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Kenia : Das dreckige Herz Nairobis

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Was die kenianische Hauptstadt wirklich bewegt, erzählen nicht die glitzernden Fassaden ihrer Hochhäuser, sondern ihre stinkenden Slums. Und deren dort zusammengepferchte Bewohner.

          5 Min.

          Kibera, das ist eine unübersichtliche Ansammlung von Wellblech- und Holzhütten, eine schiefer als die andere. Und wenn sie trotzdem noch stehen, dann nur, weil sie sich in ihrer Baufälligkeit gegenseitig stützen. Es gibt einen Bach, den Nairobi-River, der die Fäkalien wegschwemmt und den Menschen gleichzeitig als Waschplatz dient. Räudige Hunde mit handgroßen Ekzemen im Fell streunen umher, kleine Kinder tapsen barfuß durch braune Pfützen, und mitten in dem mit Exkrementen verseuchten Bach stehen zwei Männer mit Rechen in den Händen und durchsuchen die stinkende Brühe nach Altmetall.

          Ein Streifzug durch diesen Slum hat etwas unfreiwillig Voyeuristisches. Doch was Nairobi bewegt, lernt man nicht in den glitzernden Hochhäusern der Innenstadt, wo sich die Mitarbeiter globaler Wirtschaftsunternehmen und unzähliger internationaler Organisationen hinter schier endlosen Sicherheitsschleusen verbarrikadiert haben, sondern in seinen Hinterhöfen, Orten wie Kibera, Eastleigh und Mathara. Nur hier lernt man die Stadt verstehen, die sich zum politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt für die ganze Region entwickelt hat.

          Eigentlich will man den Menschen schon aus Respekt gar nicht so nahe auf die Pelle rücken, doch die allenthalben offen stehenden Haustüren lassen Abstand nicht zu. Sie gewähren Blicke auf ein Leben, das mit gängigen Vorstellungen von Menschenwürde nicht viel gemein hat. Zwischen 500.000 und 700.000 Menschen sollen in Kibera leben, genau weiß das keiner. In den häufig nur schulterbreiten Gassen lässt sich Körperkontakt mit anderen Passanten nicht vermeiden. Trotzdem geht es freundlich und höflich zu.

          Cox, der sich als Führer angeboten hat und schon morgens um neun Uhr eine stechende Schnapsfahne hat, stellt einige seiner Bekannten vor: Joyce, die an Aids erkrankte Mutter von drei Kindern, die nach dem Tod ihres Mannes von der Familie hinausgeworfen wurde und seither in Kibera wohnt; Anabel, die Wirtin einer aus morschen Brettern zusammengebastelten Spelunke, in der selbst gebrannter Schnaps serviert wird, von dem Anabel eindeutig zu viel getrunken hat; Michael, den Gemüsehändler, der seit 25 Jahren mit Frau und sechs Kindern in einer Lehmhütte lebt und immer noch glaubt, dass er nächstes Jahr in eine andere Gegend ziehen wird; und die herrlich optimistischen Jungs von der „Victorious Youth Group“, die aus Rinderknochen Amulette für die Touristen in den teuren Hotels der Innenstadt schnitzen und wissen wollen, ob der Markt in Finnland nicht gerade günstig sei für ihre Produkte.

          Slums, nach Ethnien geordnet

          Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie zur Ethnie der Luo gehören. Kein Kikuyu kann sich in Kibera halten, kein Kalenjin wird hier seines Lebens froh. Seit 1992 ist Kibera der Wahlbezirk des kenianischen Ministerpräsidenten Raila Odinga, einem Luo. Der Slum ist sein Protestreservoir mitten in der Kikuyu-Stadt Nairobi. Es gibt Stimmen, die sagen, das Schlimmste, was Odinga passieren könnte, wäre die Sanierung von Kibera, weil dann die Wut der Luo verpuffen würde. „Es geht um Geld und Macht, und viele Leute hier sind dumm genug, darauf alle fünf Jahre bei den Wahlen wieder hereinzufallen“, sagt Cox dazu.

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