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Kanzlerin in Ottawa : Kanada ist nah

  • -Aktualisiert am

Freundschaftstreffen am Lake Harrington: Angela Merkel und Stephen Harper am Mittwoch, in der Sommerresidenz des kanadischen Premiers Bild: dpa

Die Harmonie zwischen Angela Merkel und dem kanadischen Premierminister Stephen Harper wurzelt in der Erkenntnis, dass beide in der gegenwärtigen Krise Schicksalsgenossen sind.

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          Als wollte sie ihre Rückkehr aus dem Urlaub noch ein wenig hinauszögern, hat sich Angela Merkel von Berlin aus in die Flucht geschlagen: Bitte noch ein paar Tage ohne Euro-Krise! Weil es so schön war. 6130 Kilometer ist sie geflogen, gen Westen. Gelandet ist sie Ottawa, der kanadischen Hauptstadt. Weit weg von all dem Schlamassel. Und doch ist sie nun gewissermaßen am Ursprung der Krise angekommen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          1961 hat der damals 29 Jahre alte Kanadier Robert Mundell seine Theorie der optimalen Währungsräume verfasst, in der er Bedingungen für eine Währungsunion von Staaten umreißt. Vier Jahrzehnte später hat er dafür den Nobelpreis erhalten, den einzigen, den ein Kanadier in der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin je erhielt. Kurz gesagt: Die Bedingungen, die er in seinem Werk benennt, entsprechen nicht jenen, welche in der Europäischen Union Ende des vergangenen Jahrhunderts vorzufinden waren. Aber das ist nun verschüttete Milch.

          Harper bezieht gerne Position

          In Ottawa regiert seit 2006 der konservative Premierminister Stephen Harper. Er gehört zu der Kategorie Politiker, die sich beim Blick über den Atlantik vor allem erst einmal wundern über jenes Riesengebilde von derzeit 27 Staaten mit seinen quälend langen Verhandlungsprozessen, immer auf der Suche nach einem Konsens - das entspricht nichts seinem Politikstil. Harper ist eher der Typ, der keine Probleme hat, Positionen zu beziehen, mit denen er ziemlich allein da steht, und der schon mal fragen kann, warum sein Land eigentlich dieser oder jener Regionalorganisation angehören soll: Koste nur Beiträge, bringe doch aber gar nichts.

          Die deutsche Kanzlerin, die ein Jahr länger regiert als er, ist nun zum ersten Mal zu einem bilateralen Besuch in Kanada. Das ist kein Zeichen für ein schlechtes Verhältnis der beiden oder gar für schwierige deutsch-kanadische Beziehungen. Beide haben sich oft gesehen, auf G8-, G20- und Nato-Gipfeln - auch schon in Kanada.

          Dass Harper zwar schon seinen Antrittsbesuch in Berlin gemacht hat, sie aber bislang nur zu internationalen Anlässen in Kanada war, lag daran, dass er zwischenzeitlich mit ziemlich wackeligen Minderheitskabinetten regierte, sein Parlament ob eines drohenden Misstrauensvotums schon mal in den Zwangsurlaub schickte und weiteres mehr. Dann kam die Finanzkrise im Jahr 2008, die Wirtschaftskrise, die Schuldenkrise...

          Angela Merkel drückte es am Mittwochabend auf einem Empfang ihres Botschafters so aus: Man müsse bei all den Problemen auf der Welt aufpassen, dass man auch noch seine Freundschaften pflege. Gewiss, sie wolle Harper auch über die Bemühungen in Europa berichten, die Schuldenkrise zu lösen und dazu beitragen, die Verhandlungen für das europäisch-kanadische Wirtschafts- und Handelabkommen zu beschleunigen. Eigentlich aber will sie zumindest ab und zu auch mal das machen, was Bundeskanzler in Normalzeiten machen: befreundete Regierungschefs besuchen, Wirtschaftsdelegationen an potentielle Partner heranführen, Wissenschaftskooperationen fördern - Dinge tun, die man eben tut, jedenfalls dann, wenn die Welt nicht Kopf steht.

          Harper weiß Angela Merkel zu schätzen. Seine Hauptstadt hat er mit deutschen und kanadischen Flaggen schmücken lassen. Und die Kanzlerin hatte er für den Mittwochabend in seine Sommerresidenz am Lac Mousseau eingeladen. Nur sie und er und die Dolmetscher. So mag er es, so kann bei einem Stück Lende vom Wild ein offenes Wort gesprochen werden. Was die Euro-Krise anbelangt, vertritt er übrigens die Meinung, was man einmal begonnen habe, müsse man auch verteidigen. Dabei ist er ganz auf der anglo-amerikanischen Linie: Er und sein Finanzminister haben vor der Sommerpause deutlich gemacht, dass Europa „mehr tun müsse“, was natürlich hieß, dass Europas größte Volkswirtschaft mehr tun müsse, was wiederum auch hieß: Führt endliche diese Eurobonds ein! Wie die Amerikaner versperrte auch er sich im Juni auf dem G-20-Gipfel im mexikanischen Los Cabos dem Wunsch, sich an der Erhöhung der IWF-Reserve zu beteiligen.

          Gespräch im Gatineau Park, Provinz Quebec
          Gespräch im Gatineau Park, Provinz Quebec : Bild: AFP

          Andererseits ist er jemand, der in wirtschaftspolitischen Fragen ordoliberal denkt und das Argument, dass Europa auch künftig in der Welt wettbewerbsfähig sein müsse, versteht. Und einig ist er sich mit seinem deutschen Gast über die Politik der Haushaltskonsolidierung. Kanada hatte seine eigene Schuldenkrise in den frühen neunziger Jahren, seinerzeit hatte das Land seine Bekanntschaft mit den Ratingagenturen gemacht: Ottawa wurde seinerzeit abgewertet. Seit Ende der neunziger Jahre hat es seine finanzpolitischen Probleme im Griff.

          Die Hoffnung, die das Land in die EU setzt, hat zwei Gründe: Nach den Vereinigten Staaten ist - mit einigem Abstand - Europa sein zweitwichtigster Absatzmarkt. Noch wichtiger aber ist: Europa ist der wichtigste Absatzmarkt Chinas. Schrumpfen nun die chinesischen Exporte, geht auch die Nachfrage Pekings nach Rohstoffen aus Kanada zurück.

          Die Rohstoff-Fixierung Kanadas wäre - zu Normalzeiten - geeignet gewesen, die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu belasten. Vor der Krise war - man hat es schon fast vergessen - Angela Merkel um ihr Bild als Klimakanzlerin bemüht.

          Harper indes hat andere Interessen. Nach der Durban-Konferenz kündigte das Land an, dass es sich aus dem Kyoto-Protokoll zurückziehe. Und es setzt in der Ausbeutung fossiler Energieträger auf Ölsande, deren Klimabilanz bescheiden ist. Früher wäre das der Stoff für einen ernsten Konflikt gewesen. Heute versucht Deutschland eher einen Fuß in die Tür der kanadischen Rohstoffindustrien zu bekommen. Und heute denkt Angela Merkel eher an andere Bilanzen.

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