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Kanzlerin Merkel in Washington : Ein weiter Bogen hoch über den Details

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht im Kongress Bild: REUTERS

Als erste deutsche Regierungschefin nach Konrad Adenauer hat Angela Merkel im amerikanischen Kongress gesprochen. Die Bundeskanzlerin dankte für die Rolle der Vereinigten Staaten auf dem Weg zur Deutschen Einheit und blieb sonst lieber im Grundsätzlichen.

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          Bundestagsdebatten klingen anders. Wenn im Washingtoner Kapitol Abgeordnete oder Senatoren Beifall zollen, dann stehen sie auf und klatschen. Höchstes Lob bedeutet ein zusätzliches „Oh, oh, oh“. Mehrmals hat Angela Merkel das am Dienstag zu hören bekommen. Zuerst, als sie sagte: „In wenigen Tagen schreiben wir den 9. November. Es war der 9. November 1989, an dem die Berliner Mauer fiel.“ Minuten später erhoben sich die Zuhörer nach ihre Bemerkung „in diesem Hohen Haus sein zu können - das erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit“. Solche Sätze waren es, mit denen die Bundeskanzlerin die Sympathie der politischen Klasse in Washington für sich zu erwerben versuchte.

          „Ich bin zutiefst davon überzeugt: Einen besseren Partner als Amerika gibt es für Europa nicht, und einen besseren Partner als Europa gibt es für Amerika nicht.“ Das war ein freundliches Bekenntnis, in dem sich allerdings die Forderung nach Verständnis der anderen Seite verbarg. Nie an diesem Mittag aber war der Beifall so ausgiebig wie an der Stelle ihrer Rede, an der sie das iranische Atomprogramm kritisierte und die anti-israelische Politik des iranischen Präsidenten erwähnte: „Wer Israel bedroht, bedroht auch uns.“

          Einen Bogen zu spannen, hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgenommen. Einen Bogen, der vom Ende des Zweiten Weltkrieges über die Jahrzehnte der deutschen Teilung und des Kalten Krieges bis hin zum Fall der Mauer in Berlin und das Gedenken daran in diesen Tagen reichen sollte. Insofern war die Einladung, die ihr die „Sprecherin“ des amerikanischen Kongresses, die Demokratin Nancy Pelosi, für eine Rede im Kongress ausgesprochen hatte, nicht bloß eine diplomatische Ehre, sondern auch eine Gelegenheit, den Amerikanern, nicht zum ersten Mal, für ihre Beiträge zur Vereinigung Deutschlands zu danken. Sich selbst pflegt Frau Merkel als ein Produkt anzusehen, das die vor mehr als 20 Jahren erwarteten Veränderungen in Europa mit sich brachten. „Alles ist möglich.“

          Applaus für die Kanzlerin: Im Hintergrund Vizepräsident Joe Biden und die Sprecherin des amerikanischen Kongresses, Nancy Pelosi

          Streng ist das Protokoll im Kapitol

          Frau Merkel erinnerte an ihre eigene Jugendzeit: „Ich habe mich - wie viele andere Teenager auch - begeistert für Jeans einer bestimmten Marke, die es in der DDR nicht gab und die mir meine Tante aus dem Westen regelmäßig schickte.“ Hier lachte des Hohe Haus. Doch zugleich war es das Ziel der Kanzlerin gewesen, den Abgeordneten des Repräsentantenhauses und den Senatoren die deutschen Positionen zu den aktuellen Krisenthemen der internationalen Politik nahezubringen - den Klimaschutz voran. Natürlich zitierte Frau Merkel die Worte des amerikanischen Präsidenten Kennedy 1961 in Berlin: „Ich bin ein Berliner.“

          Streng ist das Protokoll im Kapitol. Um 9.50 Uhr Begrüßung durch die beiden Protokollchefs - des Senats und des Repräsentantenhauses. Die beiden geleiten sie zu Nancy Pelosi, die Frau Merkel seit vielen Jahren gut bekannt ist. Ein kurzes Gespräch. Sodann hat sich Frau Pelosi zu verabschieden. Ehrenbegleiter - in diesem Falle führende Mitglieder der beiden Häuser und der beiden Parteien - geleiten die Bundeskanzlerin in den Plenarsaal, wo sie, „mit Handschlag“, abermals Frau Pelosi und Joseph Biden zu begrüßen hatte, der als Vizepräsident der Vereinigten von Amerika zugleich Präsident des Senats ist. Selbst der Passus, die Bundeskanzlerin verlasse das Rednerpult, führe während des Hinausgehens kurze Gespräche und schüttele Hände, war im Protokoll vorgesehen. Es wäre auch so dazu gekommen.

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