler verbessere – und gleichzeitig die gesellschaftliche Polarisierung im Lande weiter vorantreibe.

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