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Kenia : Das dreckige Herz Nairobis

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Der stämmige Cox betreibt übrigens ein Zentrum für arbeitslose Jugendliche. Jedenfalls behauptet er das. Zum Termin war er mit sechs Leibwächtern aufgetaucht. Ob die Bande nun tatsächlich ein Fußballklub war oder nicht vielmehr eine Straßenbande, war nicht herauszubekommen. Es spielt ohnehin keine Rolle. Cox macht nur, was alle versuchen in Kibera: eine Selbsthilfegruppe gründen und anschließend die vielen ausländischen Hilfsorganisationen um Geld anbetteln. Es ist die einzige Möglichkeit, an genug Geld zu kommen, um Kibera den Rücken kehren zu können. Um Hilfe für andere geht es dabei nur an letzter Stelle. „In dieser Stadt vertraust du am besten nur dir selbst“, sagt Cox zum Abschied.

„Die Stadt mag unser Geld, aber uns nicht“

So wie die Luo Kibera dominieren, so dominieren die Einwanderer aus Somalia Eastleigh, den am schnellsten wachsenden Stadtteil Nairobis. Allerdings missfällt der Stadtverwaltung dieses Wachstum, deshalb verschleppt sie die nötigen Investitionen für Straßen und Kanalisation, so dass die größte Straße von Eastleigh, die First Avenue, bei Regen zu einer Kloake wird. Eastleigh wirkt wie die kleine Schwester von Mogadischu. Darood, Hawye, Isaac, Rahanweyn: Es gibt keinen somalischen Clan, der hier nicht vertreten wäre. Die ersten Somalier kamen 1999 nach der gescheiterten UN-Mission „Restore Hope“.

Bild: F.A.Z.

Seither wächst die Bevölkerung unaufhörlich. Und wie das große Vorbild Mogadischu zu Friedenszeiten ist Eastleigh zu einem quirligen Handelszentrum geworden, in dem es alles, aber auch wirklich alles zu kaufen gibt. Die Kundschaft kommt teilweise aus Zentralafrika angereist, um sich mit Stoffballen aus Ägypten einzudecken, mit Lebensmitteln aus Saudi-Arabien und Luxusgütern aus Qatar. Die Händler von Eastleigh sind inzwischen die größten Gewerbesteuerzahler der Stadt, und dennoch misstraut ihnen der Staat. Das ist nicht ganz unbegründet, weil immer dann, wenn die Piraten vor der Küste Somalias ein fettes Lösegeld erbeutet haben, in Eastleigh ein neues Einkaufszentrum entsteht. „Die Stadtverwaltung mag unser Geld, aber uns als Menschen mag sie nicht“, sagt Hassan Khaire, der in Eastleigh einen Computerladen betreibt und nebenher versucht, insbesondere seine jungen Landsleute mit ihrer neuen Heimat zu versöhnen.

Der Clan bestimmt die Regeln

Aber was heißt schon Landsleute? Die Mehrzahl der jungen Somalier in Eastleigh wurde in Kenia geboren. Eine kenianische Geburtsurkunde hat aber so gut wie keiner von ihnen. Die Diskriminierung der Somalier habe unter der Regierung von Präsident Mwai Kibaki zwar deutlich nachgelassen, sagt Hassan. Aber seit die radikale Al-Shabaab-Miliz gedroht hat, ihren Krieg nach Kenia zu tragen, seien die alten Reflexe wieder da. Für die Somalier bedeutet das, sich nicht auf die Rechtsstaatlichkeit ihrer neuen Heimat zu verlassen, sondern auf Althergebrachtes. „Das ist hier wie zu Hause“, sagt Hassan. „Der Clan bestimmt die Regeln.“

Natürlich ist sich die Stadtverwaltung dieser verhängnisvollen Entwicklung bewusst. Aber sie tut nichts dagegen. „Die leiden unter akuter Muslimphobie“, sagt Abdul Farah, der Stadtverordnete von Eastleigh. Da müsse sich niemand über die Rekrutierungserfolge von Al Shabaab in Nairobi wundern.

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