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Kindesmissbrauch in Australien : An einem verfluchten Ort

Wider das Schweigen: An Kirchen in Ballarat erinnern Bürger mit bunten Bändern an Opfer. Bild: Till Fähnders

Im australischen Ballarat missbrauchten Priester und Lehrer jahrelang reihenweise Kinder. Bis heute weigern sich viele Bürger, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

          6 Min.

          Das australische Städtchen Ballarat ist auf Gold gebaut. Abenteurer, die auf der Suche nach schnellem Reichtum gekommen waren, hatten die Ortschaft Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet. Die gewaltigen Vorkommen im Buschland nördlich von Melbourne führten damals zu einem fiebrigen Goldrausch. Bis heute zeugen die verschnörkelten Fassaden aus der Zeit der britischen Königin Viktoria von diesem Reichtum. Ein bewaffneter Aufstand in Ballarat im Jahr 1854, mit dem Goldsucher sich mehr Rechte sichern wollten, wird sogar als Ursprung der australischen Demokratie gesehen. Man ist hier stolz auf diese Geschichte.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Jedoch liegt ein anderer Teil ihrer Vergangenheit wie ein dunkler Schatten über der ehemaligen Goldgräbersiedlung im Bundesstaat Victoria. In Ballarat fand einer der schlimmsten sexuellen Missbrauchsskandale in der Geschichte Australiens und der katholischen Kirche statt. Über Jahre hinweg hatten sich Priester, Mönche, Ordensleute, Lehrer und von der Kirche beschäftigte Laien an Minderjährigen vergangen.

          Kirche und Behörden vertuschten das ungeheure Ausmaß des Missbrauchs. Die Beschuldigten kamen nicht vor Gericht, sondern wurden meist nur an andere Orte versetzt. Den Opfern wurde nicht geglaubt, oder sie wurden unter Druck gesetzt. Eine ganze Generation von Kindern war betroffen, Kinder, die heute Erwachsene sind.

          Eines dieser Opfer hat sich als Treffpunkt ein Restaurant ausgesucht, das direkt am Bahnhof von Ballarat liegt. Es trägt den Namen „The Provincial“ und ist in einem Gebäude aus dem Jahre 1909 mit Türmchen auf dem Dach untergebracht. An einem der tischtuchbedeckten Tische sitzt ein kräftiger Mann mit weißem T-Shirt, Glatze und Ohrring. Andrew Collins ist im Alter von sieben bis 14 Jahren von vier verschiedenen Tätern missbraucht worden.

          Es waren ein Lehrer, ein Mönch, ein Priester und ein Mitglied des Laienordens Christian Brothers. Sie haben ihn unabhängig voneinander und zu unterschiedlichen Zeiten anal vergewaltigt, mit dem Finger penetriert oder betatscht. Einer seiner Peiniger setzte ihn zudem über Monate hinweg psychisch unter Druck. „Das war das schwerste Jahr meines Lebens“, sagt Andrew Collins, der heute 47 Jahre alt ist.

          „Wie wir heute sehen, arbeiten Pädophile zusammen“

          Seine Stimme ist sanfter, als man es angesichts seiner Statur erwartet. Jahrelang hatte er seine Geschichte weitgehend für sich behalten, rebellierte stattdessen gegen die Autoritäten. Nicht einmal seine Eltern hätten ihm geglaubt. „Sie sagten: Unsinn! Ein Mann Gottes würde so etwas nie tun“, berichtet Collins. Auch ein Lehrer tat seine Anschuldigungen ab. Doch mittlerweile kann er über seine Erfahrungen reden, auch wenn es weh tut und er danach manchmal tagelang nicht mehr aus dem Bett kommt.

          Als ehemaliges Opfer von Missbrauchsfällen ist Andrew Collins heute Sprecher einer der Opfergruppen, die sich in Ballarat zusammengefunden haben.

          „Wenn es um Kindesmissbrauch geht, war Ballarat einer der schlimmsten Plätze auf der Welt“, sagt Collins. „Es gibt kaum eine Schule hier, an der nicht mindestens ein Pädophiler war. In den sechziger, siebziger und achtziger Jahren dürfte jedes Kind in Ballarat in irgendeiner Phase einem begegnet sein. So viele waren es. Wer damals nicht missbraucht wurde, der hat Glück gehabt“, sagt er. Eine Besonderheit sei, dass viele Opfer hier nicht nur von einem Täter angegangen wurden. „In Ballarat wurden die meisten Opfer von mehreren Tätern missbraucht. Manchmal, so wie in meinem Fall, kamen sie sowohl aus der katholischen Kirche als auch von außerhalb“, sagt der Australier.

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