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Karadzic-Festnahme : Kriegsverbrecher arbeitete als Arzt

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Verehrt als serbischer Patriot: Karadzic (l.) und der Befehlshaber der bosnisch-serbischen Verbände, Mladic Bild: AFP

Nach jahrelanger Flucht ist der wegen Kriegsverbrechen angeklagte ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gefasst worden. Er hatte unter falscher Identität in Belgrad gelebt. Karadzic werde schon bald an das UN-Tribunal überstellt, heißt es in Belgrad.

          Der am Montagabend verhaftete frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic hatte sich nach Darstellung der serbischen Behörden beinahe perfekt getarnt. Er habe sein Aussehen von Grund auf verändert, sagte der für die Zusammenarbeit mit dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zuständige serbische Minister Rasim Ljajic am Dienstag in Belgrad.

          Zum Beweis zeigte Ljajic eine Fotografie von Karadzic, die ihn in dunkler Kleidung, mit schulterlangen weißen Haaren, einem weißen Vollbart und einer Brille zeigt. Die Tarnung von Karadzic sei so perfekt gewesen, dass er unerkannt durch Belgrad spazieren konnte. Zuletzt habe Karadzic in einer privaten Arztpraxis in Belgrad gearbeitet. Er habe sich mit „alternativer Medizin“ beschäftigt und sei wegen seiner Tarnung nicht entdeckt worden, sagte Ljajic. Der Gesuchte habe einen Personalausweis auf den Namen Dragan Dabic besessen.

          Karadzic sei am Montagabend „in der Umgebung von Belgrad“ verhaftet worden, berichtete der Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic. Die Enttarnung Karadzics sei im Zuge der Suche nach dem ebenfalls flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic möglich geworden. Polizei und Geheimdienste hätten die Helfershelfer von Mladic observiert und seien auf Karadzic gestoßen. Die Spezialkräfte der Geheimdienste hätten zugegriffen, als sich Karadzic von einem Unterschlupf zu einem neuen Versteck begeben wollte.

          Karadzic wird an UN-Tribunal überstellt

          Karadzic werde schon bald an das UN-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien überstellt, sagte Vukcevic. Ein Richter in Belgrad habe eine entsprechende Verfügung erlassen, gab der Staatsanwalt bekannt. Karadzics Anwalt Svetozar Vujacic erklärte, er werde dagegen Berufung einlegen. Dazu hat er drei Tage Zeit.

          Seit fast 13 Jahren wurde nach Karadzic gefahndet. In der Nacht zum Dienstag wurde der 63-Jährige von einem Untersuchungsrichter am Belgrader Kriegsverbrechergericht erstmals vernommen. Bei seiner ersten Vernehmung durch den Staatsanwalt hat Karadzic zu den Vorwürfen geschwiegen, ließ sein Anwalt verlauten. Der früher korpulente Mann sei abgemagert und verweigere die angebotene Nahrung.

          In der EU, der Nato und den Vereinigten Staaten wurde die Verhaftung von Karadzic mit Beifall aufgenommen wordenInternational wurde die Festnahme einhellig begrüßt. (Siehe auch: Internationale Reaktionen: „Historischer Augenblick“)

          Angeklagt vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal

          Karadzic gehörte gemeinsam mit seinem früheren Militärchef Ratko Mladic zu den meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechern des Balkankonflikts. Er ist vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg von 1992-1995 angeklagt. Karadzic wurde insbesondere wegen des Massakers von Srebrenica gesucht, bei dem im Juli 1995 rund 8000 Muslime umgebracht worden waren. Das Massaker gilt als das schwerste in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Sowohl der Internationale Gerichtshof wie auch das UN-Kriegsverbrechertribunal stuften es als Völkermord ein.

          UN-Chefankläger Serge Brammertz begrüßte die Festnahme als „Meilenstein“ in der Zusammenarbeit zwischen Serbien und dem UN-Tribunal. Die EU-Ratspräsidentschaft sprach von einer „wichtigen Etappe“ auf dem Weg zu einer weiteren Annäherung Serbiens an die EU. Serbien hatte Ende April ein Stabilisierungs- und Assoziationsabkommen mit der EU unterzeichnet. Dieses tritt jedoch nur bei einer „vollständigen Zusammenarbeit“ Belgrads mit dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Kraft. Erst vor zwei Wochen war eine neue pro-europäische Regierung in Serbien gebildet worden.

          „Usama Bin Ladin Europas“

          UN-Generalsekretär Ban Ki-moon würdigte die Festnahme als „historischen Augenblick“. Die Opfer des Bosnien-Krieges hätten 13 Jahre lang auf Gerechtigkeit gewartet. Die amerikanische Regierung feierte die Verhaftung als Tribut an die Opfer der Kriegsgräuel. Ein bedeutender Verbrecher sei „von der Bühne entfernt“ worden, sagte der frühere amerikanische Balkanbeauftragte Richard Holbrooke. Karadzic sei der „Usama Bin Ladin Europas“.

          Die Organisation „Mütter von Srebrenica“ begrüßte die Festnahme. Damit werde den Opfern des Massakers von Srebrenica „endlich Gerechtigkeit getan“. In Srebrenica feierten dutzende Muslime die Nachricht auf den Straßen. In Belgrad demonstrierten dagegen rund 50 serbische Ultra-Nationalisten vor dem Kriegsverbrechergericht gegen Karadzics Festnahme. Die Polizei bildete einen dreifachen Sicherheitsring um das Gebäude.

          Umstände der Festnahme noch unklar

          Über die genauen Umstände bei der Festnahme Karadzics gibt es widersprüchliche Berichte. Seine Anwältin Sveta Vujacic erklärte, Karadzic sei bereits am Freitagmorgen in einem Linienbus festgenommen und dann festgehalten worden, bis er am Montag dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden sei. „Er (Karadzic) sagte, dass diese Leute ihm ihre Polizeimarke gezeigt haben und ihn dann an einen Ort gebracht und in einem Raum festgehalten haben. Und das ist absolut gegen das Gesetz“, sagte die Anwältin der Fernsehnachrichtenagentur APTV. „Der Richter hat auch erklärt, dass er der Sache nachgehen will, wer ihn drei Tage lang festgehalten hat und warum.“

          Dagegen verlautete aus Polizeikreisen, Karadzic sei nach wochenlanger Beobachtung in einem Haus in einem Belgrader Vorort festgenommen worden. Zuvor habe es einen Tipp von einem ausländischen Geheimdienst gegeben. Klar scheint jedenfalls, dass Karadzic sich nicht freiwillig den serbischen Behörden gestellt hat. „Er hat nicht kapituliert, das ist nicht sein Stil“, sagte sein Bruder Luka Karadzic vor dem Gerichtsgebäude in Belgrad, wohin der Festgenommene gebracht worden war.

          Nach der Festnahme von Karadzic fahndet das UN-Tribunal nun noch nach zwei mutmaßlichen Kriegsverbrechern: Karadzics früherer rechter Hand Mladic und dem früheren Serbenführer in Kroatien, Goran Hadzic.

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