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Wasserstoffbombe : Nordkorea startet die nächste Stufe

Die erste echte, zweistufige Wasserstoffbombe der Welt kommt aus Amerika. Sie explodiert am am 1. November 1952 auf der Insel Elugelab im Pazifik. Bild: dpa

Sollte Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un versuchen, seine Zerstörungskraft mit einer Wasserstoffbombe im Pazifik zu demonstrieren, wären die Folgen unübersehbar. Wie groß ist die Gefahr - abseits der Kriegsrhetorik? Eine Analyse.

          Wenn es eine Gewissheit im Wortkrieg zwischen Kim Jong-un und Donald Trump gibt, dann diese: Denkt man, die äußerste Stufe der gegenseitigen Provokationen sei erreicht, schaltet einer der beiden Präsidenten noch einen Gang höher. Drohte Trump Nordkoreas Machthaber vorgestern noch dem „Raketenmann auf Selbstmordmission“ mit der „vollständigen Vernichtung“ seines Landes, antwortet Kim zuletzt dem „senilen US-Greis“ mit der Gegendrohung, ihn mit „Feuer“ zu „bändigen.“ Mitunter wirken beide mit ihren Statements wie zwei halbstarke Raser, die mit ihren hochgetunten Autos durch die Innenstädte brettern.

          Die Sorge, dass es dabei zu einem schrecklichen Unfall kommt, ist mit einer handfesten Drohung diesen Freitag noch einmal gewachsen. Nordkoreas Außenminister Ri Yong-ho sagte laut südkoreanischer Nachrichtenagentur Yonhap am Rande der UN-Vollversammlung, der nächste Atomtest Nordkoreas könne die „stärkste Explosion einer Wasserstoffbombe“ im Pazifischen Ozean bringen. Auch wenn Ri hinzufügte, er wisse nicht, was sein Präsident plane, ist davon auszugehen, dass Nordkoreas Außenminister die Drohung nicht ohne Placet von oben geäußert hat. Es wäre die ultimative Machtdemonstration, die Amerika wie nichts zuvor herausfordert.

          Dabei ist bislang ungewiss, ob es sich um leere Worte handelt. Nordkorea hatte am 3. September zwar verkündet, eine Wasserstoffbombe erfolgreich gezündet zu haben. Es war zugleich der sechste Kernwaffentest, den die Volksrepublik durchgeführt hat. Nuklearexperten bezweifelten allerdings bis zuletzt, ob das Land über das entsprechende Wissen und die Fähigkeiten dazu verfügt. Wissen über das Atomprogramm dringt kaum aus dem abgeschotteten Land nach außen. Wissenschaftler und Geheimdienste gründen ihre Erkenntnisse in erster Linie auf das, was von außerhalb der Grenzen wahrnehmbar ist. Satelliten registrieren Veränderungen an den Nuklearanlagen und auf den Testgeländen, Seismographen registrieren Erschütterungen, die durch Explosionen verursacht werden. Hinzu kommen Propagandaaufnahmen des Regimes, die immer wieder Diktator Kim Jong-un vor (angeblichen) Atombomben zeigen.

          Sollte es dem Kim-Regime aber geglückt sein, Wasserstoffbomben herzustellen, wäre es ein großer Schritt in der Zerstörungskraft, die Nordkorea anrichten kann. Das liegt daran, dass im Gegensatz zu herkömmlichen Atombomben bei Wasserstoffbomben Atomkerne verschmolzen, statt gespalten werden. Die Sprengkraft einer Wasserstoffbombe kann mehrere Hundert Kilotonnen betragen – ein Vielfaches der Atombomben, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki zum Einsatz kamen. Dafür spricht, dass beim jüngsten Test die Sprengkraft erheblich über der bisheriger nordkoreanischer Bombentests liegt. Auch die technischen Schwierigkeiten dürften zu überwinden sein. Die Grundlagen für den Bau einer Wasserstoffbombe sind bekannt. Es handelt sich um eine jahrzehntealte Technologie. Dagegen spricht, dass die Kernfusion dennoch schwerer zu beherrschen ist als die Kernspaltung und eine vergleichbare Sprengkraft wie beim Test am 3. September auch mit einer herkömmlichen Bombe zu erzielen wäre.

          Wasserstoffbomben zählen unter den etablierten Atommächten heute zum Standard-Repertoire. Außer ihrer höheren Sprengkraft, verfügen sie gegenüber herkömmlichen Bomben über weitere Vorteile. Um eine vergleichbare Wirkung zu erzielen, wird deutlich weniger Spaltmaterial benötigt. Gewicht und Größe sind deutlich kleiner, weshalb sie leichter auf Raketen zu montieren sind als Spaltbomben vergleichbarer Sprengkraft. Dank der größeren  Zerstörungskraft sinken auch die Anforderungen an die Zielgenauigkeit. Eine Großstadt wie San Francisco oder Los Angeles, müsste die Atomrakete gar nicht treffen. Um ähnlich verheerende Verwüstungen wie in Hiroshima oder Nagasaki anzurichten würde es reichen, sollte eine Wasserstoffbombe mit entsprechender Sprengkraft in der Nähe explodieren.

          Dass Kim mit der Zündung einer Wasserstoffbombe über dem Pazifik abermals das Völkerrecht brechen würde, dürfte ihn nicht stören. Dem Land sind vom UN-Sicherheitsrat zwar jegliche Atomtests untersagt. Das hat Nordkorea zuletzt aber auch nicht von ihnen abgehalten.

          Für den Fall, dass Nordkorea seine Drohung in die Tat umsetzen will, hält Rüstungskontrollexperte Oliver Meier von der Stiftung Wissenschaft und Politik zwei Szenarien für denkbar. „Das Regime könnte versuchen, eine Wasserstoffbombe per Schiff auf den Pazifik zu transportieren. Amerika würde, so es die Absichten aufdecken könnte, dass Schiff zerstören.“ Das, so Meier, sei die wahrscheinlichere Variante. Die Unwahrscheinlichere wäre es, dass Nordkorea tatsächlich versuchen würde, die Bombe auf einer Rakete in den Pazifik zu schießen. „Hochriskant“ sei das. Nicht nur könnte die Rakete auseinanderbrechen, die Bombe in Hände von Kims Gegnern fallen oder – schlimmer noch – über bewohntem Gebiet detonieren. Amerika könnte versuchen, die Rakete schon vor dem Start mit einem Militärschlag aufzuhalten.

          Egal, wie sich Kim entscheidet: Das Risiko eines Tabubruchs im Fernen Osten wächst. Und mit ihm die Kriegsgefahr.

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