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Kirche in Frankreich : Seit 1950 mehr als 200.000 Minderjährige sexuell missbraucht

Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Frankreichs, Éric de Moulins-Beaufort, am Dienstag während der Vorstellung der Missbrauchsstudie. Bild: dpa

„Wir haben die Stimmen der Opfer und ihre Zahl gehört. Sie übersteigt, was wir uns vorstellen konnten.“ Das hat der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz gesagt, als er am Dienstag eine neue Missbrauchsstudie vorgestellt hat.

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          „Scham und Schrecken“ hat der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Éric de Moulins-Beaufort, über das Ausmaß sexuellen Kindesmissbrauchs in der Katholischen Kirche bekundet. Tatsächlich haben die Zahlen in Frankreich Schockwirkung weit über die Kirche hinaus entfaltet: Mindestens 216.000 Kinder und minderjährige Jugendliche sind zwischen 1950 und 2020 Opfer sexueller Übergriffe durch Priester, Ordensleute und Kirchenmitarbeiter geworden. Zwischen 2900 und 3200 Kirchenleute haben Minderjährige sexuell missbraucht. Zu diesem Schluss kommt eine unabhängige Kommission, die am Dienstag in Paris ihren Abschlussbericht vorstellte. „Wir haben die Stimmen der Opfer und ihre Zahl gehört. Sie übersteigt, was wir uns vorstellen konnten. Das ist unerträglich. Ich möchte meine Scham, meinen Schrecken und meine Entschlossenheit zu handeln bekunden“, sagte Bischof Moulins-Beaufort. „Ich möchte um Verzeihung bitten.“

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Kommission unter Vorsitz des Spitzenbeamten Jean-Marc Sauvé, der lange das höchste französische Verwaltungsgericht, den Conseil d’Etat, leitete, war im November 2018 eingesetzt worden. Ihr gehörten Mediziner, Theologen, Juristen und Historiker an. Mit Einsetzung der unabhängigen Kommission reagierte die französische Bischofskonferenz auf die strafrechtliche Aufarbeitung verschiedener Missbrauchsskandale wie in Lyon die Affären um den Priester Bernard Preynat und Kardinal Philippe Barbarin, aber auch auf den zunehmenden Druck der Gläubigen, die Wahrheitsfindung nicht ausschließlich der Justiz zu überlassen.

          „Systematische Vertuschung“

          Bei der Vorstellung des 485 Seiten langen Abschlussberichts vor hohen Kirchenvertretern betonte Sauvé, dass es in der Vergangenheit zu „systemischer Vertuschung“ der Missbrauchsfälle durch Kirchenobere gekommen sei. Die kirchliche Anerkennung einer klaren Hierarchie, die Gehorsam durch die Gläubigen einforderte, habe die Aufklärung der Sexualverbrechen erschwert. Auch habe es viele Fälle gegeben, in denen Geistliche ihren charismatischen Einfluss auf Kinder ausnutzten, um sexuelle Übergriffe zu begehen. Es sei nicht akzeptabel, dass die Kirche den Gläubigen eine strikte Sexualmoral auferlege, aber zugleich sexuelle Verbrechen unter Verschluss gehalten habe. Die Übergabe des Berichts in Anwesenheit des Apostolischen Nuntius in Frankreich, Erzbischof Celestino Migliore, wurde live vom katholischen Sender KTO übertragen.

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          Der Abschlussbericht, dem ein Anhang von mehr als 2000 Seiten beigefügt ist, enthält Empfehlungen zur Missbrauchsprävention. Sauvé betonte, dass die Kommission nicht den Anspruch auf „die volle Wahrheit“ erhebe. Eine für die Kommission in Auftrag gegebene Studie hat herausgefunden, dass sexueller Kindesmissbrauch ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen in Frankreich ist. 5,5 Millionen Menschen haben vor ihrer Volljährigkeit sexuelle Übergriffe erlitten, sagte Sauvé. 216.000 davon seien Opfer von Kirchenleuten geworden. Wenn man sexuelle Übergriffe von freiwilligen Helfern ohne Kirchenamt hinzurechne, steige die Zahl der Opfer auf 330.000 Kinder.

          Jeder dritte Fall eine Vergewaltigung

          Diese seien etwa bei Pfadfinder-Wochenenden, im Katechismus-Unterricht oder bei anderen kirchlichen Aktivitäten von Helfern missbraucht worden. Auffällig ist, dass 80 Prozent der sexuellen Übergriffe durch Priester und andere Kirchenleute Jungen betreffen, hauptsächlich im Alter zwischen 10 und 13 Jahren. Der Anteil von Vergewaltigungen beträgt 32 Prozent, trug Sauvé vor.

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