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Kattowitz : Der neue Schlesier

Kattowitz: Chaotisch wirken die Arbeiterstädte, die Bevölkerung sucht zunehmend „schlesische” Ruhe Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

In Oberschlesien wächst ein neues Selbstbewusstsein heran, das nicht polnisch und nicht deutsch, sondern „schlesisch“ fühlt. Das gefällt nicht allen Polen und auch nicht allen in der deutschen Minderheit. Ein Besuch im „schlonsakischen“ Kattowitz.

          Herr Maksymilian hat eine unübersichtliche Familiengeschichte. Zwei Großväter waren im Krieg bei der deutschen Wehrmacht: einer beim Heer, einer bei der Marine. Der Großonkel dagegen konnte den Führer nicht ausstehen. Er ist zu den Engländern durchgebrannt, als polnischer Pilot der Royal Air Force. Siebzig Jahre danach fährt Herr Maksymilian Taxi in Kattowitz. Von der unermesslichen Baugrube im Stadtzentrum, wo gerade statt des alten, nach Desinfektion und Bratfett riechenden Hauptbahnhofs eine glitzernde neue Einkaufswunderwelt entsteht, geht es hinaus zur Sportakademie: zu Alexandra, Karolina und Mariola, den Stürmerinnen vom 1. FC.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Genau so kompliziert wie Herrn Maksymilians Großvätersituation und so verworren wie die Verkehrslage am Hauptbahnhof ist die Vergangenheit dieser Gegend. Die polnische „Wojewodschaft Schlesien“ (nach deutscher Nomenklatur umfasst sie nicht ganz Schlesien, sondern nur dessen südöstliches Ende) hat in den letzten hundert Jahren viermal den Herren gewechselt. Bis 1922 gehörte der deutsch-polnisch durchmischte Kohlenpott um Kattowitz zum Deutschen Reich. Dann fiel er nach blutigen Volkstumskämpfen und umstrittenen Volksabstimmungen zum ersten Mal an die neu entstandene Polnische Republik. 1939, nach dem deutschen Überfall auf Polen, kamen Jahre brutaler Germanisierung, 1945, nach dem Untergang des Dritten Reiches, folgte die rücksichtslose Polonisierungspolitik der Kommunisten. Seit 1989 sucht nun das demokratische Polen die Scherben zu kitten.

          In den Familien des „östlichen Ruhrgebiets“ haben diese Wechsel unzählige Risse und Narben hinterlassen. Unter den Nazis ließ sich jeder, der etwas werden wollte, in die deutsche „Volksliste“ eintragen und ging zur Wehrmacht. Zugleich aber - und manchmal in ein und derselben Familie - entschieden sich viele für die polnische Sache. Die gingen dann in den Untergrund, oder sie schlugen sich zu den Alliierten durch wie Herrn Maksymilians Großonkel.

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          Das Deutsche war strikt verboten

          Unter den Kommunisten hatten es dann beide nicht leicht. Zwar wurden die Deutschen aus Oberschlesien nicht ganz so systematisch vertrieben wie aus anderen früher deutschen Gebieten des heutigen Polen - die Stammbäume waren hier zu verflochten. Viele sprachen neben Deutsch oder Polnisch den „wasserpolnischen“ oder „schlonsakischen“ Dialekt, ein Gemisch aus Altpolnisch und Tschechisch mit deutschen Einsprengseln. Und vor allem brauchte der neue Staat Männer in den Kohlegruben. Wer also ein polnisches Vaterunser hersagen konnte, durfte bleiben.

          Andererseits aber haben die polnischen Behörden damals Tausende von Deutschen, die als „Nazis“ galten, in die tödlichen Internierungslager gesteckt, die sie gleich nach dem Zusammenbruch des Reiches eingerichtet hatten - oft in den Baracken ehemaliger deutscher Konzentrationslager. Das Deutsche wurde strikt verboten. Das Spitzelwesen reichte bis in die Familien hinein, und so ist es gekommen, dass heute trotz eines vorbildlichen Minderheitengesetzes, dass das demokratische Polen sich nach der Wende gegeben hat, selbst führende Vertreter der deutschen Restminderheit die Sprache ihrer Vorfahren oft nur mühevoll beherrschen. Auch der schlonsakische Dialekt mit seinen deutschen Worten für „Tisztuch“ und „Waszbret“ galt unter den Kommunisten als anrüchig, und wenn die Kinder ihn in der Schule sprachen, gab es Linealhiebe auf die Hand.

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