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Karadzic-Prozess : Die „Antikriegsrede“ des Angeklagten K.

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Vom Täter zum Opfer, vom Angeklagten zum Ankläger: Unterstützt durch eine aufwendige Power-Point-Präsentation und Videos, in aufgesetzter Denkerpose oder Stakkato, gibt Radovan Karadzic vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag Muslimen und Nato-Staaten die Schuld am Bosnien-Krieg.

          Richtig in Rage gerät Radovan Karadzic erst, als er auf die Reporter zu sprechen kommt. „Einen dreckigen Krieg haben sie gegen uns geführt“, sagt er mit lauter, schneidender Stimme über die Journalisten, die zwischen 1992 und 1995 aus Bosnien berichteten. In der rechten Hand hält Karadzic seine Brille, mit kräftigen, diktierenden Armbewegungen unterstreicht er jeden seiner Vorwürfe. „Sie waren eine Kriegspartei“, die gelogen, für die Nato spioniert und ihren neutralen Status missbraucht hätten, um das Bild Serbiens in den Dreck zu ziehen, schimpft der einst nicht nur wortmächtige frühere Präsident der bosnisch-serbischen Republika Srpska: „Wir sind bitter bestraft worden für diese Darstellung.“

          Vom Täter zum Opfer, vom Angeklagten zum Ankläger: 19 Monate nach seiner Verhaftung im Juli 2008 in Belgrad und fast 15 Jahre, nachdem das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag (ICTY) ihn 1995 wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen das Kriegsrecht anklagte, geht Karadzic an diesem Montagmorgen im Gerichtssaal I zum Angriff über. Zum Angriff gegen westliche Journalisten, zum Angriff gegen die Anklagebehörde, die für ihn nichts weiter als „eine Disziplinarkommission der Nato“ darstellt - und zum Angriff gegen Bosniens Muslime. Deren Führungsfiguren, sagt Karadzic mit Blick zu Richter O-Gon Kwon, „wollten hundert Prozent Kontrolle über Bosnien, und das war die Hauptursache des Konflikts“.

          Scheitern auf der ganzen Linie

          Wüsste man nicht, dass hier der bis vor kurzem meistgesuchte Mann Europas spricht, könnte man die Behauptung als wirre These eines leicht erregbaren Hobbyhistorikers abtun. In schnellem Tempo, aber wenig stringent trägt der 1945 in der Nachbarrepublik Bosniens Montenegro geborene Angeklagte seine Vorwürfe vor, nimmt Blätter seines Redemanuskripts nochmal in die Hand, die er gerade weggelegt hat. Ungeduldig wippt er mit den Füßen und fährt sich immer wieder mit beiden Händen durch die Haare, um die markante Stirnsträhne aus seinem Gesicht zu schieben.

          Setzt auf offensive Verteidigung: Radovan Karadzic im November 2009 in Den Haag

          In der ersten Hälfte der neunziger Jahre, als er die Balkan-Vermittler von Vereinten Nationen und Europäischer Gemeinschaft ein ums andere Mal an der Nase herumführte, war sie sein Erkennungsmerkmal - fast zwei Jahrzehnte später hat die störrische Silbertolle ihren Schrecken verloren: Hier sitzt einer, der eigentlich mit allem gescheitert ist, was er anfing; weder als Dichter, Psychiater noch als Politiker erreichte Karadzic die Anerkennung, nach der er sich so sehnte, als er das kleine montenegrinische Bergdorf Petrijca 1960 verließ, um in Sarajevo sein Glück zu suchen.

          Erfolg hatte Karadzic schließlich nur als der New-Age-Guru Dragan Dabic, in dessen Maske er bis zu seiner Verhaftung im Sommer 2008 schlüpfte. Eine eigene Webseite für Energiependel richtete er damals ein, gut möglich, dass er bei seinen Vorträgen über die „Nutzbarkeit eigener Energiereserven“ auch Power-Point-Präsentationen benutzte. Routiniert bedient er heute den Computer, blendet Zitate seiner politischen Kontrahenten kurz vor Ausbruch des Krieges ein und lässt ein Video aus dem bosnischen Parlament am Vorabend des Krieges abspielen, das ihn als wahren Bewahrer der kleinen Tito-Republik darstellen soll.

