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Katholische Kirche : Der Kampf um Rom hat erst begonnen

Bischof Johan Bonny (vorne rechts), seit 2009 Bischof von Antwerpen (Belgien). Bild: picture alliance / dpa

Wie Papst Franziskus und einige Gleichgesinnte die Irrwege der kirchlichen Lehre von Ehe und Familie nach dem II. Vatikanischen Konzil korrigieren wollen.

          Es war im Frühjahr 1999, als Walter Kasper aus seiner Erfahrung als Bischof von Rottenburg-Stuttgart kein Hehl machte und öffentlich sein Leid über die „theologische Restauration des römischen Zentralismus“ klagte. Die Tinte unter dem Text war noch nicht trocken (dieser aber noch nicht veröffentlicht), als Papst Johannes Paul II. den renommierten Theologen nach Rom berief und ihn zu seinem Ökumene-Minister machte. Dort dauerte es nicht lange, und Joseph Kardinal Ratzinger trat auf den Plan. Vor allen Kardinälen bezichtigte der Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre den Novizen im Vatikan implizit und nicht zum ersten Mal der Irrlehre.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Fünfzehn Jahre später heißt es in einem im Vatikan verfassten Text: „Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“ Dieser Ansicht ist indes nicht allein nur Kurienkardinal Walter Kasper, der seinen Ruhestand lesend und schreibend in Sichtweite des Petersdoms verbringt. Niedergelegt hat das Zitat ein Argentinier namens Jorge Mario Bergoglio, der seit dem 13. März 2013 als Papst Franziskus in der Kirche und weit darüber hinaus für Wirbel sorgt.

          Franziskus wusste nicht nur, was er tat, als er dieses und so manch anderen theologischen und kirchenpolitischen Sprengstoff im vergangenen Jahr in eine schön zu lesende Verpackung namens „Die Freude des Evangeliums“ (Evangelii gaudium) packte. Der erste Jesuitenpapst der Geschichte wusste auch, was er tat, als er die unter seinen Vorgängern weitgehend bedeutungslose Beratungsinstanz namens Bischofssynode gegen die allmächtige vatikanische Kurie in Stellung brachte und sie für den Oktober dieses und des kommenden Jahres zusammenrief, um über das dornigste Thema zu beraten, das sich der Kirche von Nord bis Süd und von Ost bis West stellt: die schier unüberwindlich erscheinende Kluft zwischen den Weisungen des Lehramtes auf dem Feld von Ehe und Familie und dem Leben der meisten Gläubigen. Und als wäre das alles noch nicht genug, ließ Franziskus in diesem Februar zum ersten Mal in der Kirchengeschichte das Kardinalskollegium über dieses Thema diskutieren - nach Maßgabe eines Vortrages über „Das Evangelium von der Familie“ von niemand anderem als Walter Kardinal Kasper.

          Indes ist Kaspers theologisch wie praktisch wohlbegründete Saat ebenso wenig überall aufgegangen wie dass Papst Franziskus im Vatikan leichtes Spiel hätte. Im Gegenteil. Wer die Maßgaben des Papstes nicht offen hintertreibt oder stillschweigend ignoriert, der richtet sich schon jetzt darauf ein, dass es mit dem mittlerweile bald 78 Jahre alten Papst vom Ende der Welt bald ein wie auch immer geartetes Ende nehmen wird - und damit auch ein Ende mit irritierenden Sätzen wie: „Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben“ - gleichfalls ein Zitat aus „Evangelii gaudium“.

          Doch noch ist der Kampf um Rom nicht richtig entbrannt. Denn so wohlfeil vielen Bischöfen die eindringlichen Sprachbilder und die flammenden Appelle des Papstes sind, so wenig lassen sie sich selbst von dem Geist der Barmherzigkeit anstecken, von dem Franziskus sprach. Warum auch? Nahezu alle wurden von Johannes Paul II. und von Benedikt XVI. ernannt, und damit in einer Zeit voller „Spannungen, Brüche und Konflikte“, in denen jeder gut beraten war, sich dem „strategischen Programm“ nicht zu widersetzen, mit dem das kirchliche Lehramt seit den Tagen von Papst Paul VI. seine „Wahrheit über Ehe und Fortpflanzung“ mit brachialer Gewalt exekutierte. Für viele Theologen ein Drama, für die meisten Gläubigen ein Dilemma, für nicht wenige Bischöfe eine Qual - so zu lesen in einer Denkschrift über die Erwartungen eines Diözesanbischofs an die bevorstehende Bischofssynode über die Familie, die der Form und dem Inhalt nach in der jüngeren Kirchengeschichte ihresgleichen sucht.

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