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Kathedrale St. Peter und Paul : Auf verschlungenen Wegen zurück in Lutheranerhand

Früher als Diafabrik genutzt: die Kirche St. Peter und Paul in Moskau Bild: epd

Jahrelang wurde die protestantische Kirche St. Peter und Paul in Moskau zweckentfremdet. Nun wird sie wieder ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt. Aber die Nachbarn sind gewöhnungsbedürftig.

          3 Min.

          Es geht Frank-Walter Steinmeier auf seiner Reise auch darum, die Lutheraner in Russland sowie die Russlanddeutschen aufzuwerten. Wie nötig das ist, veranschaulicht die Geschichte der Rückgabe der Kathedrale St. Peter und Paul, in der der Bundespräsident an diesem Mittwochmittag an einer Zeremonie teilnimmt. Dem Bau kommt als Hauptkirche der Evangelisch-Lutherischen Kirche des europäischen Teils Russlands eine Sonderrolle zu, und Dietrich Brauer, der Erzbischof der Kirche, hofft auf eine Signalwirkung für andere Rückgabefälle.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Geschichte der Lutheraner in Russland ist lang – 1576 wurde ihre erste Kirche gebaut – und leidvoll. Den Sowjets gaben der Glaube und die Volkszugehörigkeit der meisten Kirchenmitglieder doppelten Anlass zur Verfolgung. 1936 wurden der Pastor der Kathedrale St. Peter und Paul und der Kirchenvorstand festgenommen und erschossen. 1941 wurden Hunderttausende Russlanddeutsche nach Zentralasien, Sibirien und an den Ural deportiert. In der Moskauer Kathedrale wurden ein Kino namens „Arktis“ und später eine Diafabrik untergebracht. Nach dem Ende der Sowjetunion fing man auch hier neu an. Aber der Kirchenbau, das Gelände und die Gebäude ringsum blieben in Staatseigentum.

          Ab den neunziger Jahren gab es einen Nutzungsvertrag mit der Gemeinde. Viele private und auch öffentliche Mittel flossen in die Sanierung der Kathedrale. Doch Brauer berichtet, mangels Eigentums sei das Gefühl geblieben, dass die Nutzung jederzeit wieder vorbei sein konnte. Seit einigen Jahren gibt es einen Rechtsanspruch auf Rückgabe von Immobilien mit „religiöser Bedeutung“, wobei die „religiöse Nutzung“ zu beweisen ist. Doch zweimal beantragten Moskaus Lutheraner die Rückübertragung vergeblich. Erst der dritte Antrag führte nun zum Erfolg, offenbar, weil der Kreml den Wert der Geste im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum erkannte. Anfang des Jahres hatten sich Steinmeier, seinerzeit noch Außenminister, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, in Schreiben an Präsident Putin für die Rückgabe des Baus eingesetzt. Es soll geholfen haben, dass der Putin-Weggefährte und Vorstandsvorsitzende der Sberbank German (Herman) Gref Gemeindemitglied ist.

          Gute Beziehungen zur orthodoxen Kirche

          Man fühle sich jetzt „wie zu Hause“, sagt Brauer. Von der Rückgabe ist aber nur ein kleiner Teil des ehemaligen Kircheneigentums erfasst. In den angrenzenden roten Backsteinbauten etwa, die einst eine Schule und ein Pfarrhaus beherbergten, sind weiterhin Einrichtungen der Geheimdienste FSO und FSB untergebracht. Brauer sagt, die Rückgabe sei eine „Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit“ und hoffentlich ein Anfang.

          Der Erzbischof, der 1983 in Wladiwostok in eine russlanddeutsche Familie geboren wurde und Deutsch perfekt gelernt hat, führt zugleich den Bund der Evangelisch-Lutherischen Kirchen, einen Zusammenschluss seiner Heimatkirche mit sechs weiteren Kirchen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Die Zahl der Kirchenmitglieder gibt er mit etwa 40 000 in rund 300 registrierten Gemeinden an. Zu der Gemeinde der Moskauer Kathedrale gehören demnach rund 300 Menschen, vor allem seien sie Russlanddeutsche oder Personen „mit Deutschlandbezug“, dazu einige Balten. Gesprochen wird Russisch, Wesentliches wie das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser zusätzlich auf Deutsch. In seiner jüngsten Sonntagspredigt zitierte Brauer ebenso den russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewskij wie den deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Der Erzbischof hebt hervor, dass man eine „nationale Kirche“ wie die Russische Orthodoxe Kirche sei. Dass er darauf solchen Wert legt, hat seinen Grund: „Die Spannungen zwischen Russland und Europa spüren wir als Teil des europäischen Gesichts Russlands.“

          Pastoren aus Deutschland haben heute mehr Probleme, Visa zu bekommen. Seit drei Jahren sei seine Kirche zudem Prüfungen von Polizei und Staatsanwaltschaft ausgesetzt, die „Extremismus“ bekämpfen wolle, sagt Brauer. Zwar sind die Beziehungen der Lutheraner zur Russischen Orthodoxen Kirche offiziell gut. Doch besonders im Gebiet Kaliningrad, dem früheren Königsberg, gibt es Zwist um Kirchennutzung. Gerade sei der dortige Probst zweimal binnen einer Woche vor der Staatsanwaltschaft einbestellt worden, habe sich für die Verwendung von Geld aus Deutschland rechtfertigen und erklären müssen, dass eine Synode nicht „extremistisch“ gewesen sei. So hofft Brauer, dass der russische Staat an diesem Mittwoch möglichst ranghoch vertreten sein wird, auch als Zeichen für künftiges Auskommen. Dann mag sich die Rückgabe der Kathedrale als Präzedens erweisen.

          Wie verschlungen die Wege sein können, zeigt die Geschichte der Orgel der Kathedrale, die einst in einer anderen, 1928 abgerissenen Moskauer Lutheranerkirche und dann in einem Krematorium stand. Sie fand ihren Weg hierher. Aber die alte Kirchenuhr wird wohl nie mehr in der Kathedrale die Zeit anzeigen. Sie sei, berichtet Brauer, zu einem Jugendfest 1957 abgenommen worden und ziere bis heute die FSB-Zentrale Lubjanka.

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