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Karikaturen im Islam : Tabu ist die Religion

Protest in Gaza: Eine dänische Flagge geht in Flammen auf Bild: AP

Arabische Karikaturisten genießen eine immer größere politische Freiheit. Aber Religion zum Thema zu machen oder gar den Propheten Mohammed darzustellen, bleibt undenkbar. Das erklärt den Streit mit dem Westen.

          3 Min.

          Die Ägypter sind eine Nation von Zeitungslesern. Nicht wenige wählen ihre tägliche Lektüre aufgrund eines Karikaturisten aus. Sie greifen wegen Salah Shahin zu „Al Ahram“ und wegen Mustafa Hussein zu „Al Achbar“. Große Karikaturisten tragen wie bekannte Kolumnisten zur Auflage bei. Der größte von ihnen war Salah Shahin, der vor einem Vierteljahrhundert starb.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Er war Karikaturist, Philosoph und Sprachkünstler. Seine Karikaturen schilderten erstmals das Leben der einfachen Menschen - wie sie dem Schicksal ausgeliefert sind und der Obrigkeit. Mustafa Hussein führte diese Tradition weiter. Er entwarf für jeden Teil der Gesellschaft eigene Charaktere mit typischen Gesichtszügen, und er war der erste große Karikaturist, der die Politiker bis hinauf zu den Ministerpräsidenten bloßstellte. Als erster Karikaturist ließ er seine Texte von einem Schriftsteller, von Ahmad Ragab, schreiben.

          Religion ist kein Thema

          Salah Shahin, Mustafa Hussein und dessen Schüler bei „Al Achbar“, Amr Fahmi, haben die Karikatur in Ägypten zu einer Kunstform entwickelt, und ihr Stil hat in der gesamten arabischen Welt Schule gemacht. Erfolg hatten sie, weil sie die Leser kannten, aber auch ihre Grenzen. Sogar Mustafa Hussein, der nun die gesellschaftskritische Wochenzeitschrift „Karikatur“ herausgibt, sparte mit seiner Feder stets Staatspräsident Mubarak aus. In einer Zeit, in der selbst dieser nicht länger unangreifbar ist, bleibt für alle Karikaturisten das größte Tabu aber weiter bestehen: die Religion.

          Zwischen Bush und Olmert: Auch der dänische Ministerpräsident Rasmussen ist verhaßt
          Zwischen Bush und Olmert: Auch der dänische Ministerpräsident Rasmussen ist verhaßt : Bild: REUTERS

          Nicht zuletzt wegen des generellen Abbildungsverbots im Islam ist es für jeden arabischen Karikaturisten undenkbar, den Propheten Mohammed darzustellen. Grundsätzlich nie ist die Religion an sich Thema einer Karikatur, ob der Islam oder das Christentum. Das hindert die Karikaturisten nicht daran, gelegentlich einen Diener der Religion, sei es den Imam oder den Popen, mit seinen menschlichen Schwächen darzustellen. Völlige Zurückhaltung ist aber, aus Respekt gegenüber dem Glauben, beim Thema Religion geboten.

          „Und wo bleibt der Ketchup?“

          Witzig und angriffslustig können andererseits die politischen Karikaturen sein. In der vergangenen Woche zeigte die Wochenzeitschrift „Sabah al chair“ einen Ägypter, der gelangweilt vor dem Fernsehgerät sitzt und seiner Frau zuruft: „Was soll denn dieses doofe Fernsehprogramm? Ich schalte zum iranischen Atomprogramm um und schaue, was dort geschieht!“

          Während des Kriegs in Afghanistan druckte eine ägyptische Zeitung die Karikatur eines Talib, der auf einem Hügel hockt, ein abgeworfenes Lebensmittelpaket in der Hand hält, einen Hamburger ißt und nach oben ruft: „Und wo bleibt der Ketchup, ihr ungläubigen Hundesöhne?“ Platt werden die Karikaturen vor allem dann, wenn Israel das Thema ist, der Davidstern mit dem Hakenkreuz kombiniert wird und ein Israeli ein bluttriefendes Schwert in der Hand hält.

          „Was für eine Pressefreiheit?“

          In Ägypten beschäftigt der Streit über die Karikaturen, die Mohammed mit einer Bombe als Turban zeigen, nur wenige, in Saudi-Arabien beherrscht er die öffentliche Diskussion. Oberwasser haben jene Ewiggestrigen bekommen, die vorgeben, die Ehre des Propheten hochzuhalten, in erster Linie aber gegen einen Dialog mit dem Westen und eine Öffnung des Landes sind sowie Reformen ablehnen. Die saudische Regierung zeigt kein Interesse an einer Eskalation, muß aber auf die öffentliche Meinung Rücksicht nehmen. Seitdem die norwegische Regierung den Nachdruck der Karikaturen in einer norwegischen Zeitschrift am 10. Januar, dem ersten Tag des muslimischen Opferfests, „mißbilligt“ hatte, ist das Land nicht mehr in der Kritik.

          Die dänische Regierung und die Islamische Gemeinde in Kopenhagen bemühten sich am Dienstag um Entspannung im Streit mit arabischen Ländern. Am Tag nach der Entschuldigung der Zeitung „Jyllands-Posten“ für die Kränkung religiöser Gefühle durch die Bilder kündigte Ministerpräsident Rasmussen eine umfassende diplomatische Initiative an. Er äußerte die Hoffnung, daß es nun nicht zu den angedrohten Boykottaktionen gegen Dänemark nach dem Vorbild Saudi-Arabiens kommen werde.

          Evakuierung nach Bombendrohung

          Rasmussen hatte zudem gesagt, er hätte niemals Bilder von Mohammed veröffentlicht. Tausende Palästinenser waren jedoch nicht damit zufrieden. Sie verbrannten am Dienstag im Gazastreifen dänische Fahnen und riefen „Krieg gegen Dänemark, Tod für Dänemark“. Zugleich forderten sie zum Boykott dänischer Produkte auf und verlangten eine Entschuldigung der Regierung - die der Zeitung bezeichneten sie als nicht ausreichend. Eine saudische Zeitung fragte, was das für eine Pressefreiheit sei, die das Leugnen des Holocausts unter Strafe stelle, die Verunglimpfung der Religion aber toleriere.

          Unterdessen mußten Büros der Zeitung „Jyllands-Posten“ am Dienstag nachmittag wegen einer telefonischen Bombendrohung evakuiert werden. Nach anderthalb Stunden ergebnisloser Suche nach einem Sprengsatz gab die Polizei die Räume der Zentralredaktion in Århus wieder frei, in Kopenhagen dauerte die Suche am Abend noch an.

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