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Kataloniens Unabhängigkeit : Erste Tränen in der Revolution des Lächelns

Enttäuschende Reaktion der EU

Für geschichtsbewusste Katalanen beginnt die Demokratie, auf die sie sich beim Referendum am Sonntag beriefen, im Jahr 1359. Damals trat der erste Präsident der Generalitat, wie die Regierung in Katalonien genannt wird, sein Amt an. Carles Puigdemont fühlt sich selbst auf einer historischen Mission. „Ich werde in einer Woche sicher noch hier sein“, sagte er kurz vor dem Referendum selbstbewusst der F.A.Z.. Und schon damals kündigte er an, dass sofort, nachdem die Wahllokale schließen, der Dialog beginnt. Doch trotz der internationalen Empörung über die spanische Polizeiaktion am Wahltag hat sich eine Woche später kein Vermittler gefunden. „Sehr enttäuschend“ sei besonders die Reaktion der Europäischen Union, sagt der Regionalpräsident, in dessen Amtssitz die blaue Europa-Flagge mit den goldenen Sternen hängt – als gehöre das neue Katalonien schon zur EU.

Puigdemont hat sein Schicksal mit der Gründung eines unabhängigen Kataloniens verknüpft. Seit Tagen verlässt er kaum noch das mittelalterliche Gemäuer des Präsidentenpalasts. Jederzeit kann ihm die Festnahme und das Ende seiner politischen Laufbahn drohen – auf Landfriedensbruch stehen bis zu 15 Jahre Gefängnis. Puigdemont und seine Minister hatten sich über Urteile des spanischen Verfassungsgerichts und des obersten Gerichts in Katalonien hinweggesetzt und trotz eines Verbots die Wähler zu den Urnen gerufen. Sollte die Zentralregierung seine Regierung absetzen oder ihn festnehmen, wäre das, so droht er, ein großer „Irrtum, der alles ändern würde“. In Madrid hängt die politische Zukunft des konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy aber von Puigdemonts Scheitern ab. Spaltet sich Katalonien ab, würde auch das schnelle Ende des seit 2011 regierenden Ministerpräsidenten bedeuten.

Rajoy und Puigdemont berufen sich auf die Demokratie

Beide Politiker berufen sich auf die Demokratie: Puigdemont auf das Recht der Katalanen, über ihre eigenen Geschicke zu bestimmen, Rajoy auf die Verfassung des Zentralstaats, die auf demokratischem Weg zustande gekommen ist. Auf den ersten Blick lässt das Ergebnis des Referendums am Sonntag keine Fragen offen. Neunzig Prozent stimmten für die Unabhängigkeit – obwohl die spanische Zentralregierung die Abstimmung mit allen Mitteln zu verhindern versuchte, wie es stolz in Barcelona heißt.

Felipe Moreno macht eine andere Rechnung auf. Bezogen auf die gesamte Bevölkerung Kataloniens votierten nur rund 36 Prozent aller Katalanen mit Ja. „Die Befürworter der Unabhängigkeit hatten nie eine Mehrheit in Katalonien“, sagt der pensionierte Ingenieur. Er ist Mitglied der „Sociedad Civil Catalana“ und engagiert sich in deren Wahlbeobachtungsstelle.

Der Name der Organisation erweckt den Eindruck, sie sei größer als sie in Wirklichkeit ist – mit ihren gut 70 festen Mitgliedern. Anfangs sah sich die Gruppe dem Vorwurf ausgesetzt, sie habe Beziehungen zu spanischen Rechtsextremen unterhalten. Sie ist die einzige katalanische Vereinigung geblieben, die in den vergangenen Jahren einen einsamen Kampf gegen die Regionalregierung und die mit ihr verbündeten Organisationen führt, die ein großes Ziel eint: einen eigenen Staat. Dessen Gegner tun sich in Katalonien sehr schwer, sich ähnlich schlagkräftig zu organisieren – trotz ihrer Mehrheit. „Sie machen, was sie wollen, haben viel Geld und mit dem katalanischen Fernsehsender TV 3 einen riesigen Propaganda-Apparat hinter sich. Verglichen mit unseren Mitteln ist das der Unterschied zwischen einem Mercedes und einem Moped“, sagt Felipe Moreno.

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