https://www.faz.net/-gpf-6w0td

Kim Jong-il : Machtmensch und Reformverweigerer

  • -Aktualisiert am

Postkartenpanorama: Kim Il-sung und sein Sohn Kim Jong-il (rechts) Bild: Reuters

Offiziell wurde Kim Jong-il in Nordkorea vergöttert. Und vielleicht ist die Trauer um ihn, die nach seinem Tod auf den Straßen zu sehen war, sogar echt. Aber schon zu Lebzeiten des „Geliebten Führers“ gab es Zweifel an seiner Führungsfähigkeit.

          Es gab eine Warnung. Und Kim Jong-il hat sie auch gehört. Im Jahr 2008 erlitt Nordkoreas Staatsführer einen Schlaganfall. Für einige Monate verschwand er aus der Öffentlichkeit. Als er schließlich - körperlich offensichtlich geschwächt - zurückkam, hatte er einen Plan für seine Nachfolge in der Tasche. Sein dritter Sohn Kim Jong-un wurde darauf vorbereitet, seinen Vater zu beerben. Auch weiterhin sollte also die Dynastie über Nordkorea herrschen.

          Ein Jahr später allerdings sah es so aus, als habe sich der Kim senior wieder erholt. Er ging auf Reisen, erschien rüstig. Doch jetzt ist der Ernstfall eingetreten, den die nordkoreanische Nomenklatura genauso fürchtete wie die südkoreanische Regierung. Kim Jong-il ist tot, schon am Samstag starb er an einem Herzanfall, wie es in der offiziellen Mitteilung heißt. Die Menschen in den Straßen von Pjöngjang seien in Tränen ausgebrochen, hieß es. Entsprechende Bilder sind auch für die nächsten Tage zu erwarten. Kim Jong-il wurde verehrt als der „liebe Führer“ oder „General“.

          Nordkoreaner trauern am Montag vor einem großen Porträt von Kim Jong-Il und seinem Vater Kim Il-sung

          Er war der unumschränkte Herrscher, vielleicht sogar so etwas wie eine Vaterfigur. Doch wie groß die Trauer um ihn wirklich ist, wird sich kaum ermessen lassen. Denn in den siebzehn Jahren seiner Regierungszeit ging es Nordkorea nicht gut. Während das nordkoreanische Volk eine entbehrungsreiche Zeit durchlitt, musste es den Führer loben und ihm für seine „Fürsorge“ danken. Aus Berichten nordkoreanischer Flüchtlinge weiß man, dass die Begeisterung für Kim Jong-il nicht so groß war ist, wie dies nach außen aussah.

          Einwohner Pjöngjangs, augenscheinlich von Trauer überwältigt

          Kim Jong-il war der zweite Herrscher der Kim-Dynastie. Er beerbte 1994 seinen Vater Kim Il-sung, der den kommunistischen Staat gegründet hatte. Nach der Legende wurde Kim Jong-il 1942 am heiligen Berg der Koreaner, dem Berg Paektu, geboren. An beiden Angaben bestehen Zweifel. Nach westlichen Aufzeichnungen wurde Kim Jong-il in Russland geboren, wo sein Vater im Exil lebte. Sein wirkliches Geburtsjahr soll 1941 gewesen sein. Die Propaganda hat beide Angaben korrigiert, um an seiner Legitimation zu arbeiten. Der Führer „musste“ an heiliger Stätte in Korea und genau 30 Jahre nach seinem Vater geboren sein, damit die Spanne einer Generation von 30 Jahren zwischen den beiden lag.

          In den Armen des Vaters Kim Il-sung

          Kim Jong-il wurde von seinem Vater schon zu Lebzeiten als Nachfolger bestimmt, hatte aber vor dessen Tod formal noch keine wichtigen Ämter inne. Er begleitete seinen Vater auf dessen Reisen. Die Propaganda präsentierte beide gemeinsam. Als Kim Il-sung 1994 starb, versank Nordkorea in tiefe Trauer. Der Nachfolger übernahm zunächst nur den Titel des Vorsitzenden der Militärkommission.

          Nach dem Tod seines Vaters festigte Kim Jong-il seine Machtposition, indem er mögliche Konkurrenten um die Macht aus den Reihen der Partei entfernen ließ. Auch nahe Verwandte mussten weichen, einige von ihnen wurden ins Ausland geschickt. Schon sein Vater hatte mit härtester Hand regiert. Tatsächliche und vermeintliche Gegner wurden in Lager gesteckt. Das Überwachungssystem und der staatliche Terror reichten bis ins kleinste Dorf. Kim Jong-il hat dieses System übernommen und weitergepflegt.

          Der große Führer als Kind

          Kim Jong-il übernahm das Erbe eines Vaters, der bereits wie ein absoluter Monarch geherrscht hatte, in einer schwierigen Zeit. Als die Sowjetunion und der Ostblock noch bestanden, ging es Nordkorea nicht schlecht. Eingebunden in das sozialistische Wirtschafts- und Handelssystem, konnte der kleine Staat bestehen. Doch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde das Überleben für Nordkorea schwierig, denn die Kims verweigerten sich hartnäckig Wirtschaftsreformen und einer allmählichen Öffnung, wie sie im früheren Ostblock und in China stattfanden. Nordkorea setzte auch unter Kim Jong-il weiter auf die Planwirtschaft. Kim Jong-il warf sogar den Chinesen wegen ihrer Reformen ideologischen Verrat vor. Dabei ging es ihm selbst wohl weniger um die Ideologie als vielmehr um das nackte Überleben seines Regimes.

          Weitere Themen

          DDR-Grenzopfer in Bulgarien Video-Seite öffnen

          Erschossen und vergessen : DDR-Grenzopfer in Bulgarien

          Fast 700 DDR-Bürgern ist die Flucht in den Westen über die bulgarisch-griechische Grenze gelungen, mindestens 21 wurden beim versuchten Grenzübertritt getötet. Die meist jungen Opfer sind heute weitgehend vergessen.

          Topmeldungen

          „Verschrotter“ gegen „Planierraupe“: Renzi am Dienstag im italienischen Senat

          Regierungskrise in Italien : Im Land der wilden Matteos

          Italiens früherer Ministerpräsident Renzi wittert in der Regierungskrise die Gelegenheit für ein Comeback – und versucht nun, die Neuwahlpläne seines Erzfeindes Salvini zu durchkreuzen. Der Publizist Massimiliano Lenzi prophezeit einen „langen Krieg der Matteos“.
          Für ein geeintes Deutschland: Demonstranten bei der Montagsdemonstration am 12. März 1990 in Leipzig

          Vor Wahlen in Ostdeutschland : Warum wir das „Labor Sachsen“ im Blick haben sollten

          Die Erfahrung mit tiefgreifenden Brüchen und Strukturwandel ist eine Ressource, die immer wichtiger wird. Die Sachsen mit ihren gebrochenen Biographien haben – wie andere Ostdeutsche auch – an dem Punkt mehr einzubringen als nur eine für viele beunruhigende Parteienlandschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.