          „Das ist eine Antikriegsrede“

          „Das ist eine Antikriegsrede“, hält er Alan Tieger entgegen, dem Vertreter der Anklage. Der hatte zum Prozessauftakt im vergangenen Oktober dieselbe Rede als Beweis dafür angeführt, dass Karadzics Serbisch-Demokratische Partei (SDS), an deren Spitze er von 1990 bis 1996 stand, die Vertreibung der muslimischen Bevölkerung von langer Hand geplant habe.

          Diesen Vorwurf zu entkräften, „die falsche Anklage“, wie er die 40 Seiten lange Schrift UN-Chefanklägers Serge Brammertz nennt, „vom Kopf auf die Füße zu stellen“, um nichts anderes geht es Karadzic. „Es gab niemals die Absicht, die Idee oder noch weniger einen Plan, um die Muslime und Kroaten zu vertreiben“, behauptet er unter nickender Zustimmung seines serbischen Rechtsberaters Marko Slatkovic, der gemeinsam mit dem Amerikaner Peter Robinson in der Reihe vor Karadzic Platz genommen hat. Der ihm im November vergangenen Jahres vom Gericht zugeordnete Pflichtverteidiger Richard Harvey sitzt schräg hinter ihm - Karadzic würdigt ihn während der Verhandlung keines Blickes.

          Als „Schande für die internationale Staatengemeinschaft“ hatte der einstige Verbündete des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic das Tribunal kurz nach seiner Gründung 1993 bezeichnet. Heute beugt er sich immerhin formal dessen Gepflogenheiten. Als die Richter nach der Mittagspause zurückkehren, steht er auf, schließt den mittleren Knopf seines dunklen Anzugs und drückt die Brust heraus. Mit „Exzellenzen“ spricht er die Vertreter des Gerichts an, auch Ankläger Tieger und die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff behandelt er höflich.

          „Jugoslawien zerfiel nicht, sondern wurde von Außen zerschlagen“

          Doch an der Sache - „Ich werde unsere Nation und ihre gerechte und heilige Sache verteidigen“ - ändert das für Karadzic nichts. Wie schon Milosevic bis zu seinem Tod in Untersuchungshaft 2006 setzt seine Verteidigungsstrategie darauf, den Nato-Staaten die Schuld an den Balkan-Kriegen zuzuschieben - „Jugoslawien zerfiel nicht, sondern wurde von Außen zerschlagen“ - und die eigentlichen Tatvorwürfe gegen die serbische Seite ins Lächerliche zu ziehen. Nur elf Punkte, nicht 66 wie bei Milosevic, hält ihm die Anklage vor - das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 fällt darunter, die Belagerung Sarajevos und die „ethnischen Säuberungen“ im Osten und Norden Bosniens zu Kriegsbeginn 1992.

          Auf die geht Karadzic ein, indem er ein Video aus dem Konzentrationslager Trnopolje zeigt, „ein Sammelzentrum, das von den Flüchtlingen selbst betrieben wurde“, wie er sagt, „ein Transitpunkt“ für „freie Leute“.

          Nachdenklich stützt er sein Kinn in die rechte Hand, während die Bilder von ausgemerzten muslimischen Männern über den Monitor laufen. Seine Denkerpose setzt er auch auf, als er einen Film über das Marktplatzmassaker in Sarajevo im Februar abspielt: „Sie werden in diesem Gerichtssaal noch einen Reigen von Dingen sehen, die die andere Seite ihren eigenen Leute zufügte“, kommentiert er die Greuelszenen. Denn Schuld sind für den Angeklagten, der an diesem Tag auch angibt, sich gegen „unsichtbare Kräfte“ verteidigen zu müssen, immer die anderen.

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