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Parlamentswahl in Katalonien : In der Höhle des separatistischen Löwen

Ines Arrimadas bei einem Wahlkampfauftritt in Cornella Bild: Fontcub/EPA-EFE/REX/Shutterstock

In Girona wollen die meisten einfach nur weg von Spanien. Die liberale Ciudadanos-Partei hat hier einen schweren Stand. Deren Spitzenkandidatin kommt trotzdem und wirbt um Stimmen.

          Die Schilder sind vorerst nur Fotokopien. „Platz des 1. Oktober“ steht auf den Zetteln, die überall an Mauern und Säulen kleben. In einer Woche will der Stadtrat von Girona das betonierte Areal über einer Tiefgarage im Zentrum endgültig umbenennen. Noch heißt er „Platz der Verfassung“. Doch die separatistische Mehrheit im Stadtrat will, dass der Ort nicht mehr an das spanische Grundgesetz erinnert, sondern an den 1. Oktober: Unerschrockene Katalanen hätten damals Wahllokale gegen die „Gewalt des Staats verteidigt“, heißt es zur Begründung. Spanische Polizisten versuchten an dem Tag vergeblich, das Referendum über die katalonische Unabhängigkeit zu stoppen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Das ist ein radikaler Plan gegen den Willen der Bevölkerung“, schimpft mit rauher Stimme Jean Castel. Das kalte Wetter und der Wahlkampf haben dem Politiker mit dem kurzen grauen Haar zugesetzt. Er ist der Spitzenkandidat der Ciudadanos-Partei in der Provinz Girona, der Hochburg der Befürworter eines eigenen Staats. Castel kämpft dafür, dass Katalonien bei Spanien bleibt. „Wir sind die Partei des Volkes“, sagt der 51 Jahre alte Abgeordnete zuversichtlich. Vor der katalanischen Regionalwahl am 21. Dezember bröckelt der knappe Vorsprung der Separatisten. Die Ciutadans, wie der katalanische Ableger der liberalen Partei heißt, liefern sich in Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Linksrepublikanern von der ERC, die sich für eine katalanische Republik einsetzt.

          Forderung nach einer straffreien Rückkehr Puigdemonts

          In der nordöstlichsten Provinz an der Grenze zu Frankreich wäre es jedoch schon ein Erfolg, wenn sie drei statt zwei Mandate im Regionalparlament erreichen würde: Je weiter man in Katalonien ins Landesinnere und in den Osten fährt, desto mehr Einwohner wollen nur noch weg von Spanien. Im mittelalterlichen Girona befinden sich die Ciutadans in der Höhle des separatistischen Löwen. Im Rathaus der Altstadt, über der die mächtige Kathedrale thront, die vor kurzem als Kulisse der amerikanischen Fantasyfilm-Serie „Game of Thrones“ diente, begann der politische Aufstieg von Carles Puigdemont. Als Regionalpräsident ebnete er seit Anfang 2016 dann den Weg zur Unabhängigkeitserklärung, die politisch jedoch folgenlos blieb. Dennoch verschwand noch am gleichen Tag die spanische Flagge über dem Rathaus von Girona. Sie kehrte erst vor kurzem zurück.

          Am Wochenende nach dem Beschluss des katalanischen Parlaments feierten Einwohner in Girona spontan Puigdemont wie einen Volkshelden, als sie ihn unter den Arkaden vor seinem alten Amtssitz in einem Restaurant entdeckten. Sie wussten nicht, dass er sich kurz darauf nach Belgien absetzen würde. Danach verwandelte sich die Konditorei von Puigdemonts Eltern im kleinen Nachbarort Amer zu einem Pilgerort für seine separatistischen Parteifreunde. Seine Ehefrau und die beiden Töchter wohnen weiter in Girona.

          Im Regionalwahlkampf haben in Girona die orangefarbenen Wahlplakate der Ciutadans keine Chance gegen das vorherrschende Gelb, das es selbst mit der Weihnachtsdekoration aufnehmen kann. An einem der Wahrzeichen der Stadt, der von Gustave Eiffel errichteten Brücke über den Onyar, sind an der Eisenkonstruktion zahllose gelbe Schleifen geknüpft. Überall in der Stadt sind sie zu sehen, an Balkongittern und sogar an Halsbändern von Hunden. Die gelben Schleifen verlangen die Freilassung der „politischen Gefangenen“. Zwei frühere Minister und zwei prominente Aktivisten sind immer noch in Untersuchungshaft in Madrid. Viele verknüpfen damit auch die Forderung nach einer straffreien Rückkehr Puigdemonts und seiner vier Mitstreiter aus Brüssel.

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