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Katalonien-Konflikt : Familienausflug für die Freiheit

Junge Demonstranten Mitte Oktober in Barcelona. Bild: Reuters

Zehntausende Katalanen wandern nach Barcelona, um dort die Freilassung der Separatistenführer zu fordern. Die Märsche sind friedlich – aber viele Teilnehmer verbergen ihre Wut auf die Regierung nicht.

          5 Min.

          Mit jedem Kilometer werden es mehr. Gut tausend Menschen sind es am Mittwochmorgen beim Aufbruch am Treffpunkt oberhalb des römischen Amphitheaters in Tarragona. Zu einem kleinen Feuerwerk erklingt „Els Segadors“, die katalanische Nationalhymne; danach das italienische Partisanenlied „Bella ciao“. Am Abend treffen mehr als 8000 müde Wanderer in Villafranca ein, um sich am Donnerstag in aller Früh gleich wieder auf den Weg nach Barcelona zu machen. Aus der Ferne wirken sie wie eine riesige Pilgergruppe auf dem Weg nach Santiago de Compostela oder fröhliche Teilnehmer eines Volkswandertags, die auch am zweiten Tag ein forsches Tempo vorlegen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die beiden größten separatistischen Organisationen ANC und Òmnium haben zu einem „Marsch für die Freiheit“ aus fünf Städten nach Barcelona aufgerufen. Zehntausende Katalanen schnürten die Wanderschuhe und schmückten ihre Rucksäcke mit der Estelada-Flagge der Unabhängigkeitsbewegung. Nach gut hundert Kilometern Fußweg und einer zweiten Übernachtung in Matorell will die Gruppe aus Tarragona an diesem Freitag pünktlich zur Großkundgebung im Zentrum von Barcelona sein. Spätestens dann soll die ganze Region stillstehen.

          „Wir Katalanen waren immer auf dem Weg. Kaum war der Diktator Francisco Franco tot, sind wir zum ersten Mal losgezogen“, sagt ein pensionierter Lehrer, der mit zwei Freunden unterwegs ist. Dieser erste „Marsch der Freiheit“ dauerte 72 Tage. Die neue Großwanderung wendet sich gegen die Urteile, die der Oberste Gerichtshof gegen zwölf führende Separatisten gesprochen hat. Die Organisatoren haben sich wieder große Vorbilder ausgesucht: Selbstbewusst und von den jüngsten Rückschlägen unbeeindruckt sehen sie sich in der Tradition von Martin Luther Kings „Marsch auf Washington“ und Mahatma Gandhis „Salzmarsch“, einer der ersten Aktionen des zivilen Ungehorsams.

          Jetzt drängen Bilder der Gewalt in den Vordergrund

          Dass sie nicht nur laufen wollen, macht die Truppe aus Tarragona gleich am ersten Tag deutlich: Am Nachmittag geht es auf die Küstenautobahn AP-7, wo daraufhin immer wieder der Verkehr zum Erliegen kommt. Die Unabhängigkeitsbewegung will zeigen, dass gegen ihren Willen in Katalonien nichts mehr geht. Friedliche Massenproteste sind das Markenzeichen von ANC und Òmnium; dazu gehörte zum Beispiel 2014 eine 400 Kilometer lange Menschenkette durch ganz Katalonien. Doch dieses Mal verdrängen andere Bilder die Aufnahmen der Karawanen der Katalanen, die sich abends friedlich mit Kerzen zu Mahnwachen versammeln. Sie kommen nicht dagegen an, was jeden Abend aus Barcelona, Lleida, Girona und Tarragona kommt. Dort erhellen brennende Barrikaden die Nacht; vermummte Aktivisten liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei, zünden Container und Autos an. In Madrid und Barcelona tagen die Krisenstäbe. Zusätzliche Hundertschaften werden nach Katalonien verlegt.

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