https://www.faz.net/-gpf-9ez0y

Demonstrationen in Katalonien : Gewaltfrei war gestern

Zwei Dutzend Verwundete am Samstag 

Gewaltfreiheit ist normalerweise das Markenzeichen des katalanischen Kampfes für eine eigene Republik. Der Samstag ging in Barcelona jedoch mit 24 Verwundeten und mehreren Festnahmen zu Ende. Radikale Antifaschisten bewarfen die katalanischen Mossos, die die Aufgabe hatten, die demonstrierenden nationalen Polizisten zu schützen, mit Farbbeuteln und brachen einem demonstrierenden Polizisten die Nase. Vor einem Jahr waren die Mossos-Beamten noch gefeiert worden, weil sie die Abstimmung nicht aufgehalten hatten. „Sie massakrieren die Unseren. Dafür werdet Ihr bezahlen“, hieß es nun drohend im Internet in Botschaften an Regionalpräsident Quim Torra und seine Regierung. Die CUP-Partei verlangt den Rücktritt von Innenminister Miquel Buch.

José Rosiñol hofft, dass die Besonnenheit unter den Katalanen die Oberhand behält. „Der 1. Oktober 2017 hat den Bruch in der Gesellschaft sichtbar gemacht, den die Regionalregierung verursacht hat“, sagt der Vorsitzende der Societat Civil Catalana, die sich dafür einsetzt, dass Katalonien ein Teil Spaniens bleibt. Die von Separatisten dominierte Regierung habe nicht davor zurückgeschreckt, „Institutionen zu entführen“, den Rechtsstaat zu verletzen und der Mehrheit ihre Ideologie aufzuzwingen, sagt Rosiñol.

In Barcelona wurden Polizisten am vergangenen Samstag von Demonstranten, die für die Unabhängigkeit von Katalonien sind, mit farbigen Pulver beworfen. Heute jährt sich das verfassungswidrige Unabhängigkeitsreferendum zum ersten Mal.

Denn das Ergebnis des Referendums ist weniger eindeutig, als Befürworter der Unabhängigkeit es gerne glauben machen: 90 Prozent stimmten damals zwar für die Trennung von Spanien. Aber nur 2,2 Millionen der insgesamt 5,3 Millionen Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Das entsprach einer Beteiligung von 42 Prozent. Trotzdem verkündete das Regionalparlament Ende Oktober die Unabhängigkeit. Die Zentralregierung übernahm daraufhin die Kontrolle über die Region.

Nur im Dialog mit Madrid?

„Eine größere Mobilisierung als am 1. Oktober 2017 wird es nicht mehr geben“, sagt Jordi Amat. Trotz der Massen, die die Separatisten weiterhin auf die Straßen bringen können, werde angesichts der Folgen ihrer Aktionen die Frustration wachsen, erwartet der katalanische Autor und Kommentator der Zeitung „La Vanguardia“. Er ist wenig zuversichtlich: Die neue spanische Regierung tue sich bisher vor allem mit versöhnlichen Worten hervor, während unter den separatistischen Parteien wieder ein erbitterter Machtkampf begonnen habe.

Die Linksrepublikaner (ERC) setzen sich von der unnachgiebigen Linie von Carles Puigdemonts Partei „Gemeinsam für Katalonien“ ab. Aus dem Gefängnis meldete sich jetzt der ERC-Vorsitzende Oriol Junqueras zu Wort: Eine Lösung könne es nur gemeinsam im Dialog mit Madrid geben, sagt er. In Katalonien müssten die Politiker daran arbeiten, eine klare Mehrheit für die Unabhängigkeit zu finden, die dann die Zentralregierung wie die internationale Gemeinschaft wirklich überzeuge.

Am 1. Oktober 2017 habe sich „alles geändert, weil der spanische Staat sein wahres Gesicht zeigte“, sagt dagegen Marcel Mauri, der stellvertretende Vorsitzende von Òmnium, der zweitgrößten separatistischen Organisation. Das Referendum, hinter das es kein Zurück gebe, ist für ihn der „wichtigste Akt des zivilen Widerstands der vergangenen Jahrzehnte in Europa“.

Regionalpräsident Quim Torra versprach am Montag, das „demokratische Mandat des 1. Oktober“ zu befolgen. Am Sonntag war er noch einen Schritt weiter gegangen. Es könnte nötig werden, den „historischen Tag des Sieges, an dem Katalonien den (spanischen) Staat geschlagen hat zu wiederholen“, sagte Torra und warf zur Bekräftigung noch einmal einen Stimmzettel mit einem „Ja“ in eine durchsichtige Wahlurne, wie sie vor einem Jahr verwendet worden waren.

Weitere Themen

Topmeldungen

Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

Schwäche der EU? : Boris Trump

Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.