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Kenia : Wenn ein toter Programmierer die Wahl beeinflusst

  • -Aktualisiert am

Wahlhelfer bei der Auszählung der Stimmzettel in dem zentralkenianischen Dorf Archers Post. Die Opposition glaubt, die Ergebnisse seien gefälscht worden. Bild: AFP

Der amtierende kenianische Präsident freut sich über die Mehrheit der Stimmen. Doch die Opposition beklagt, dass die Ergebnisse gefälscht wurden – mit Hilfe der Identität eines Mordopfers.

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          Chris Musando ist seit knapp zwei Wochen tot. Der Chefinformatiker der kenianischen Wahlkommission war am 28. Juli in Nairobi verschleppt, gefoltert und ermordet worden. Doch am Wahltag stand Chris Musando offenbar von den Toten auf und nutzte seinen Zugang zum Computersystem der Wahlkommission, um die dort gespeicherten Ergebnisse zu manipulieren – Ergebnisse, die in ihrer veröffentlichten Form Kenias amtierenden Präsidenten Uhuru Kenyatta mit deutlicher Führung vor seinem Rivalen Raila Odinga zeigen.

          Demnach entfielen auf Kenyatta am Mittwochmittag nach Auszählung von 95 Prozent aller Wahlbüros 55,44 Prozent, während Odinga auf lediglich 44,55 Prozent kam. Während ein Sprecher der Kenyatta-Partei Jubilee die vorläufigen Ergebnisse als „sehr erfreulich“ bezeichnete, lehnte Odinga sie als „massive Fälschungen“ rundweg ab. „Ein Wahlbetrug in diesem Ausmaß hat es in der Geschichte unseres Landes noch nie gegeben“, schimpfte Odinga am Mittwoch.

          Dabei hatte diese Mammutwahl, bei der ein neuer Präsident, ein neues Parlament, neue Gouverneure und neue Lokalvertretungen gewählt werden, so gut angefangen: Nahezu alle der knapp 41.000 Wahllokale hatten am Dienstagmorgen pünktlich geöffnet, um die teilweise seit dem Vorabend im Freien ausharrenden Wähler einzulassen. Das computergestützte, biometrische System zur Identifizierung der Wähler, das bei den letzten Wahlen 2013 noch spektakulär abgestürzt war, funktionierte dieses Mal einwandfrei. Und der einzige Zwischenfall am Wahltag war die Geburt eines gesunden Mädchens unmittelbar vor einem Wahlbüro.

          Wahl in Kenia : Präsident in Führung

          Nun ist man bei Wahlen in Afrika immer gut beraten, nicht alles zu glauben, nur weil es von der Opposition kommt, doch was Odinga im Laufe des Mittwochs an Beweisen für seinen Vorwurf der Manipulation präsentierte, hatte es durchaus in sich. Sein Oppositionsbündnis National Super Alliance (Nasa) hat offenbar einen Informanten in der IT-Abteilung der Wahlkommission, der Odinga mit zahlreichen Interna füttert.

          So konnte die Opposition die Serverprotokolle der Rechner vorlegen, aus denen hervorgeht, dass eine Person, die der Computer als „Musando“ identifizierte, in das System einzudringen versuchte und dies wohl auch schaffte. Von 16 Uhr an wurden am Wahltag laut dem Serverprotokoll jedenfalls große Mengen gespeicherter Daten gelöscht.

          Der tote Super User konnte Daten löschen

          Aus dem von Odinga vorgelegten Minutenprotokoll der Servertätigkeit wird zudem ersichtlich, dass um 12.38 Uhr am Wahltag ein Algorithmus aufgespielt wurde, der die ständig einlaufenden Ergebnisse aus den Wahlbüros angeblich ignorierte und stattdessen seine eigenen Ergebnisse produzierte – die Kenyatta konstant bei elf Prozent Vorsprung vor Odinga hielten. Für Odinga ist damit klar, dass die vorläufigen Ergebnisse „von einem Computer produziert wurden, der auf Autopilot geschaltet war. Das sind fake news“.

          Der ermordete Chris Musando hatte das in Kenia eingesetzte digitale System zur Identifizierung von Wählern und der Kompilation der Ergebnisse zwar nicht erfunden, wohl aber den lokalen Anforderungen angepasst. Als sogenannter Super User hatte er weitreichende Administratorenrechte und konnte nicht nur Programme aufspielen, sondern auch Daten löschen.

          Er war eine der Schlüsselfiguren bei der Unterbindung von eventuellen Manipulationen der Wahlergebnisse. Gleichwohl hatten sowohl die kenianische Polizei als auch das Innenministerium seinen gewaltsamen Tod behandelt wie ein nebensächliches Ereignis.

          Der Chef der Wahlkommission, Wafula Chebukati, schwor am Mittwoch zunächst Stein und Bein, die veröffentlichten Ergebnisse seien identisch mit den schriftlichen Bulletins aus den knapp 41.000 Wahlbüros, die vom jeweiligen Leiter des Wahlbüros sowie seinen Beisitzern unterschrieben werden müssen. Vorweisen konnte er diese Bulletins aber zunächst nicht. Dabei sind diese Schriftstücke die wichtigsten Unterlagen der gesamten Wahl. Das kenianische Wahlgesetz sieht vor, dass im Falle einer Diskrepanz zwischen den computergenerierten Ergebnissen und den schriftlichen Bulletins immer das Ergebnis der Bulletins zählt.

          Wurde das Computersystem gehackt?

          Später ruderte Chebukati zurück, bezeichnete die vorläufigen Ergebnisse als „nicht definitiv“ und wollte nicht ausschließen, dass sein Computersystem gehackt wurde. Den Vertretern der Präsidentschaftskandidaten wurde am Mittwochnachmittag Zugang zu den Bulletins gewährt, und die Wahlkommission hatte begonnen, ebendiese Bulletins online zu stellen. Bis aber die volle Zahl von 40.883 Schriftstücken im Internet verfügbar sein wird und damit Odingas Vorwürfe entweder bestätigt oder entkräftet werden können, werden vermutlich Tage vergehen.

          Zwar erklärten Wahlbeobachter der Europäischen Union am Donnerstag, ihnen lägen bislang keine Belege für eine Manipulation vor. Doch die Vorwürfe der Opposition haben ausgereicht, jetzt schon Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieser Wahl zu säen. In Kisumu am Viktoria-See, einer Hochburg der Odinga-Anhänger, kam es am Mittwoch prompt zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, bei denen Tränengas eingesetzt wurde. In Mathare, einem der großen Slums von Nairobi, wurden zwei Demonstranten von der Polizei getötet, während das Leben im Rest der Stadt wirkte, als habe jemand die Handbremse angezogen.

          Auch in Hula, einer Stadt im Südosten des Landes, erschoss die Polizei zwei Personen. Das ist zwar nichts im Vergleich zu den schweren Unruhen nach den Wahlen im Jahr 2007, bei denen mehr als 1000 Menschen ums Leben kamen. Aber die Angst vor einer Wiederholung der Straßenschlachten von damals ist nunmehr endgültig zurück.

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