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Kenia : Das dreckige Herz Nairobis

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Diese Selbstbezogenheit, diese Rückbesinnung auf die eigene Stärke in Ermangelung von Identifikationsmöglichkeiten mit dem eigenen Lebensumfeld, ist auch das Kennzeichen von Mathare Valley, dem ältesten Slum der Stadt. Das ist Sammy Gitaus Reich. Sammy war einmal ein Straßenkämpfer, einer, dem man abends nicht unbedingt begegnen wollte. Er hat sich aus dem Sumpf befreien und in Großbritannien ein Management-Studium absolvieren können. Seine märchenhafte Geschichte hat die britischen Zeitungen verzückt, ihm standen alle Türen offen.

Trotzdem ist er nach Mathare zurückgekehrt, um dort ein Zentrum aufzubauen, das er als „Plattform zum Denken“ bezeichnet. Die Slumbewohner sollen über sich selbst nachdenken und eigenständig Ideen entwickeln, wie sie aus ihrem Elend herauskommen können. Sammy bietet ihnen dafür nur das Rüstzeug und lehrt sie handwerkliche Fertigkeiten - bei ihm können sie lernen, wie man Haare schneidet, ein Radio repariert oder einen alten Computer instand setzt. „Ansonsten kümmert sich ja keiner“, sagt er.

Wer es geschafft hat, schaut nicht zurück

An der Innenwand eines Containers, der ihm jahrelang als Behausung diente, hat Sammy die Genealogie des Elends nachzuzeichnen versucht. Es ist ein kompliziertes Geflecht aus sozialen Gruppen, ihren jeweiligen Antrieben und Interaktionen, und Sammy ist sich selbst nicht so sicher, ob er richtig liegt mit seiner Theorie. Nur eines weiß er ganz sicher: Wer die Schwelle von der Armut in ein erträglicheres Leben überspringt, schaut nie wieder zurück, um den Zurückgebliebenen eine Hand zu reichen. „Diese Stadt hat kein Gewissen“, sagt er. „Geld ist unsere Religion.“

Ist das tatsächlich der Geist Nairobis? Mwafrika ringt um die Antwort. Der junge Mann mit den Rasta-Locken ist ein bekannter Hip-Hop-Musiker in Kenia. Außerhalb des Landes kennt ihn kein Mensch. Die kenianische Musikszene ist nicht so ironisch wie die ivorische und erst recht nicht so angriffslustig wie die nigerianische. Sie ist vielmehr angepasst bis zur Selbstverleugnung.

Natürlich kennt Mwafrika die Geschichte der sozialen Explosion, die der legendäre Feila Kuti zu Zeiten der Militärdiktatur in Nigeria mit seinem Kleptokraten-Song „International Thieves“ auslöste. Danach war die ohnehin ständig brodelnde Megastadt Lagos nicht mehr dieselbe. „Wir arbeiten daran“, sagt Mwafrika und prüft dabei den Sitz seiner frisch gestylten Frisur. Mwafrika schreibt Liedtexte über die Brutalität der Polizei und über die Matatus genannten Sammeltaxis, die es zu jeder Tageszeit schaffen, den Verkehr zum Erliegen zu bringen.

Die überbordende Korruption, die ethnischen Konflikte, die Politiker gezielt schüren, um ihre eigenen Interessen zu befördern - keine Themen für den Rapper. „Solche Lieder spielen die Radiostationen nicht“, brummelt er. Und das sei eben schlecht fürs Geschäft. Stattdessen verdingt sich Mwafrika gerade als Juror in der kenianischen Version der Musik-Talentshow „Deutschland sucht den Superstar“. Und das ist gut fürs Geschäft.

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