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Karadzic-Prozess : Die „Antikriegsrede“ des Angeklagten K.

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„Das ist eine Antikriegsrede“

„Das ist eine Antikriegsrede“, hält er Alan Tieger entgegen, dem Vertreter der Anklage. Der hatte zum Prozessauftakt im vergangenen Oktober dieselbe Rede als Beweis dafür angeführt, dass Karadzics Serbisch-Demokratische Partei (SDS), an deren Spitze er von 1990 bis 1996 stand, die Vertreibung der muslimischen Bevölkerung von langer Hand geplant habe.

Diesen Vorwurf zu entkräften, „die falsche Anklage“, wie er die 40 Seiten lange Schrift UN-Chefanklägers Serge Brammertz nennt, „vom Kopf auf die Füße zu stellen“, um nichts anderes geht es Karadzic. „Es gab niemals die Absicht, die Idee oder noch weniger einen Plan, um die Muslime und Kroaten zu vertreiben“, behauptet er unter nickender Zustimmung seines serbischen Rechtsberaters Marko Slatkovic, der gemeinsam mit dem Amerikaner Peter Robinson in der Reihe vor Karadzic Platz genommen hat. Der ihm im November vergangenen Jahres vom Gericht zugeordnete Pflichtverteidiger Richard Harvey sitzt schräg hinter ihm - Karadzic würdigt ihn während der Verhandlung keines Blickes.

Als „Schande für die internationale Staatengemeinschaft“ hatte der einstige Verbündete des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic das Tribunal kurz nach seiner Gründung 1993 bezeichnet. Heute beugt er sich immerhin formal dessen Gepflogenheiten. Als die Richter nach der Mittagspause zurückkehren, steht er auf, schließt den mittleren Knopf seines dunklen Anzugs und drückt die Brust heraus. Mit „Exzellenzen“ spricht er die Vertreter des Gerichts an, auch Ankläger Tieger und die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff behandelt er höflich.

„Jugoslawien zerfiel nicht, sondern wurde von Außen zerschlagen“

Doch an der Sache - „Ich werde unsere Nation und ihre gerechte und heilige Sache verteidigen“ - ändert das für Karadzic nichts. Wie schon Milosevic bis zu seinem Tod in Untersuchungshaft 2006 setzt seine Verteidigungsstrategie darauf, den Nato-Staaten die Schuld an den Balkan-Kriegen zuzuschieben - „Jugoslawien zerfiel nicht, sondern wurde von Außen zerschlagen“ - und die eigentlichen Tatvorwürfe gegen die serbische Seite ins Lächerliche zu ziehen. Nur elf Punkte, nicht 66 wie bei Milosevic, hält ihm die Anklage vor - das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 fällt darunter, die Belagerung Sarajevos und die „ethnischen Säuberungen“ im Osten und Norden Bosniens zu Kriegsbeginn 1992.

Auf die geht Karadzic ein, indem er ein Video aus dem Konzentrationslager Trnopolje zeigt, „ein Sammelzentrum, das von den Flüchtlingen selbst betrieben wurde“, wie er sagt, „ein Transitpunkt“ für „freie Leute“.

Nachdenklich stützt er sein Kinn in die rechte Hand, während die Bilder von ausgemerzten muslimischen Männern über den Monitor laufen. Seine Denkerpose setzt er auch auf, als er einen Film über das Marktplatzmassaker in Sarajevo im Februar abspielt: „Sie werden in diesem Gerichtssaal noch einen Reigen von Dingen sehen, die die andere Seite ihren eigenen Leute zufügte“, kommentiert er die Greuelszenen. Denn Schuld sind für den Angeklagten, der an diesem Tag auch angibt, sich gegen „unsichtbare Kräfte“ verteidigen zu müssen, immer die anderen.

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