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Demonstrationen in Katalonien : Gewaltfrei war gestern

Barcelona ein Jahr nach dem Referendum über eine Unabhängigkeit Kataloniens Bild: EPA

Die Separatisten in Katalonien zeigen sich am ersten Jahrestag des Unabhängigkeitsreferendums unnachgiebig. Doch untereinander sind sie uneinig. Vor dem großen Gedenkmarsch am Abend kommt es zu Streikaktionen und Blockaden.

          „Kein Vergessen, kein Pardon“ steht in großen Buchstaben auf den Plakaten. Sie fordern die Studenten der Universität von Barcelona am Montag zum Generalstreik auf – um an „1-O“ zu erinnern. So heißt die Abkürzung für den 1. Oktober 2017: Die Befürworter einer katalanischen Republik erinnern an den ersten Jahrestag des Referendums über die Unabhängigkeit, der vielen an diesem Montag so präsent ist, als sei er erst gestern gewesen. Schon seit dem Wochenende erinnern die Straßen Kataloniens an die Volksabstimmung, die das spanische Verfassungsgericht verboten hatte, und den heißen Herbst, der die bisher größte Krise der spanischen Demokratie heraufbeschwor.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der Montagmorgen gehörte den „Volkswiderstandskomitees“. Sie blockierten den Fernbahnhof von Girona, der Hochburg der Separatisten, in der einst Carles Puigdemont Bürgermeister war. Den jungen Aktivisten gelang es auch, die spanische Fahne vom Gebäude der Vertretung der Regierung zu holen. In Barcelona blockierten sie zeitweise den Diagonal-Boulevard, mehrere Straßen sowie zwei Autobahnen. Am Samstag hatten schon Tausende empörte Demonstranten auf der Plaça Catalunya und den Straßen Barcelonas „Verräter“ und „Raus mit den Faschisten“ gerufen, als die Polizeibeamten aus dem Zentrum Barcelonas abzogen.

          Eigentlich haben die Befürworter der unabhängigen Republik Katalonien andere Pläne: Auf dem Platz wird sich am Abend ein großer Marsch zum Parlament in Gang setzen. Ein Jahr nach dem Referendum wollen sie friedlich für „Erfüllung des Mandats des 1. Oktobers“ demonstrieren.

          In spanischer Untersuchungshaft

          Aus der Sicht der meisten Separatisten muss in Katalonien die Unabhängigkeit nur noch verwirklicht werden. Die dafür nötige Willensbekundung hatte es schon vor einem Jahr in der Volksabstimmung gegeben, die das spanische Verfassungsgericht für illegal erklärt hatte. Die „Plattform des 1. Oktobers“, zu der sich zahlreiche separatistische Organisationen zusammengeschlossen haben, begeht den ersten Jahrestag wie einen Triumph – als gäbe es fast schon die katalanische Republik, obwohl mehr als 20 der Organisatoren des Referendums in spanischer Untersuchungshaft auf ihren Prozess warten oder ins Ausland geflohen sind.

          Doch „das“ katalanische Volk, das Politiker und Aktivisten in diesen Tagen besonders häufig beschwören, ist sich über den Wunsch nach einem eigenen Staat nicht einig. Selbst unter den Separatisten wachsen die Meinungsverschiedenheiten und brechen neue Fronten auf. So protestierten am Samstag 6000 Katalanen gegen etwa halb so viele Beamte der spanischen Nationalpolizei und der Guardia Civil. Die waren nach Barcelona gekommen, um an ihren Einsatz vor einem Jahr zu erinnern und eine Gehaltserhöhung zu fordern.

          Drei Befürworterinnen der Unabhängigkeit Kataloniens beobachten die Haftanstalt Lledoners in Sant Joan de Vilatorrada, in der die bekanntesten inhaftierten Separatisten auf ihren Prozess warten.

          Doch „das“ katalanische Volk, das Politiker und Aktivisten in diesen Tagen besonders häufig beschwören, ist sich über den Wunsch nach einem eigenen Staat nicht einig. Selbst unter den Separatisten wachsen die Meinungsverschiedenheiten und brechen neue Fronten auf. So protestierten am Samstag 6000 Katalanen gegen etwa halb so viele Beamte der spanischen Nationalpolizei und der Guardia Civil. Die waren nach Barcelona gekommen, um an ihren Einsatz vor einem Jahr zu erinnern und eine Gehaltserhöhung zu fordern. Die „Volkswiderstandskomitees“ und Arran, die Jugendorganisation der linkspopulistischen CUP-Partei, empfanden es als eine Provokation, dass die Regionalregierung die Beamten der nationalen Polizeikräfte zwei Tage vor dem 1. Oktober mitten in Barcelona demonstrieren ließ.

          Denn für viele blieben von dem Herbsttag vor einem Jahr nicht die stolz abstimmenden Katalanen in Erinnerung, sondern die spanischen Polizisten, die gewaltsam versuchten, die Stimmabgabe in letzter Minute zu stoppen. In einem halben Dutzend Wahllokalen kam es zu gewaltsamen Konfrontationen. Nach Angaben der Regionalregierung wurden mehr als 991 Zivilisten und 431 Polizisten verletzt.

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