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Kanzlerin Merkel in China : Aufbau West im Reich der Mitte

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Kanzlerin Angela Merkel lässt sich in Chengdu von FAW-Chef Xu Jianyi das Automobil-Werk in Chengdu erklären - daneben VW-Vorstandsmitglied Jochem Heizmann (3.v.l) und der BDI-Vorsitzende Ulrich Grillo (M.) Bild: dpa

Zur Förderung der deutschen Bau- und Autmobilwirtschaft besucht die Kanzlerin Chinas neue Boomregion Chengdu. Schattenseiten der rasanten Urbanisierung kommen nur am Rande vor.

          Erstaunliches gibt es aus der Hauptstadt der chinesischen Provinz Sichuan zu berichten. Das Kolpingwerk, der im späten 19. Jahrhundert gegründete katholische Gesellenverein, ist in Chengdu aktiv. Gemeinsam mit einer Hochschule vor Ort betreibt er eine Ausbildungsstätte, in der die Vorteile des dualen Ausbildungssystems aus Deutschland in China erprobt und weitergegeben werden sollen. Daraus soll die Lehre gezogen werden, dass die Tätigkeit universitärer Hochschulen nicht alles sei – für die Entwicklung der Region.

          Auch wird daraus die Lehre gezogen, dass die Wanderarbeiter, jene große Gruppe aus den Dörfern in die Städte ziehender Menschen, mittlerweile einer Ausbildung bedürfen und nicht mehr bloß als billige und ungelernte Arbeiter gebraucht werden. Nun hat Angela Merkel am ersten Tag ihrer insgesamt siebten Reise nach China jene Kolping-Einrichtung nicht besucht. Doch der quirlige aus Bayern stammende Frankfurter Kevin Martin, der mit dem Projekt maßgeblich zu tun hat, ist einer der Teilnehmer des sogenannten „Urbanisierungsforums“, das sich mit der städtebaulichen und damit auch der sozialen Entwicklung der Region befasst. Eine Million Menschen zögen jährlich vom Land in die Stadt, sagt Wei Hong, der Gouverneur der Provinz Sichuan. Welch eine Herausforderung sei das. Derzeit lebten 40 Prozent der Bevölkerung in den Städten, und jährlich sollten es 1,5 Prozentpunkte mehr werden.

          Chinesisch für Anfänger: Bundeskanzlerin Merkel beim kulinarischen Fachsimpeln in Chengdu letzten Sommer. Bilderstrecke

          „Dieser Wandel muss gestaltet werden“, sagt die Bundeskanzlerin vor den Teilnehmern – allesamt Wirtschaftsleute, die im weitesten Sinne mit der Bauwirtschaft und der Verkehrsinfrastruktur zu tun haben. Und die Bundesregierung verfolge nicht bloß die Entwicklung im Osten Chinas, womit die Regionen Schanghai oder Kanton gemeint waren, sondern auch die im Südwesten Chinas mit Interesse, Sichuan also zum Beispiel. Dass dahinter erhebliche wirtschaftliche Interessen deutscher Unternehmen stecken, versteht sich von selbst.

          Seit Gerhard Schröders Kanzlerzeiten verstehen sich deutsche Regierungschefs bei ihren fast jährlichen Reisen in das Land der Mitte auch als „Türöffner“ der deutschen Wirtschaft – die Lage der Menschenrechte in China hin oder her. Die Urbanisierung Chinas sei eine der „zentralen Herausforderungen“ des Landes, sagt Merkel. Hochschulen seien zu gründen und Wanderarbeiter zu versorgen. Eine „Riesenherausforderung“ nennt sie das, welche – so ist ihr Duktus auch fern der deutschen Innenpolitik – „nachhaltig“ zu bewältigen sei und „effizient“ auch.

          Beim Neuaufbau nicht die alten Fehler machen

          Schließlich hat Merkel noch eine Lehre aus der jüngsten deutschen Geschichte für die Leute aus Sichuan bereit. Nach dem Krieg sei es in der alten Bundesrepublik rasant vorangegangen – in der Wirtschaft und bei der Infrastruktur. Doch dann sei die Wende gekommen und die Vereinigung Deutschlands. Und auf dem Gebiet der ehemaligen DDR seien beim Neuaufbau nicht die alten Fehler gemacht worden. Das Modernste sei dort entstanden – die Straßen zum Beispiel. So könne das auch in China sein, meint sie mit Blick auf die alten Wachstumsregionen am Perlfluss und auf die in jüngster Zeit boomenden Städte Sichuans. Dabei war es auch so: Deutsche Studenten zog es schon vor mehr als zehn Jahren nach Chengdu zum Studium der Sprachen und der Ökonomie.

          Natürlich wünschte sich Merkel eine gute Zusammenarbeit in der Baubranche: Verkehrssysteme, Umweltaspekte, Architektur, Energieeffizienz. Das „gesamte Bauen“ sei ein „Riesenthema“. Deutschland wolle mit China über die „Urbanisierungsstrategie“ reden, sagt sie. Manche Delegationsmitglieder mag es gefreut haben, Joachim Faust etwa, Gesellschafter eines großen Architekturbüros „HHP Architekten“ aus Düsseldorf etwa, das nicht bloß mit der Instandsetzung und Restaurierung der Oper in Köln befasst ist, sondern seine wichtigsten Projekte mittlerweile in China hat. Ganze Städte werden neu geplant – mit neuer Infrastruktur, wenn möglich, auch ziemlich ökologisch.

          Ein Gespräch Merkels mit den Initiatoren eines Sozialprojekts gilt der anderen Seite der Medaille. Es ist ein Projekt der – auch in Deutschland ausgebildeten – Professorin Zhang Wei. Es dient der Hilfe der Kinder jener Wanderarbeiter, die das Vorrecht genießen, ihre Familien vom Lande in die Stadt nachholen zu dürfen. Es sind die privilegierten Wanderarbeiter, denn in der Regel haben deren Kinder in den Städten keine Rechte, etwa auf den Schulbesuch oder den Zugang zum Gesundheitssystem. Für viele bedeutet das Familientrennung. Das Projekt Zhang Weis kommt 200 Kindern aus 100 Familien zugute – ländliche Familien dürfen in vielen Provinzen trotz der chinesischen Ein-Kind-Politik zwei Kinder bekommen, wenn das erste Kind eine Tochter ist. Im Rahmen des Projekts erhalten die Kinder Nachhilfe in Schulfächern, aber auch in dem, was man in Deutschland Sozialverhalten nennt. In der Stadt lebt es sich nun einmal anders als auf dem Lande.

          Bunte Bilder von Merkels Tag in Chengdu sollte es auch geben. Besuch also eines Marktes. Gemüse, Fische, Vögel, Schlangen, Obst. Gewürze auch – Sichuan-Pfeffer voran. Merkel probiert hier und schnuppert dort. Eine Restaurant-Küche wird auch besichtigt. Und wie es so ist mit den freundlichen Chinesen: Der Koch hat erfahren, dass Deutschland bei der Fußballweltmeisterschaft nach dem Sieg über Frankreich im Halbfinale steht. Er sei Fan der deutschen Mannschaft, sagt der Koch.

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