Ukraine-Krise : Die dicke rote Linie der Nato im Baltikum
- -Aktualisiert am
Denn einen solchen Plan gab es nicht. Als die baltischen Staaten 2004 dem Bündnis beigetreten waren, sah die Nato Russland noch als Partner. Die Neuen mussten sich mit Luftraumpatrouillen der Verbündeten zufriedengeben – was auch bitter nötig war, weil keines der Länder bis heute über eine Luftwaffe verfügt. Die Russen wiederum begannen an ihren militärischen Defiziten zu arbeiten – und fühlten sich im September 2009 stark genug, ihre westlichen Nachbarn zu provozieren. Russische und weißrussische Truppen hielten in Grenznähe das größte Manöver seit sowjetischen Zeiten ab. Übungsauftrag: einen Angriff aus Polen und Litauen zurückschlagen und mit einem Gegenangriff kontern.
Den polnischen Plan erweitern
Sogar der Einsatz taktischer Atomraketen wurde simuliert. Westliche Beobachter waren nicht zugelassen. Alle östlichen Nato–Staaten waren aufgebracht. Polen beschwerte sich darüber, dass die Nato „schwieg“. Der estnische Botschafter zitierte im Nordatlantikrat aus einer streng geheimen Nato-Analyse, in der es hieß, „dass Russland weiterhin die Glaubwürdigkeit und den Zusammenhalt der Allianz testen wird, einschließlich ihrer Bereitschaft zur gemeinsamen Verteidigung“.
Der interne Zwist wurde später publik, als Wikileaks einen Haufen amerikanischer Botschaftsdepeschen veröffentlichte. Diese Dokumente bieten einen tiefen Einblick in das, was folgte. Die baltischen Staaten drangen gegenüber Washington und der Nato auf eigene Verteidigungspläne, im Nato-Jargon „contingency plans“. Das konnte und wollte ihnen nun niemand mehr abschlagen, schließlich existieren solche Pläne für alle anderen Mitgliedstaaten. Der deutsche Nato-Botschafter forderte, den ohnehin gerade in der Revision befindlichen Verteidigungsplan für Polen namens „Eagle Guardian“ („Schützender Adler“) zu erweitern.
Das ging schneller und ersparte dem Bündnis eine grundsätzliche Debatte über die Einschätzung Russlands. Washington konnte gut damit leben, weil Präsident Obama sich gerade um einen „Neu-Start“ in den Beziehungen zu Moskau bemühte. Im Januar 2010 stimmte der Nato-Militärausschuss dem Vorgehen zu, Ende des Jahres waren die Planungen abgeschlossen.
Militärische Details fehlen
Militärische Details der Verteidigungsplanung kommen in den Depeschen nicht vor. Jedoch berichtete eine polnische Zeitung darüber. Demnach sind neun Nato-Divisionen (jeweils mindestens 10.000 Mann) für die Verteidigung Polens und der baltischen Staaten vorgesehen, darunter auch deutsche. Außerdem wurden Häfen in Polen und Deutschland ausgewählt, in denen britische und amerikanische Truppen im Verteidigungsfall anlanden sollen.
Truppenbewegungen dieser Größenordnung brauchen allerdings mehrere Monate. Schneller ist die Nato Response Force verfügbar, eine spezielle Eingreiftruppe. Ihre Speerspitze soll schon nach fünf Tagen in ein Einsatzgebiet verlegt werden können und einen Monat durchhalten. Für diese Truppe gibt es eigene Einsatzpläne – ob sie auch die baltischen Staaten betreffen, ist nicht bekannt.
Dass die baltischen Staaten mehr Schutz benötigen, haben die Mitgliedstaaten in den vergangenen Wochen selbst zu erkennen gegeben. In Reaktion auf die Annexion der Krim weiteten sie ihre Luftraumüberwachung im Baltikum aus und schickten Awacs-Aufklärungsflugzeuge nach Polen und Rumänien. Die Amerikaner stationierten in Polen und jedem der drei baltischen Staaten eine Kompanie mit 150 Mann – für „militärische Übungen“.