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Kanzlerin Merkel in Washington : Schweigen und ein Staatsbankett

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Amerika nimmt von der Ankunft der Bundeskanzlerin kaum Notiz. Und das, obwohl Angela Merkel die höchste zivile Auszeichnung des Landes erhalten soll. Was sagt das über die bilateralen Beziehungen aus?

          Die Regierungschefin der größten Volkswirtschaft Europas kommt nach Washington zu Besuch, und im Begleittross bringt sie fast das halbe Kabinett mit. Ihr wird die Freiheitsmedaille des Präsidenten überreicht, die höchste zivile Auszeichnung des Landes. Und es gibt ein Staatsbankett im Weißen Haus. In der Amtszeit Barack Obamas war diese Ehre nur den Präsidenten Indiens, Chinas und Mexikos zuteil geworden. In den amerikanischen Medien aber war am Tag der Ankunft der Kanzlerin und ihres Mannes Joachim Sauer kaum ein Wort zu lesen oder zu hören.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Deutschland, das ist aus amerikanischer Sicht derzeit ein gefährliches Bakterium auf deutschen Bohnensprossen, das Berlin zunächst unschuldigen spanischen Gemüsebauern auf die Tomaten und Gurken geschoben habe. Und Deutschland, das ist eine Energie- und Atomkraftpolitik, die selbst von der linksliberalen Tageszeitung „Washington Post“ in einem Kommentar jüngst als weltfremd, klimaschädigend und „von Panik getrieben“ gegeißelt wurde.

          Immerhin brachte eine Lokalzeitung in der Rubrik „Embassy Row“ eine Notiz über den Besuch der Kanzlerin – gleich neben der Meldung, dass auch Jamaikas Premierminister Bruce Golding derzeit in Washington sei. Der Nachrichtensender CNN glaubte schon im April zu wissen, dass Frau Merkels Visite „die erste eines deutschen Staatsoberhauptes“ seit dem Staatsbesuch des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Jahr 1992 sein werde. Staats- und Regierungschefs aus parlamentarischen Demokratien werden in Amerika öfter verwechselt, weil man so sehr ans Präsidialsystem gewöhnt ist, in dem der Präsident zugleich die Regierungsgeschäfte führt. Auch aus dem Weißen Haus selbst war vorab nichts über den Besuch Frau Merkels zu hören – es gab keines der sonst üblichen Hintergrundgespräche für das Pressekorps, auch keine Interviews.

          Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind entweder so ungetrübt oder aber so unbedeutend, dass sie keiner öffentlichen Pflege bedürfen.

          Präsident Obama selbst ließ von seinem Stab lediglich schriftlich eingereichte Fragen einer Berliner Lokalzeitung zum deutsch-amerikanischen Verhältnis beantworten. Im Übrigen hatte er Wichtigeres zu tun: den Anstieg der Arbeitslosenquote im Mai auf 9,1 Prozent und die anhaltende Immobilienkrise erklären, die Milliardenkredite an die heimische Automobilindustrie verteidigen, die Diskussion über den Krieg in Libyen und den Abzug aus Afghanistan steuern.

          Freiheitsmedaille für Merkel

          Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind entweder so ungetrübt oder aber so unbedeutend, dass sie aus Sicht Washingtons selbst aus dem Anlass eines ranghohen Besuches keiner öffentlichen Pflege bedürfen. Gewiss glänzt die Freiheitsmedaille, die Obama der Kanzlerin überreichen wird.

          Nur haben die übrigen 14 Medaillengewinner des Jahres 2010 aus Politik, Wirtschaft, Kunst, Sport und Unterhaltung ihre Auszeichnung schon bei der offiziellen Verleihung im Februar umgehängt bekommen – unter ihnen der frühere Präsident George H.W. Bush, die Dichterin Maya Angelou, der Cellist Yo-Yo Ma, der Investor Warren Buffett sowie die Basketball-Größe Bill Russell.

          Zu den bisher mit der Freiheitsmedaille ausgezeichneten Staats- und Regierungschefs befreundeter und verbündeter Staaten gehören unter anderen Tony Blair und Margaret Thatcher, Helmut Kohl, Mary Robinson aus Irland, Joseph Luns aus Belgien, Ellen Johnson-Sirleaf aus Liberia. Präsidenten vergeben je Amtsjahr etwa ein Dutzend Freiheitsmedaillen, Obama ist ein wenig freigebiger als seine Amtsvorgänger und hat es in zwei Jahren schon auf 31 Medaillenträger gebracht.

          Staatsdinner im Weißen Haus

          Obwohl Obama und die „First Lady“ Michelle der Kanzlerin und ihrem Ehemann sowie der Delegation aus Berlin ein Staatsdinner im Weißen Haus geben, handelt es sich nicht um einen Staatsbesuch, sondern um einen offiziellen Besuch, bei dem auch gearbeitet und verhandelt wird.

          Wann immer deutsche Regierungsmitglieder und Diplomaten etwas zum gegenwärtigen Stand der Beziehungen zwischen Washington und Berlin mitteilen, versichern sie, der Streit über die deutsche Enthaltung im UN-Sicherheitsrat in Sachen Libyen-Resolution sei längst vergessen. In Washington aber und auch bei der amerikanischen UN-Botschaft in New York ist der Vorfall, bei dem der Nato-Verbündete Deutschland als einziger europäischer Staat mit Russland und China stimmte, noch lange nicht vergessen.

          Er freue sich auf die Diskussion mit der Kanzlerin darüber, „wie wir gemeinsam noch mehr tun können, um effektiver auf die Veränderungen in der Region zu reagieren“, ließ Obama der Zeitung aus Berlin mitteilen und schloss den Fall Libyen ausdrücklich ein. Die Menschen in Libyen, Ägypten und anderen Staaten im Maghreb und im Nahen Osten verdienten die entschlossene Hilfe Deutschlands und Amerikas. Denn dank ihrer eigenen Lebenserfahrung in einem totalitären Staat wisse die Kanzlerin, dass „Freiheit nicht von selbst kommt“.

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