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Katsav schockiert Israel : „Man will mich zur Hinrichtung führen“

  • -Aktualisiert am

Katsav beklagt, die Medien hätten sein „Blut vergossen” Bild: AP

Ein Präsident verliert den Glauben an den eigenen Staat: In der Rede seines Lebens beklagt Moshe Katsav eine „Lynchkampagne“ gegen ihn und sieht „Kräfte des Bösen“ am Werke. Israels Präsident steht unter Vergewaltigungsverdacht - und mit dem Rücken zur Wand. Von Michael Borgstede.

          Es war die Rede seines Lebens. Und vielleicht war es auch der letzte große Auftritt Moshe Katsavs als Präsident des Staates Israel. Selten hat die Nation in den vergangenen Jahren so gebannt einem ihrer Politiker gelauscht.

          Das ist umso eindrucksvoller, als dass der immer etwas trocken wirkende Katsav bisher nicht im Ruf stand, ein besonders mitreißender Redner zu sein. Man hatte mit einer kurzen Ansprache gerechnet, in der Katsav zwar seine Unschuld beteuern, gleichzeitig aber auch seine vorübergehende Amtsniederlegung ankündigen würde. Schon vor der Pressekonferenz am Mittwochabend war bekannt geworden, dass Katsav erst zurücktreten wolle, wenn der Generalstaatsanwalt nach einer weiteren Anhörung des Präsidenten auch formell Anklage erhebt. Doch dann geriet die Ansprache des Präsidenten zu einem beispiellosen Angriff auf die Medien und die Institutionen des Staates.

          „Lynchkampagne der Medien“

          Man wolle ihn „zur Hinrichtung führen“, die Medien hätten sein „Blut vergossen“, wütet Katsav. Er spricht von einer „Lynchkampagne der Medien“, von den „Kräften des Bösen“ die sich gegen ihn verschworen hätten. So habe Generalstaatsanwalt Menachem Masus seinen Fall von Anfang an falsch gehandhabt und sei voreingenommen gewesen, die Polizei habe sich nur für „skandalöse Gerüchte“ interessiert, entlastendes Beweismaterial unterschlagen und sowieso im Auftrag der Medien gehandelt.

          Ein Präsident hat den Glauben in den Staat verloren

          Bei einem Kameraschwenk durch den Saal gerät kurz einer der beiden Staranwälte des Präsidenten ins Bild. Der Schreck steht ihm ins Gesicht geschrieben, so etwas hatte er wohl nicht erwartet. Er sieht die Kamera, fährt mit der Hand schützend vors Gesicht und dreht sich weg.

          Katsav fährt wutentbrannt fort: „Woher kommt dieser Hass auf mich?“ fragt er die anwesenden Journalisten und legt sodann seine eigene Verschwörungstheorie dar. Seit seinem überraschenden Wahlsieg gegen Shimon Peres vor sechs Jahren laufe eine beispiellose Kampagne gegen ihn, behauptet der Präsident. „Es hat auch wehgetan, dass ich die Wahl gewonnen habe!“ Die Zeitungen hätten damals das „Ende des Zionismus“ beklagt, weil ein in Iran geborener und in einem israelischen Transitlager aufgewachsener sephardischer Jude in die Residenz des Präsidenten eingezogen sei.

          Katsav spielt die „ethnische Karte“

          Der von Katsav angeführte Artikel aus der Jerusalem Post beschäftigte sich allerdings gar nicht mit der Herkunft des Präsidenten, sondern versuchte zu erklären, wie ein zionistisches Urgestein wie Schimon Peres in einer geheimen Knessetabstimmung gegen einen weitgehend unbekannten Likud-Kandidaten verlieren konnte. So versucht Katsav geschickt, seine Herkunft zu seiner Verteidigung auszuspielen und sich als Opfer einer auch ethnisch motivierten Verschwörung darzustellen.

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