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Südtirols Unmut : Kann Wien über den Italien-Urlaub der Deutschen entscheiden?

Gäste in einem Restaurant in Bozen am 11. Mai Bild: AP

Vom 3. Juni an dürfen Touristen wieder nach Südtirol und ins übrige Italien reisen. Österreich will die Grenze zu seinem Nachbarn im Süden aber geschlossen halten. Die Südtiroler sind verärgert – sie fürchten um ihre Gäste.

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          Es nicht viel los in der „Bar Luce“ am Bozener Siegesplatz. Drinnen darf man sich nicht setzen, die Stühle sind auf die Tische gestellt. Der Barista trägt Mundschutz. Hinweisschilder ermahnen zur Einhaltung des Mindestabstands: Das sind in Südtirol in der Öffentlichkeit zwei Meter, doppelt so viel wie andernorts in Italien vorgeschrieben. Auch Kunden müssen die „mascherina“ (Mund-Nasen-Maske) tragen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          „Schlecht“, antwortet der Barista im Südtiroler Dialekt auf die Frage nach den Geschäften. „Wenn sie uns schon aufsperren lassen, dann mit weniger strengen Auflagen“, klagt er: „Und die Besucher von außerhalb fehlen uns auch.“ Immerhin, draußen auf der überdachten Terrasse, wo man den Talferbach rauschen hört, darf serviert werden. An einem sonnigen Vormittag sind allerdings nur zwei von einem guten Dutzend Tischen besetzt.

          Südtirol als Vorreiter

          Dass in Bozen und in anderen Städten Südtirols die Kaffeebars und Restaurants, alle Geschäfte und auch die Wochenmärkte seit zwei Wochen wieder offen sind, ist das Ergebnis eines Gesetzes, das vom Landtag (Parlament) in Bozen am 8. Mai verabschiedet wurde. Damit schlug Südtirol, wo seit Jahr und Tag die konservative Südtiroler Volkspartei (SVP) herrscht, auf der Grundlage des Autonomiestatuts einen eiligen Sonderweg bei der Überwindung der Corona-Pandemie ein. Die Regierung in Rom focht das Gesetz vor Gericht an, weil nach ihrer Ansicht national gültige Vorschriften beim Arbeits- und Versicherungsschutz für Beschäftigte nicht berücksichtigt wurden.

          Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) sieht der Anfechtung gelassen entgegen. Er sieht das Vorpreschen Südtirols sogar durch den Umstand politisch bestätigt, dass die Zentralregierung dem wachsenden Druck der Regionen schließlich nachgegeben und ihrerseits das Tempo bei der Öffnung von Wirtschaft und Gesellschaft erhöht hat. Namentlich mit der Entscheidung, das Land schon vom 3. Juni an für Touristen wieder zu öffnen und für Besucher aus EU- und Schengen-Staaten keine Quarantäne mehr zu verlangen, ist Rom dem Ruf Südtirols sowie von Küstenregionen wie Venetien, Ligurien, der Emilia-Romagna und der Toskana gefolgt. Südtirol aber war am schnellsten.

          Seit dem 9. Mai sind alle Produktionsstätten, dazu der Groß- und Einzelhandel – einschließlich Wochen- und Bauernmärkte – sowie das Dienstleistungsgewerbe wieder voll in Betrieb. Seit dem 11. Mai haben Kaffeebars und Restaurants, auch die meisten Bibliotheken und Museen wieder geöffnet. Am 18. Mai begannen Kindertagesstätten und Grundschulen eine Art Notbetrieb für Eltern, die ihre Kinder nicht länger daheim betreuen (lassen) können. Am Montag durften Hotels aufmachen, auch die Seilbahnen verkehren wieder.

          Grenzöffnung zu Italien „unverantwortlich“

          Jetzt müssen nur noch die Gäste kommen. Zwar werden sich Einheimische und Besucher aus dem Ausland innerhalb Italiens vom 3. Juni an uneingeschränkt bewegen können. Aber noch haben die Schweiz und Österreich keinen Termin für die Öffnung der Grenzen zum südlichen Nachbarland bekanntgegeben. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz von der konservativen Volkspartei (ÖVP) hat am Mittwoch in einem Gespräch mit der „Tiroler Tageszeitung“ bekräftigt, dass eine Grenzöffnung zu Italien „wegen der noch immer hohen Infektionszahlen unverantwortlich“ sei.

          Ob man die Grenzen in diesem Sommer überhaupt noch werde öffnen können, hänge allein von der Entwicklung in Italien ab. Zugleich wirbt Kurz selbst heftig um deutsche Touristen, hat mit Berlin die vollständige Öffnung der Landesgrenze zum 15. Juni vereinbart und versichert, nirgendwo könne man so sicher Urlaub machen wie in Österreich.

          Das kommt in Südtirol nicht gut an. Dort ist man überzeugt, die Corona-Pandemie so gut im Griff zu haben wie die Österreicher. In der Provinz wurden am Wochenende nur drei Neuinfektionen gemeldet, die Zahl der derzeit Infizierten nahm um 13 auf 194 ab, es gab keinen Todesfall. Regierungschef Kompatscher und SVP-Parteichef Philipp Achammer rühmen sich, persönlich mit Kanzler Kurz befreundet zu sein, man telefoniert regelmäßig und dutzt einander. Auch die Parteien SVP und ÖVP sind verschwistert.

          Gut die Hälfte der Urlaubsgäste aus Deutschland

          Gut die Hälfte der Übernachtungen in Südtirol ging im Sommer 2019 auf das Konto deutscher Urlaubsgäste. Das Bozener Blatt „Dolomiten“ berichtete am Montag, eine Einreise aus Deutschland über Österreich und den Brenner sei vom 3. Juni an auch dann möglich, wenn Wien an der Grenzschließung zu Italien festhalte.

          Das habe der aus Brixen stammende Europarechtsexperte Walter Obwexer von der Universität Innsbruck bestätigt: So wie Deutsche auf dem Weg von Italien in ihre Heimat durchs Transitland Österreich fahren dürfen, so könnten auch Deutsche auf dem Weg nach Südtirol ohne Probleme Österreich durchqueren – freilich ohne Zwischenhalt an der Tankstelle oder Raststätte. „Es ist nicht Sache der Österreicher zu entscheiden, ob deutsche Touristen Urlaub in Italien machen“, sagt Landeshauptmann Kompatscher. So viel Übereinstimmung ist selten zwischen Rom und Bozen.

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