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Missbrauch vertuscht? : Ein Kardinal muss sich verantworten

Vor Gericht: Der Erzbischof von Lyon, Philippe Kardinal Barbarin Bild: AFP

Der Erzbischof von Lyon und zwei Bischöfe sollen den Verdacht des Kindesmissbrauchs gegen einen Priester nicht gemeldet haben und stehen deshalb nun vor Gericht. Der Hauptverdächtige beteuert seine Unschuld.

          In Frankreich wird der Skandal um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche seit dieser Woche im Gerichtssaal aufgearbeitet. Auf der Anklagebank in Lyon nahmen der Erzbischof von Lyon, Philippe Kardinal Barbarin, der Erzbischof von Auch, Maurice Gardès, der Bischof von Nevers, Thierry Brac de la Perrière, sowie der Priester Xavier Grillon Platz. Es fehlten nur der spanische Kurienkardinal Luis Ladaria, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre im Vatikan, und dessen deutscher Vorgänger Gerhard Ludwig Kardinal Müller, die ihrer Vorladung unter Verweis auf ihre strafrechtliche Immunität nicht nachgekommen waren.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das Gericht hatte sie anhören wollen, um die Rolle der Kirchenführung im Vatikan zu klären. Die französischen Geistlichen müssen sich wegen des Verdachts, sexuelle Straftaten an Minderjährigen nicht angezeigt zu haben, vor Gericht verantworten. Auch soll geprüft werden, ob sie ihre Schutzpflicht gegenüber Kindern in der Gemeinde vernachlässigt haben. In Frankreich sind alle Bürger verpflichtet, sexuelle Straftaten an Minderjährigen im Verdachtsfall der Justiz zu melden. Das Verschweigen kann mit einer Höchststrafe von drei Jahren Haft und Geldbußen bis zu 45.000 Euro geahndet werden. Kardinal Barbarin, der als „Primas von Gallien“ zu den höchsten Würdenträgern der katholischen Kirche in Frankreich zählt, hatte vor Prozessbeginn wiederholt seine Unschuld beteuert. Vor Gericht soll nun geklärt werden, ob der Kardinal und seine früheren Untergebenen in der Erzdiözese Lyon dazu beigetragen haben, dass ein pädophiler Priester auch nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe noch jahrelang im Kontakt mit Kindern stand.

          Das Verfahren hat ein Opferverein angestrengt, dessen Ziel es ist, Versäumnisse in der kirchlichen Hierarchie offenzulegen. „Wir wollen nicht einen Prozess gewinnen. Wir wollen eine öffentliche Debatte über das Vertuschen sexuellen Missbrauchs in der Kirche anzetteln“, sagte François Devaux, der den Verein La Parole Libérée (etwa: Das befreite Wort) mitbegründet hat. Zehn Mitglieder des Vereins und mutmaßliche Opfer des Priesters Bernard Preynat treten als Nebenkläger in dem Prozess auf. Der Geistliche muss sich in einem getrennten Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs verantworten.

          Der Skandal um Kardinal Barbarin reicht in das Jahr 2014 zurück. Ein früherer Pfadfinder aus Sainte-Foy-lès-Lyon, Alexandre Hezez, stellte im Juli 2014 zu seinem Entsetzen fest, dass sein ehemaliger Peiniger, der Priester Preynat, in seiner Gemeinde noch immer im Kontakt mit Kindern stand. Hezez, inzwischen Vater von fünf Kindern, wandte sich in einem vertraulichen Schreiben an Kardinal Barbarin und wurde im November 2014 von ihm zu einem Gespräch empfangen. Barbarin versicherte dem Missbrauchsopfer damals, den Fall des Priesters umgehend im Vatikan zu melden. Doch als im darauffolgenden Sommer 2015 Priester Preynat noch immer in Amt und Würden war, schaltete Hezez die Justiz ein. Erste Ermittlungen wurden angestrengt. Weitere Opfer des Priesters meldeten sich, die meisten von ihnen gehörten zwischen 1986 und 1991 den Pfadfindern an und wurden bei Wochenendlagern missbraucht. Im August 2016 stellte die Staatsanwaltschaft in Lyon das Verfahren ein, da die meisten Fälle verjährt seien. Der Opferverein strengte daraufhin eine neue Klage an, der die Justiz dieses Mal stattgab. „Wir wollen die Wahrheit über das Schweigekartell wissen“, sagte Hezez zum Prozessbeginn am Montag.

          Der Opferverein kann auf Unterstützung in der Kirche zählen. So sammelte der Priester Pierre Vignon aus einer kleinen Berggemeinde im Vercors im vergangenen August über eine Petition mehr als 110.000 Unterschriften für eine Abberufung Barbarins. Der Kardinal müsse sich seiner Verantwortung stellen, dass sexuelle Missbrauchsfälle jahrelang vertuscht worden seien, heißt es darin. Die französische Bischofskonferenz hatte bereits im November 2000 klar Stellung bezogen. In ihrer im Wallfahrtsort Lourdes veröffentlichten Erklärung zu sexuellem Missbrauch heißt es: „Bischöfe dürfen sich nicht passiv verhalten und keine Straftaten decken.“ In einer im Jahr 2003 aufgelegten Broschüre der Bischofskonferenz an alle Priester wird an die Pflicht erinnert, die Justiz im Verdachtsfall einzuschalten. Kardinal Barbarin sagte im April 2016 vor der Bischofskonferenz in Lourdes: „Gott sei Dank sind die meisten (Missbrauchs-)Fälle verjährt.“

          In Frankreich hat die Justiz bereits zweimal Bischöfe verurteilt, die sexuellen Missbrauch durch pädophile Priester verheimlicht hatten. Im Jahr 2001 wurde der Bischof von Bayeux zu einer Bewährungsstrafe von drei Monaten verurteilt. Im November 2018 entschied ein Gericht, den früheren Bischof von Orléans zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten zu verurteilen.

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