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Nach Kenia-Wahl : Nervenkrieg in Nairobi

Fühlt sich um den Sieg gebracht: Oppositionsführer Odinga Bild: Reuters

Am Freitag will die Wahlkommission das Ergebnis bekanntgeben. Derweil ruft Kenias Opposition Odinga zum Sieger aus, obwohl Kenyatta vorne liegt. Die Auszählung der Stimmen wird zu einem Nervenkrieg.

          Das Touristendorf Bomas of Kenya ist üblicherweise eine lahme Touristenattraktion. Das selbsternannte Kultur- und Freizeitzentrum an der Langata Road in Nairobi wirbt mit seinen Rundhütten in traditioneller Lehmbauweise und dem Bemühen, die vielen Kulturen der Völker von Kenia zu bewahren. Daneben verfügt das Bomas aber über einen Veranstaltungssaal mit 3500 Plätzen – und der ist seit Dienstagabend das Epizentrum des politischen Kenias. Dort hat die kenianische Wahlkommission ihre Zentrale eingerichtet, und dort beugen sich seit Mittwoch Vertreter aller Parteien über Dokumente, die so spannende Namen tragen wie „Form 34A“ oder „Form 34B“.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Diese Papiere sind die Bulletins aus den Wahlbüros, auf denen handschriftlich die Ergebnisse festgehalten wurden. Sie entscheiden darüber, wer die Präsidentenwahl in Kenia schlussendlich gewinnen wird, nachdem der Spitzenkandidat der Opposition, Raila Odinga, die vorläufigen Ergebnisse als das Werk von Hackern bezeichnet hatte. Diese vorläufigen Ergebnisse sehen Amtsinhaber Uhuru Kenyatta mit 55 Prozent deutlich vor Odinga mit 44 Prozent. Odinga behauptet, Hacker hätten sich des Zentralcomputers der Wahlkommission bemächtigt und die Ergebnisse gefälscht, indem sie die Zugangscodes des vor zwei Wochen zu Tode gefolterten Chefprogrammierers ebendieser Kommission, Chris Musando, benutzt hätten.

          Es geht um Krieg und Frieden

          40.883 solcher 34A-Bulletins gilt es nun zusammenzufassen und mit den Computerdaten zu vergleichen. Das ist eine Sisyphusarbeit, die dauert. Gefragt, wann mit dem Endergebnis der Präsidentenwahl zu rechnen sei, gab sich der Chef der Wahlkommission, Wafula Chebukati, am Donnerstag entsprechend vorsichtig: „Ich hoffe, wir schaffen es bis Freitagmittag.“ So lange will Odinga offenbar nicht warten. Am Donnerstag forderte die Nummer drei des Oppositionsbündnisses National Super Alliance (Nasa), Musalia Mudavadi, die Wahlkommission dazu auf, Odinga zum Sieger zu erklären. Als Grund nannte er „vertrauliche Informationen aus der Wahlkommission“ zu den Ergebnissen der Auszählung der Bulletins.

          Chebukati und seine Mitarbeiter stehen unter enormem Druck. Nach den Vorwürfen Odingas hatte Chebukati das einzig Richtige getan und die schriftlichen Bulletins, eine Art analoge Back-ups der Wahlergebnisse, umgehend den Vertretern aller Parteien zugänglich gemacht. Zudem hatte er seine Leute angewiesen, diese Bulletins zu scannen und ins Internet zu stellen. Es ist schließlich nicht nur Chebukatis Glaubwürdigkeit, die auf dem Spiel steht. Es geht buchstäblich um Krieg und Frieden in Kenia: Kann die Wahlkommission glaubhaft und zweifelsfrei beweisen, dass Odinga diese Wahl verloren hat, wird es diesem kaum gelingen, seine Anhänger auf die Straße zu schicken.

          Internationale Wahlbeobachter leisten Hilfe

          Die internationalen Wahlbeobachter leisteten der Wahlkommission am Donnerstag Schützenhilfe. Der ehemalige südafrikanische Präsident Thabo Mbeki nannte die Wahlen im Auftrag der Beobachter der Afrikanischen Union (AU) „frei, fair und transparent“. Damit bezog er sich allerdings nur auf den Wahlvorgang selbst, nicht auf den Vorwurf des Hackens der Ergebnisse. „Wir sind hier zum Beobachten, nicht zum Recherchieren“, erwiderte Mbeki ungehalten auf eine entsprechende Frage.

          Der ehemalige ghanaische Präsident John Mahama, der die Wahlbeobachtergruppe des Commonwealth leitet, sprach von „glaubwürdigen und fairen“ Wahlen. Die Vorwürfe Odingas bezeichnete er gleichwohl als „ernstzunehmend“. John Kerry, ehemaliger amerikanischer Außenminister und für die Carter-Stiftung als Beobachter unterwegs, mahnte Geduld mit der Wahlkommission an und pries ansonsten die Wahl und die Auszählung als „transparent und detailliert“. Und die niederländische EU-Abgeordnete Marietje Schaake, die die Wahlbeobachtergruppe der Europäischen Union leitet, will keine Anzeichen von „zentralisierter oder lokaler Manipulation“ gesehen haben.

          Das behauptet Raila Odinga auch nicht. Die Wahl an sich und die Auszählung der Resultate in den Wahlbüros waren einwandfrei. Worum es geht, ist die Frage, ob sich jemand Zugang zu den gesammelten Daten auf dem Zentralcomputer verschafft hat. Der Vorsitzende des IT-Komitees der Wahlkommission, Yakub Guliye, räumte am Donnerstag ein, dass es tatsächlich einen Hackerangriff gegeben habe. „Ja, jemand hat es versucht, mehrfach sogar“, sagte Guliye. Allerdings seien diese Angriffe erfolglos verlaufen, das Computerprogramm sei zu keinem Zeitpunkt kompromittiert gewesen. Ob diese Zugriffsversuche mit den Codes des ermordeten Programmierers Chris Musando erfolgten, wollten allerdings weder Guliye noch sein Chef Chebukati sagen.

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