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Kataloniens Unabhängigkeit : Erste Tränen in der Revolution des Lächelns

Für die Befürworter eines eigenen Staates ist der Zulauf zu ihren Großkundgebungen ein wichtiger Beweis dafür, wie sehr „das Volk“ in Katalonien diesen Wunsch unterstützt: In den vergangenen sieben Jahren sollen es bei der Diada, dem katalanischen Nationalfeiertag am 11. September, jedes Mal mindestens eine Million gewesen sein. Die „Zivilgesellschaft“ machte sich daran, die Zahlen zu überprüfen. Dabei half ihnen ein Forscher der „University of Central Florida“, der ein Computerprogramm entwickelt hat, das Luftaufnahmen auswertet, um zu berechnen, wie viele Menschen wirklich an Massenprotesten teilnahmen.

Ein lauter Teil der Katalanen bestimmt die Debatte

Statt der behaupteten knapp zwei Millionen sollen demnach nur gut 800.000 Personen im Jahr 2013 die Menschenkette des „Katalanischen Wegs“ gebildet haben, die durch ganz Katalonien reichte. Danach ging die Zahl der Demonstranten bei jeder Diada nach diesen Kalkulationen jedes Jahr zurück. In Barcelona waren es im vergangenen Jahr demnach weniger als 300.000 Teilnehmer und am vergangenen 11. September nur 220.000; nach Berechnungen der spanischen Zeitung „El País“ waren es 484.000 Menschen – beide Zahlen sind weit entfernt von der Million, von der die Veranstalter sprachen. Auch in der letzten Umfrage, die die katalanische Regionalregierung in Auftrag gegeben hatte, waren nur 41 Prozent für die Trennung von Spanien. Bei den letzten regulären Regionalwahlen vor zwei Jahren hatten die drei sezessionistischen Parteien mit 47,8 Prozent die Mehrheit der Stimmen im Regionalparlament verfehlt; bezogen auf die Gesamtzahl der Katalanen waren es wieder nur rund 36 Prozent.

Ein einflussreicher und lauter Teil der Katalanen bestimmt seit Jahren die politische Debatte. Regionalpräsident Carles Puigdemont beschwört die Einheit der des katalanischen Volkes, das weit davon entfernt ist, sich einig zu sein. Bis vor kurzem schwärmten katalanische Nationalisten von ihrer „Revolucion de sonrisas“. Doch diese gewaltlose „Revolution des Lächelns“ hat sich nicht nur gegenüber dem Rest Spaniens in eine gefährliche Konfrontation verwandelt. Für Sonntag hat die „Sociedad Civil“ in Barcelona zu einer eigenen Großkundgebung mit dem Motto aufgerufen „Genug! Lasst uns die Besonnenheit zurückgewinnen“. Die Befürworter der Unabhängigkeit riefen ihre Anhänger dazu auf, am Sonntag zuhause zu bleiben, um Zusammenstöße zu vermeiden.

Zu heiklen Augenblicken kam es in den vergangenen Tagen. Das Hauptquartier der spanischen Nationalpolizei in der Laietana-Straße ist abgeriegelt. Beamten mit Maschinenpistolen bewachen den Eingang hinter den Sperrgittern. Immer wieder waren dort empörte Demonstranten aufgezogen, um gegen den Polizeieinsatz in den Wahllokalen zu protestieren, bei denen am Sonntag Hunderte verletzt wurden. Am Freitag drängen sich auf dem Bürgersteig nur die Touristen auf dem Weg von der Kathedrale zum berühmten Palau de la Música. Polizisten bewachen auch die Parteizentralen der katalanischen Ableger der spanischen Volkspartei (PP) von Ministerpräsident Mariano Rajoy und der Ciudadanos-Partei, der größten Oppositionskraft im katalanischen Parlament. Demonstranten waren auch dorthin gezogen und hatten die Straßen blockiert. Inés Arrimadas, die Vorsitzende der katalanischen Ciudadanos, beschimpften Anhänger Puigdemonts bei der Feier nach dem Referendum am Sonntagabend auf der Placa Catalunya als „Hure“.

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