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Kataloniens Unabhängigkeit : Erste Tränen in der Revolution des Lächelns

Viele wollen mehr Autonomie, aber bei Spanien bleiben

Die Gegner der Unabhängigkeit sind in Katalonien in einer Zwickmühle, die dazu führt, dass viele von ihnen politisch verstummen. Laut Umfragen sind mehr als 70 Prozent der Menschen für das Recht, über ihre Zukunft abzustimmen – nachdem man sich mit der Zentralregierung über einen solchen Volksentscheid geeinigt hat. Sie sind für ein Referendum, aber nicht für einen unabhängigen Staat. Ein großer Teil von ihnen will auch gar nicht weg von Spanien, sondern nur mehr Autonomie und vielleicht einen föderalen Staat. Das liegt auch an den engen Bindungen, die viele katalanischen Bürger dieser schweigenden Mehrheit nach Spanien und ins spanisch geprägte Lateinamerika haben. Katalonien ist weniger katalanisch, als die Vorkämpfer für die eigene Sprache und Kultur der Welt gerne glauben machen.

Um zu sehen, dass Katalonien ein Einwanderungsland ist, genügt in Barcelona ein kurzer Spaziergang durch das Raval-Viertel. Neben afrikanischen Friseuren bieten arabische Metzger Halal-Fleisch an, während Asiaten die kleinen Lebensmittelläden übernommen haben. Der Ausländeranteil ist mit gut 14 Prozent deutlich höher als im restlichen Spanien. In Katalonien lebt alleine rund eine halbe Million Muslime, das sind rund sieben Prozent der Einwohner der Region. Die meisten von ihnen stammen aus Marokko. Die Terroristen, die zwei Terroranschläge in Katalonien verübten, stammten alle aus dem nordafrikanischen Land. Barcelona gilt seit einiger Zeit als ein Zentrum dschihadistischer Aktivitäten.

Bevor die außereuropäische Einwanderung richtig begann, zogen viele Spanier aus ärmeren Teilen des Landes in die wirtschaftlich blühende Region im Nordosten des Landes; viele kamen zum Beispiel aus Andalusien. Da alle Bewohner Kataloniens Spanier sind, gibt es über diese Bevölkerungsgruppe keine offiziellen Zahlen. Gut 60 Prozent der katalanischen Bevölkerung ist im vergangenen Jahrhundert erst in die Region gezogen. Ohne diese Migration hätten in Katalonien Ende der neunziger Jahre statt gut sechs Millionen nur rund 2,3 Millionen Menschen gelebt.

Ob sie sich mittlerweile als Katalanen fühlen oder vor allem als Spanier, wie es in ihrem Pass steht, lässt sich schwer sagen. An der Volksabstimmung am Sonntag durften alle Einwohner der autonomen Region teilnehmen, die dort einen Wohnsitz hatten und einen spanischen Pass besitzen. „Spanisch habe ich mir später erst selbst beigebracht, in der Schule habe ich nur richtig Katalanisch gelernt“, sagt ein Postkartenverkäufer, dessen Familie aus dem Norden Marokkos nach Barcelona gezogen ist. Einwanderer wie er wurden von Anfang an fast vollständig katalanisch ausgebildet und sozialisiert – so wie die beiden jüngsten einheimischen Generationen.

Die katalanische Sprache und Kultur lebte erst wieder auf, nachdem 1975 der Diktator Francisco Franco gestorben war. Unter seiner jahrzehntelangen Herrschaft trieb er die Hispanisierung Kataloniens voran. Das hatte zur Folge, dass noch in den achtziger Jahren ein Fünftel aller in Katalonien lebenden Menschen kein Katalanisch verstanden. Heute hat sich die Situation umgekehrt. Angesichts der Katalanisierungspolitik der Autonomieregierung herrscht längst keine Gleichberechtigung zwischen der katalanischen und der spanischen Sprache mehr: Ohne gute Katalanisch-Kenntnisse ist praktisch kein Studium mehr möglich.

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